Wirtschaftskrise: 

netzeitung.deUngarn zwischen Schulden und schwachem Forint

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Momentan keine goldenen Zeiten in Budapest (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Momentan keine goldenen Zeiten in Budapest
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Böse Zungen sprechen vom Island an der Donau: Neben der Nordatlantik-Insel ist Ungarn das zweite Land Europas, das am Bankrott entlangschlittert und nun Kredite erhält. Woher Ungarns Notlage kommt, beschreibt Matthias Breitinger .

Das finanziell schwer angeschlagene Ungarn bekommt vom Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Europäischen Union insgesamt 20 Milliarden Euro, um seinen Zahlungsverpflichtungen weiter nachkommen zu können. Damit kommen die drei Geldgeber einer Bitte der ungarischen Regierung nach, die ihr Land am Rande des Staatsbankrotts sieht.

Doch was ist in Ungarn geschehen, dass das mitteleuropäische Land in die Beinahe-Pleite geraten ist? Das Land litt ohnehin schon unter Schulden, die die Regierung unter Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany nach oben getrieben hatte. Reformen werden seit Jahren hinausgeschoben, der Staat finanziert die teuren und nach Einschätzung von Experten ineffizienten Sozialsysteme auf Pump. Mit 67 Prozent ist die Staatsverschuldung recht hoch.

Ungarn hat das größte Haushaltsdefizit in der gesamten EU – allerdings reduziert sich die Neuverschuldung in diesem Jahr auf voraussichtlich 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: 2006 betrug die Defizitquote über 9 Prozent.

Ungarische Währung stürzte ab
Hinzu kam: Die Landeswährung, der Forint, war lange überbewertet. Viele Ungarn nahmen in den vergangenen Jahren vor allem Baukredite in Fremdwährungen auf, weil die Zinsen im Ausland – insbesondere in der Schweiz – niedriger waren. Jetzt werden die Auslandskredite zum Bumerang: Im Zuge der Finanzkrise verlor der Forint in den vergangenen Wochen gegenüber dem Euro rund 30 Prozent an Wert – mit zwei schwerwiegenden Folgen.

Zum einen wurde die Rückzahlung der Auslandskredite in Euro oder Schweizer Franken für viele Ungarn zu einem echten Problem – das Ausfallrisiko steigt. Zum anderen zogen Investoren nach der kräftigen Abwertung ihr Geld aus dem Land ab. Der Vertrauensverlust spiegelte sich auch bei den Ratingagenturen wider: Standard & Poor's stufte die Kreditwürdigkeit der Puszta-Republik herab. Ausländische Anleger stießen ihre ungarischen Papiere panikartig ab.

Um den Forint zu stützen, hatte die ungarische Zentralbank daraufhin in der vergangenen Woche den Leitzins überraschend um drei Punkte auf 11,5 Prozent angehoben, den höchsten Stand seit Mitte 2004 - gerade skurril, wenn man bedenkt, dass die Notenbanken andernorts ihre Zinsen derzeit wegen der Krise senken. Mit dem Schritt wollte die Budapester Notenbank indes den Kapitalabfluss beenden. Der höhere Zins macht Geldanlagen in Forint attraktiver, so dass die Nachfrage nach der Währung steigt, was den Kurs treibt.

In der Rezession
Allerdings riskierte die Notenbank, dass unter dem höheren Zinssatz die Konjunktur leidet. Gyurcsany räumte am Dienstag ein, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um ein Prozent schrumpfen könnte. Schon jetzt ruht die Arbeit in einigen Fabriken, Unternehmen trennen sich von Leiharbeitern. Arbeitsministerin Erika Szücs schätzte am Mittwoch, die Krise könnte bis zu 50.000 Arbeitsplätze vernichten. Im dritten Quartal waren in Ungarn im Schnitt 328.000 Menschen erwerbslos gemeldet, die Arbeitslosenquote betrug 7,7 Prozent.

Die Krise in Ungarn trifft auch hiesige Unternehmen: Deutsche Banken sind in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land stark engagiert. Nach Bekanntgabe des Notkredits von IWF, EU und Weltbank beruhigten sich die ungarischen Finanzmärkte, der Forint-Kurs legte zu. Experten erwarten, dass mit den Hilfen das Vertrauen aus dem Ausland wieder wächst.