Spielball für Spekulanten: 

netzeitung.deVW-Höhenflug löst Kritik an Porsche und Börse aus

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Spielball für Spekulanten 

Lupe VW-Höhenflug löst Kritik an Porsche und Börse aus

Absurde Summen müssen Spekulanten inzwischen für eine VW-Aktie hinlegen. Die Kursexplosion erregt die Gemüter: Händler fordern, die Börse müsse sofort eingreifen. Porsche weist dagegen den Vorwurf der Manipulation zurück.

Die Kurskapriolen der Volkswagen-Aktie haben in Frankfurt Aktienhändler beunruhigt und Kritik am Haupteigner Porsche ausgelöst. Die Kursbewegung rief auch die Finanzmarktaufsicht Bafin auf den Plan. Die Deutsche Börse will aber trotz der heftigen Folgen für den Dax nicht eingreifen. Betroffen ist auch der Leitindex der Eurozone, der EuroStoxx50, in dem VW ebenfalls geführt wird. Der Index-Anbieter Stoxx kündigte am Dienstag an, die Folgen des VW-Kurssprungs zu überprüfen.

Die Volkswagen-Aktien vollzogen am Dienstag erneut einen steilen Anstieg, nachdem die Papiere schon am Montag rund 147 Prozent fester geschlossen hatten. Am Vormittag sprang der Kurs kurzzeitig über die 1000-Euro-Marke, was den Autohersteller zum teuersten Unternehmen der Welt machte – ein Titel, den eigentlich der Ölkonzern Exxon Mobil hält. Am Abend gingen VW mit einem Plus von gut 73 Prozent bei 900 Euro aus dem Handel. Der Dax schloss derweil mit einem Plus von 9,88 Prozent bei 4762,84 Punkten.

Hinter dem kräftigen Kursplus bei VW stecken nach Einschätzung von Börsianern wohl Spekulanten, die auf dem falschen Fuß erwischt worden seien. Dabei wurde ungedeckt auf fallende Kurse gewettet, also die VW-Aktie zu einem bestimmten Termin in der Zukunft an einen anderen Marktteilnehmer verkauft, ohne jedoch das Papier im Depot zu haben. Auf Verlangen des Käufers ist der Verkäufer zur Lieferung der Aktie verpflichtet. Besitzt er es nicht, muss er sie eben über den Markt kaufen, egal zu welchem Kurswert.

Nach Marktinformationen waren 12 bis 15 Prozent der VW-Anteile ausgeliehen und mussten zurückgekauft werden – was indes schwierig geworden ist, da der Aktienanteil im Streubesitz geschrumpft ist. Am Wochenende hatte Großaktionär Porsche mitgeteilt, man halte direkt und über Optionen inzwischen 74 Prozent an VW. Da auch das Land Niedersachsen gut 20 Prozent der Anteile besitzt, sind nur noch weniger als 6 Prozent im freien Umlauf. Damit begann am Wochenbeginn eine panikartige Jagd auf VW-Aktien. Laut «Financial Times» soll die Kursexplosion Spekulanten am Montag geschätzte Verluste von 10 bis 15 Milliarden Euro beschert haben.

«Porsche manipuliert den Kurs»
Der Chef der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, Klaus Kaldemorgen, griff wegen der heftigen Kursbewegung den Sportwagenhersteller scharf an. Porsche manipuliere den Kurs «in unverantwortlicher Art und Weise», sagte Kaldemorgen der «Financial Times Deutschland». «Hier ist für andere Anleger nicht nachvollziehbar, was Porsche macht.» Porsche betonte dagegen, das Unternehmen habe keine Aktien an Leerverkäufer verliehen.

Kaldemorgen hält den aktuellen Kurs für viel zu hoch, mit 100 Euro je Aktie sei VW fair bewertet. Der Fondschef forderte die Deutsche Börse auf, einzugreifen. Ähnlich äußerten sich auch Aktienmakler auf dem Parkett der Frankfurter Börse: «Das ist eine Sauerei, Volkswagen verzerrt den ganzen Dax, das gibt es doch nicht», schimpft eine Händler. Die Turbulenzen bei der VW-Aktie führen laut Händlern zu enormen Verwerfungen: Zeitweise hätten Investoren ganz offensichtlich ihre Bestände an anderen Dax-Werten ohne Rücksicht auf Verluste verkauft, nur um VW kaufen zu können.

«Wenn die Deutsche Börse nicht einschreitet, droht uns eine Systemkrise», warnten Händler. Die Börse handele «unverantwortlich». «Solche Exzesse sind eines Dax30-Index, der zu den fünf- bis zehn bedeutendsten Aktienindizes der Welt gehört, unwürdig», meinte auch Robert Halver, Kapitalmarktexperte der Baader Bank. «Für geneigte Kreise, die bewusst oder fälschlicherweise die Börse mit einem Spielcasino vergleichen», sei die Entwicklung «Wasser auf ihren populistischen Mühlen». Auch Börsenexperte Wolfgang Gerke forderte ein sofortiges Einschreiten des Marktbetreibers. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger forderte eine Aussetzung der Aktie vom Handel.

Deutsche Börse bleibt cool
Die Deutsche Börse will indes die VW-Aktie trotz der exorbitanten Steigerungen im Index lassen. «Es gibt keinerlei Überlegungen, VW aus dem Dax zu nehmen», sagte ein Sprecher des Marktbetreibers am Dienstag. «Solange fünf Prozent der Aktien im Streubesitz sind, gibt es dazu keine Veranlassung», sagte er mit Verweis auf das Regelwerk der Börse.

Die Börse wird die Gewichtung der VW-Aktie im Dax bei der nächsten Indexüberprüfung im Dezember routinemäßig auf maximal zehn Prozent begrenzen. Jedoch finden solche Überprüfungen nur alle drei Monate statt. Wie der Sprecher ferner sagte, ist keine Änderung der Dax-Regularien geplant. Auch gebe es keine Hinweise auf Rechtsverstöße, die eine Herausnahme rechtfertigten.

Dass der Kurssprung der VW-Aktie sich im Dax so stark auswirkt, hängt mit folgender Diskrepanz zusammen: Obwohl praktisch nur noch knapp sechs Prozent der VW-Aktien im Streubesitz sind, gewichtet die Deutsche Börse die Aktie im Dax mit einem Streubesitzanteil von knapp 45 Prozent. Der Grund: Die von Porsche über Kaufoptionen gesicherten VW-Aktien werden weiter als frei verfügbar angesehen, da die Optionen bisher nicht meldepflichtig sind und von den Index-Anbietern nicht als Festbesitz gewertet werden.

Die Finanzmarktaufsicht Bafin teilte mit, sie analysiere die Entwicklung. Mit Ergebnissen wie einer möglichen formellen Prüfung der Vorgänge sei diese Woche eher noch nicht zu rechnen, ergänzte eine Sprecherin. Die Investmentbank Goldman Sachs reagierte derweil auf die Situation mit einer Berechnung des Dax ohne den Einfluss der Volkswagen-Aktie: Dieser «Dax ex-VW» sei wegen der Verkäufe anderer Titel zugunsten von Käufen der VW-Aktie Richtung 3000 Punkte gefallen.


Für das Web ediert von Matthias Breitinger