netzeitung.deWarten auf den nächsten Ölschock

 Herausgeber: netzeitung.de

Hektik an der Warenterminbörse in New York (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hektik an der Warenterminbörse in New York
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

70 im vergangenen und 80 Dollar in diesem Jahr - schon das kleinste Problem könnte den Ölpreis auf neue Rekordhöhen treiben. Analysten fragen sich deshalb, wie gut die Konjunktur einen weiteren Schock vertragen kann.

Warten auf den nächsten Schock – so könnte die derzeitige Situation an den internationalen Ölmärkten beschrieben werden. Schon jetzt steht der Preis für ein Barrel (159 Liter) wieder nahe der Marke von 70 Dollar. Diese Grenze hatte er im vergangenen Jahr nach den Wirbelstürmen in den USA erstmals überschritten.

Im Vergleich zu 2005 hat sich die Situation alles andere als entspannt: Die steigende Nachfrage kann von dem allenfalls noch sehr langsam steigenden Öl-Angebot kaum noch bedient werden – das ist nicht wirklich neu. Hinzu gekommen jedoch wachsende geopolitische Risiken und die immer noch großen Produktionsausfälle im Golf von Mexiko.

Große geopolitische Risiken
Ein Beispiel: Allein der Produktionsausfall von fast 500.000 Barrel pro Tag durch eine kleine Gruppe von Aufständischen in Nigerias Ölregion, dem Niger-Delta, ist größer als die Ausweitung des weltweit größten Ölförderers Saudi-Arabien. Auch die Öl-Exporteure Irak, Iran und Venezuela haben Probleme, die Produktion auf ihrem hohen Niveau zu halten. Zudem haben die Ölproduzenten im Golf von Mexiko immer noch mit Produktionsausfällen nach den Wirbelstürmen «Katrina» und «Rita» zu kämpfen: Insgesamt werden 340.000 Barrel oder 23 Prozent weniger gefördert als gewöhnlich.

Die Analysten der HypoVereinsbank gehen auch deshalb davon aus, dass der Ölpreis im zweiten Halbjahr im Schnitt wieder über der Marke von 70 Dollar liegen wird. «Der Iran unterschreitet bereits heute die Opec-Förderquote von 210.000 Barrel am Tag», beschreiben die Experten einen weiteren Grund für voraussichtlich steigende Preise. Exportstopps angesichts des schwelenden Streits um das iranische Atomprogramm halten die Analysten jedoch für unwahrscheinlich - zu abhängig ist die iranische Regierung von den Öl-Einnahmen, meinen sie.

US-Urlaubssaison kommt erst noch
Als der Ölpreis im vergangenen Jahr sein vorerst höchstes Niveau erreicht hatte, war die Urlaubssaison in den USA - die regelmäßig für steigende Nachfrage und damit höhere Preise sorgt - schon längst vorüber. Einige Analysten schätzen deshalb, dass 80 Dollar pro Barrel bald erreicht werden, sollte die Preisentwicklung einen ähnlichen Verlauf nehmen wie 2005.

Der Anreiz, Benzin zu sparen, ist in diesem Jahr deutlich geringer: Die Preise an den Zapfsäulen dies- und jenseits des Atlantik sind noch weit von ihren Rekordständen aus dem vergangenen Jahr entfernt. Nach Berechnungen der HypoVereinsbank lagen die Benzinpreise im August 2005 um 40 Dollar über den Barrelpreis für Rohöl – derzeit sind es nur 19 Dollar.

Wieviel Schock verträgt die Wirtschaft?
Angesichts der eher düsteren Aussichten stellen sich die Analysten zunehmend die Frage: Wie viel Ölschock kann die Wirtschaft verkraften? Bisher hat der rasant steigende Ölpreis die Konjunktur nicht wirklich beeinträchtigt. Ob der nächste Ölschock genauso gut absorbiert wird, ist bei Analysten umstritten.

«Zu einem bestimmten Punkt werden wir ein Limit erreichen, dass sich auch auf die Konjunktur niederschlagen wird», sagte US-Energieminister Samuel Bodman in der vergangenen Woche. Wann dieser Punkt erreicht ist, wagte er jedoch nicht zu prognostizieren: «Ich kann ihnen aber sagen, ich bin über jeden Preis, der über dem jetzigen liegt, beunruhigt.»


Für das Web ediert von Marcus Gatzke