Künftiger Bundespräsident Köhler liest Managern die Leviten - zu Unrecht
24. Mai 2004 19:38 Noch am Tag seiner Wahl hat der designierte Bundespräsident Horst Köhler von Top-Managern mehr Verantwortungsbewusstsein und Vorbildfunktion gefordert - und bedient mit seiner wohlfeilen Kritik doch nur Klischees.
In der ARD-Sendung «Sabine Christiansen» wurde Köhler deutlich: «Wer zweistellige Millionenbeträge einstreiche und gleichzeitig Zehntausende von Leuten freisetze, dem fehle es nicht nur an Instinkt, sondern auch an unternehmerischem Bewusstsein.» Köhler wird der erste Bundespräsident mit global-wirtschaftlicher Erfahrung sein. Mit seiner Bemerkung möchte er von Anfang an klarstellen, dass Reformen in Deutschland nicht nur Arbeitnehmersache sind. Wie recht er hat: Wer ein Unternehmen führt, muss der beste Mann im eigenen Hause sein. Der ideale Unternehmer verbindet (im Management-Sinne) fachliche Exzellenz mit charakterlicher Integrität, Bescheidenheit im Auftritt mit visionärer Kraft, Verantwortungsbewusstsein mit Durchsetzungsvermögen.
Köhler bedient Klischees Unternehmen durch Krisen in die Zukunft zu steuern, das ist oft genug mit Umstrukturierungen und Arbeitsplatzabbau verbunden. Es macht sicher mehr Spaß, Leute einzustellen, als Leute zu entlassen. Dafür werden Manager von den Eigentümern hochbezahlt, und es ist sicher gerechtfertigt, gelegentlich an die damit verbundenen Pflichten zu erinnern.Dennoch begibt sich Köhler mit seiner Manager-Kritik auf gefährliches Glatteis. Wie immer, wenn Klischees verbreitet werden. Die große Mehrheit der Top-Manager ist weder gierig noch ohne Verantwortungsgefühl. Das lang gepflegte Klischee, dass Aktienkurse bei Entlassungen immer steigen ist genauso falsch wie das Klischee, dass Manager als erstes auf ihren eigenen Wohlstand achten.
Wasser auf die Mühlen von Attac Das wäre ungefähr so, als ob man Köhler vorwerfen würde, sein Geld als Direktor des Internationalen Währungsfonds zu Lasten der armen Länder verdient zu haben. Denn als hochbezahlter Direktor des IWF bestand seine Haupttätigkeit darin, wirtschaftlichen Fehlentwicklungen in Entwicklungsländern durch Zudrehen des Geldhahnes entgegenzusteuern oder sie mit entsprechenden Drohungen im eigenen Interesse zu Reformen zu zwingen. Tatsächlich haben sich die Globalisierungsgegner in Deutschland bereits auf ihn eingeschossen: «Auch unter dem Direktor Horst Köhler hat das neoliberale Flaggschiff IWF seinen Kurs gegen die ärmsten Länder brutal fortgesetzt», heißt es in einer Erklärung von Attac. Attac («Action pour une taxe Tobin d‘aide aux citoyens») ist die französische Abkürzung für «Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger» und entwickelt sich immer mehr zu einem Koordinierungsinstrument der Globalisierungsgegner.
Spalten statt Versöhnen In Deutschland führt Attac mit 160 aktiven Gruppen diese Kritiker an und wird dabei auch von Gewerkschaften wie Verdi unterstützt. Auf einem Plakat wird Köhler bereits als «Schreibtischtäter» verunglimpft. Er muss aufpassen, dass er mit seiner Offenheit nicht schürt, was ihm selbst nie in den Sinn kommen würde: Zu spalten, statt zu versöhnen.
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