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Folgen der Kreditkrise für die Wirtschaft: 

«Das ist erst die Vorhut der Finanzkrise»

19. Mrz 2008 07:06
Symbol der amerikanischen Finanzwelt: die Wall Street in New York
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Angst an den Börsen, Notverkauf einer US-Großbank und ein Eurokurs auf Rekordhöhe. Michaela Duhr sprach mit den Ökonomen Thomas Straubhaar und Gustav Horn über die Folgen der Finanzkrise und Ackermanns Ruf nach dem Staat.

Hektische Notmaßnahmen und eine milliardenschwere Rettungsaktion der US-Notenbank haben die Finanzmärkte erneut in Panik versetzt. Dass die Finanzkrise nicht spurlos an der deutschen Wirtschaft vorbeizieht, ist unter führenden Ökonomen unbestritten. Die Krise werde sich allerdings nicht so stark auswirken wie dies die dramatische Situation in den USA befürchten lässt, sagte der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) Thomas Straubhaar der Netzeitung.

Das Institut gab im vergangenen Dezember eine Wachstumsprognose von 1,7 Prozent vor, nach einem Zuwachs von rund 2,5 Prozent in 2007. «Vielleicht werden wir die Prognose in unserem Frühjahrsgutachten noch leicht nach unten anpassen – aber nicht so massiv wie in den USA», räumte Straubhaar ein. In den USA war das Wachstum im vierten Quartal 2007 auf 0,6 Prozent nach 4,9 Prozent im Vorquartal eingebrochen.

Pessimistischer ist dagegen der Wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK): Die Finanzkrise schlage sich bereits in der Kreditvergabe der deutschen Banken nieder, sagte Gustav Horn im Gespräch mit der Netzeitung. «Diese Schwierigkeiten sind erst die Vorhut der Finanzkrise.» Der Ökonom geht davon aus, dass sie ihren Höhepunkt Mitte des Jahres erreichen wird. Das Institut senkte seine Wachstumsprognose am Dienstag von 1,5 Prozent auf 1,3 Prozent.

Exportdynamik lässt schon länger nach

Sorgen bereitet beiden Volkswirten der starke Euro: «Die Exportdynamik ist schon lange nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren», warnte Horn. «Selbst wenn andere Länder wegen ihrer hohen Öleinnahmen deutlich mehr Produkte und Waren aus Deutschland importieren, reicht das nicht aus, die geringeren Ausfuhren in den Dollar-Raum aufzufangen.»

HWWI-Direktor Thomas Straubhaar
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Ähnlich äußerte sich HWWI-Direktor Straubhaar: Zwar profitiere Deutschland enorm von Ausfuhren in die arabischen Länder oder nach Russland, aber «Wachstumsraten wie in den vergangenen Jahren - 2006 stieg der Wert der Exporte um zwölf Prozent, 2007 um sieben bis acht Prozent - werden wir 2008 natürlich nicht schaffen», meint er. Die europäische Zentralbank (EZB) stellte am Dienstag einen Eurokurs von 1,5771 Dollar fest. Am Vortag hatte er zeitweise einen Rekordstand von 1,59 Dollar erreicht.

Straubhaar verweist zudem auf die starke Vernetzung der Finanzmärkte weltweit: Es sei zwar unwahrscheinlich, dass deutsche Banken durch die Finanzkrise pleite gehen, aber die UBS in der Schweiz etwa steht enorm unter Druck. Inzwischen seien ja nicht nur mehr Immobilienkredite betroffen, sondern auch bessere Kredite bis hin zu Industriebeteiligungen, betont er. In den USA war zuvor die Investmentbank Bear Stearns mit einem Notverkauf an den Konkurrenten JP Morgan zu einem Schleuderpreis vor der Pleite gerettet worden. Die US-Notenbank sicherte den Verkauf mit einem 30 Milliarden Dollar schweren Kredit.

Ein bitterer Appell

Überrascht reagierten die beiden Volkswirte auf den Ruf nach den Regierungen von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: «Ich bin von dem Hilferuf überrascht und enttäuscht», sagte Straubhaar. Es sei ein «bitteres und gefährliches Signal», dass der Chef eines renommierten Finanzinstituts wie der Deutschen Bank die Politik um Hilfe bitte. «Wenn die Regierungen jetzt helfen, dann werden am Ende die Steuerzahler die Lasten der Finanzkrise tragen. Die Gewinne wurden gerne privatisiert, aber die Verluste sollen sozialisiert werden», kritisierte Straubhaar.

IMK-Direktor Gustav Horn
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Ackermann hatte angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten die Regierungen aufgefordert, Einfluss zu nehmen. Er glaubt offenbar nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Finanzmärkte. «Es ist schon erstaunlich, dass jetzt ausgerechnet diejenigen nach dem Staat rufen, die sonst lautstark fordern, dass sich der Staat zurückziehen soll – zum Beispiel aus der Hilfe für arbeitslose Menschen», empört sich IMK-Ökonom Horn. «Nicht die Finanzpolitik ist jetzt gefordert, sondern die Zentralbanken.»

Trotz panischer Aktionen zur Rettung von Großbanken, einer überraschenden Zinssenkung am Sonntag, versicherte US-Präsident George W. Bush, die amerikanische Regierung habe alles im Griff. Das bezweifelt HWWI-Direktor Straubhaar: «Angesichts der Panikreaktionen der US-Notenbank und dennoch blank liegender Nerven an den Finanzmärkten halte ich das für eine überaus mutige Zusammenfassung dessen, was gerade geschieht.» Wenn die US-Regierung tatsächlich alles im Griff hätte, dann müsste sie sich jetzt nicht einmischen.

 
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