22. Jan 2008 09:38
«Börsenpfarrer» Uwe Lang warnt Anleger vor Fallen am Aktienmarkt und sieht noch Aufwärtspotenzial für den Dax. Warum selbst der blutige Anfänger besser Aktien statt Fondsanteile kaufen sollte, erklärt er in der
.
Netzeitung: Herr Lang, der Dax schwankt seit einigen Monaten zwischen 7000 und 8000 Punkten. Am Montag stürzte der Index aber um mehr als 500 Punkte ab und schloss bei 6790 Punkten. Kommt jetzt die Baisse?Lang: Nein, der Dax hat noch Potenzial für Kurszuwächse. Das mag Sie jetzt überraschen, aber meine mittelfristigen Signale zeigen weiterhin nach oben. Der Einbruch ist fundamental nicht gerechtfertigt. Wer jetzt auf Sicht von einem halben Jahr kaufen möchte, dem würde ich dazu raten.
Netzeitung: Das heißt, Sie sind nicht so pessimistisch wie andere, die angesichts eines hohen Ölpreises, einer drohenden US-Rezession und der Folgen der Hypothekenkrise auf Deutschland ein schwieriges Börsenjahr erwarten…
Lang: Doch, schwierig wird es schon. Ich rechne aber erst ab der Jahresmitte mit einer deutlichen Kurskorrektur. Die von Ihnen genannten Faktoren kennt die Börse ja bereits, die sind also schon eingepreist. Auch der hohe Ölpreis ist der Börse bekannt. Im Jahresverlauf wird der Ölpreis wieder deutlich sinken. Das liegt auch an der Abschwächung der Wirtschaft – da braucht sie weniger Energie.
Netzeitung: Sie warnen vor den «gefährlichsten Börsenfallen» und geben Tipps, wie man sie vermeidet. Welche ist denn die schlimmste Börsenfalle?
Uwe Lang: Die schlimmste Falle, in die man geraten kann, ist die eigene Psyche. Dann läuft man Gefahr, sich von der positiven oder negativen Stimmung mitreißen zu lassen, zu schnell und spontan Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu handeln. Bis zu einem gewissen Grad muss man natürlich mit der Masse mitschwimmen. Aber womöglich schwimmt man zu lange mit und reagiert dann zu spät – man steigt in der größten Panik aus, wenn die Aktienindizes unten sind. Und das ist grundfalsch. Oder man steigt zu spät ein.
Netzeitung: Das klassische Beispiel aus der jüngeren Zeit: der späte Einstieg vieler Kleinanleger am Neuen Markt…
Lang: Richtig. Ende der 90er Jahre war ganz leicht zu sehen, dass der Markt völlig überkauft war und die Kurse mit der Realität überhaupt nichts mehr zu tun hatten. Aber da haben sich viele blenden lassen und dachten, die Kursanstiege würden nun ewig so weitergehen. Ich richte mich dagegen nach klaren Signalen, die über Jahrzehnte hinweg getestet sind und den Anleger nicht in einem schon bestehenden Herdentrieb bestärken, sondern Hinweise auf Trendwenden geben. Wer eine solche signalisiert bekommt, muss sofort handeln – und zwar unabhängig davon, wie gerade die allgemeine Stimmung ist.
Netzeitung: An welchen Kennzahlen orientieren Sie sich?
Lang: An den Zinsen, dem Ölpreis, der Entwicklung des Dollars, bestimmten Saisontrends und den Trends der Frühindikatoren unter den Aktienindizes.
Netzeitung: Mit Saisontrends meinen Sie Börsenweisheiten wie «Sell in May and go away»?
Lang: Ja, dieser Spruch ist gar nicht so schlecht. Er trifft zwar nicht immer zu. Aber prinzipiell kann man schon feststellen, dass die Aktien im Winterhalbjahr stärker steigen als im Sommer. An solchen Börsenweisheiten kann man sich grundsätzlich schon orientieren.
Netzeitung: Aber mit ein paar Weisheiten und ein paar Eckwerten ist es doch nicht getan. Gerade für den Kauf einzelner Aktien muss ich mich ausführlich mit Charts und Quartalsberichten befassen und jeden Tag die Wirtschaftsblätter lesen. Dafür fehlt dem einfachen Anleger die Zeit. Sind für ihn also einzelne Aktien tabu?
Lang: Nein, ganz und gar nicht. Der Anleger sollte durchaus Einzelwerte nehmen. Dazu muss er auch nicht umfangreiche Geschäftsberichte durcharbeiten. Das könnte ich bei 700 Unternehmen, die ich beobachte, auch nicht. Entscheidend sind im Grunde zwei Kennzahlen: das Kurs-Umsatz-Verhältnis und die so genannte Relative Stärke. Darunter versteht man das Trendverhalten einer Aktie. Beide Größen zusammengenommen ergeben eine gute Handlungsempfehlung. Auch ein Börsenanfänger, der nur wenig Zeit hat, kann sich nach diesen Kriterien bestimmte Standardwerte etwa aus dem Dax oder EuroStoxx heraussuchen.
Ich kann Anlegern ohnehin nur davon abraten, jegliche Information aufzusaugen oder im Fernsehen wie gebannt auf die Laufbänder mit den aktuellen Notierungen zu starren. Das ist alles nur Reizüberflutung, die beim sinnvollen Investieren überhaupt nichts nützt. Was unter der Woche passiert, sollte man am besten ignorieren oder schnell wieder vergessen. Das verleitet einen nur dazu, panisch zu reagieren. Der Anleger sollte in Ruhe am Wochenende die Lage analysieren und am Montag entsprechend handeln – und danach nicht mehr reinschauen. Wenn Sie schon frühmorgens den Fernseher einschalten müssen, um die Börsenberichterstattung anzuschauen – aus Angst etwas zu verpassen –, dann haben Sie zu viele Aktien.
Netzeitung: Das heißt aber, Sie raten auch einem blutigen Anfänger sofort zu einzelnen Aktien?
Lang: Ja – kaufen Sie bloß keine Fonds. Niemals.
Netzeitung: Aber gerade dem Neuling wird häufig geraten, auf die Expertise der Fondsmanager zu setzen und denen das Handeln zu überlassen.
Lang: Das ist höchstens Bequemlichkeit. Die Fonds verlangen viel zu viel Geld für eine geringe Gegenleistung. Allein die Ausgabeaufschläge von fünf Prozent sind eine Unverschämtheit. Wer beispielsweise 15.000 Euro investiert, zahlt zunächst mal 750 Euro seiner Anlagesumme an die Bank statt ins eigene Depot. Dazu kommen noch die jährlichen Gebühren. Damit sind die Renditen vieler Fonds erbärmlich, die Verwaltungskosten fressen viel zu viel von den Erträgen auf. Außerdem rennen viele Fondsmanager auch nur mit der Herde mit. Deshalb zähle ich auch das Vertrauen auf Investmentfonds zu den gefährlichsten Börsenfallen.
Netzeitung: Herr Lang, Sie sind studierter Theologe und arbeiten auch heute noch nebenbei als Pfarrer. Wie lässt sich das mit dem Gewinnstreben als Börsenfachmann vereinbaren?
Lang: Na gut, da gibt es ein paar Sprüche in der Bibel, die sich gegen eine zu große Anbindung an Reichtum aussprechen. Mir geht es bei der Aktienanlage aber nicht darum, riesige Reichtümer anzuhäufen, sondern sein Geld vernünftig anzulegen. Unvernünftig wäre es zum Beispiel, sein Geld aufs Sparbuch zu legen – dann machen die Banken damit die renditestarken Geschäfte. Deshalb sollte man sein Geld selber in Unternehmen anlegen. Darin sehe ich keinen Widerspruch zur christlichen Ethik.Netzeitung: In welche Börsenfalle sind Sie selbst schon getappt?
Lang: Ich habe manches Mal gemeint, die Kurse seien jetzt am Tiefpunkt – und dann habe ich zu früh gekauft. Oder ich habe zu früh verkauft, weil ich dachte, die Obergrenze sei erreicht. Es dauert eben etwas, bis man ein Gespür dafür hat, wann der wirklich richtige Zeitpunkt zum Ein- und Aussteigen gekommen ist.
Netzeitung: Nimmt man als Christ Verluste lockerer, nach dem Motto «Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen»?
Lang: Nein, so sollte man an der Börse nicht denken. Man sollte zum Beispiel nicht alles auf eine Karte setzen.
Uwe Lang studierte Theologie und Pädagogik und war bis 1992 hauptberuflich evangelischer Pfarrer. Der begeisterte Hobby-Schachspieler entdeckte vor fast 40 Jahren eine große Verwandtschaft zwischen Schach und Börse und begann sich für die Entwicklung der Aktienmärkte zu interessieren. Seit 1970 beschäftigt er sich intensiv mit dem Börsengeschehen und veröffentlicht seit 20 Jahren den Börsenbrief «Börsensignale».Bekannt wurde der heute 64-Jährige vor zwanzig Jahren, als er vor dem drohenden Börsencrash zum Ausstieg riet. 1999 war er einer der ersten, die vor dem Zusammenbruch des Neuen Marktes warnten. Schon Anfang 2003 wies er auf die extreme Unterbewertung der Märkte hin und empfahl, wieder Aktien zu kaufen. Ende vergangenen Jahres erschien von Lang das Buch «Die gefährlichsten Börsenfallen – und wie man sie umgeht» in einer überarbeiteten Auflage. Mit dem Fachmann sprach Matthias Breitinger.