«Fischer massiert selbst»
15. Nov 2001 23:22 Die Zuversicht ist groß, dass die rot-grüne Koalition ihre Nagelprobe am Freitag besteht. Vor der entscheidenden Bundestagssitzung war eine letzte Seelenmassage angesagt.
Von Friedhelm Greis
Zuversicht, Entspannung, Optimismus: Auf den Gesichtern der grünen Abgeordneten war am Donnerstagabend schon abzulesen, wie die Zukunft der rot-grünen Koalition wohl aussehen wird. Überraschend schnell war die Fraktionssitzung zu Ende gegangen, die wie viele andere in den Tagen zuvor noch keine endgültige Entscheidung brachte. Aber zumindest bei den meisten Abgeordneten die Gewissheit, dass es nach der Nagelprobe der Koalition am Freitag mit dem Regieren noch ein wenig weitergehen wird.Dazu mag auch beigetragen tragen, dass mit Sylvia Voss in der Sitzung eine weitere Abgeordnete ihren Sinneswandel kund tat. Rein rechnerisch, bei sechs grünen Nein-Sagern und einer abtrünnigen SPD-Abgeordneten, hätte die Koalition schon die Mehrheit von 334 Stimmen beisammen. Doch rechnen wollte wenige Stunden vor der Abstimmung bei den Grünen niemand mehr. Alles andere als ein deutliches Votum für das Regierungsbündnis würde als eine Niederlage empfunden, äußerten sich mehrere Abgeordnete übereinstimmend. Zwei bis drei Nein-Stimmen seien ohne Gesichtsverlust akzeptabel. Was darüber hinausgehe, ließe einen schalen Nachgeschmack in der Koalition zurück. Damit die Zahl der Nein-Sager möglichst gering ausfällt, ist ein letzter Akt von Überzeugungsarbeit angesagt. «Joschka massiert jetzt selbst», scherzte der Verkehrsexperte der Grünen, Albert Schmidt. «Manche haben noch nicht kapiert, was in Afghanistan passiert ist», sagte Schmidt mit einem Seitenhieb auf seine resistenten Fraktionskollegen. Um diese Informationslücke zu schließen, hatte Joschka Fischer zu Beginn der Treffens bereits die aktuelle Lage aus dem Kriegsgebiet referiert.
Debatte bis zuletzt In einer trauten Runde von zehn bis 15 Leute zogen sich Parteiführung und der verbliebene Rest der Kriegsgegner schließlich in den Sitzungssaal des Fraktionsvorstandes zurück. Um nach Wochen und Tagen intensiver Gespräche die wirklich allerletzten Zweifel auszuräumen. «Wer zustimmt, darf gehen, wer nein sagt, muss bleiben?», fragte eine Journalistin die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die die durchaus ernst gemeinte Frage mit einem hysterischen Lachanfall quittierte.Ob die Überredungskünste der Parteispitze in dieser Nacht noch fruchten, oder die nächtlichen Diskussionen nahtlos in die nächste Sitzung am Freitagmorgen um 8 Uhr übergehen, ist daher offen. Aber dann wird wohl spätestens die Gewissheit herrschen, wie sich die Grünen aus der schwierigsten Klemme seit dem Regierungsantritt herauslavieren. Eine Probeabstimmung soll es am Freitagmorgen geben. Da waren die Grünen am Donnerstag ganz zuversichtlich.
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