Streik bei der Lufthansa:
«Ab Mittwoch tut es richtig weh»
29. Jul 2008 16:17
 |  Bisher läuft fast alles noch | Foto: AP |
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Am ersten Tag blieb der Ausstand fast ohne Auswirkungen, am zweiten sind der Airline zufolge nur drei Prozent aller Flüge ausgefallen. Das ist aber noch lange nicht alles, prophezeien Gewerkschaftler.
Vor den Toren der Lufthansa-Caterer-Tochter (LSG) haben die Streikenden Zelte aufgebaut. Männer und Frauen sitzen auf Bierbänken in der Sonne und diskutieren, während am Himmel ein Flugzeug nach dem anderen auf Deutschlands größten Flughafen einschwebt. Aus dem Boxen dröhnt der Rock'n'Roll-Klassiker «C'mon Everybody» – ein passendes Motto zum zweiten Streiktag, an dem laut Gewerkschaft Verdi bis zu 2000 Mitarbeiter in Frankfurt am Main in den Ausstand traten. Die Stimmung bei den Streikenden ist kämpferisch und zuversichtlich. Die wenigen Lieferanten gelangen mit ihren Lastwagen nur im Schritttempo auf das LSG-Gelände.
Die Arbeit werde derzeit nahezu ausschließlich von Leiharbeitern verrichtet, sagt ein Streikposten. Seit drei Uhr nachts sitzt der Gewerkschafter in seiner neongelben Verdi-Weste vor dem Tor – von Müdigkeit keine Spur. «Für sowas darf man nicht müde sein», sagt der Mann, der seit 23 Jahren für das Unternehmen arbeitet. Seinen Namen möchte er nicht nennen – aus Angst vor Repressalien. Zu Beginn der Blockade hätten ihm Vorgesetzte damit gedroht, seine Personalien aufzunehmen und weiterzureichen. Einschüchtern hat er sich davon nicht lassen, er will weiter für ein besseres Angebot des Unternehmens kämpfen. «Die sind ziemlich stur», sagt er an die Adresse der Konzern-Oberen, «aber wir auch.»
«Ein Stück vom Kuchen nehmen»
«Wir werden uns ein Stück vom Kuchen nehmen und uns nicht mit ein paar Krümeln zufrieden geben», sagt Annett Wernecke, Vertrauensfrau des Bodenpersonals in Frankfurt auf der Streikversammlung unter dem Jubel der etwa 400 Teilnehmer. Der Vorstand habe sich reichlich aus den Gewinnen des Unternehmens bedient, auch die Aktionäre seien mehr als gut entlohnt worden. Jetzt lasse sich das Personal nicht einfach billig abspeisen. Dass die Auswirkungen des Streiks zunächst kaum zu spüren waren, kommt für die Mitarbeiter im Ausstand nicht überraschend.
Die AuswirkungenAuch am Tag Zwei gab es nur wenige Flugausfälle: Streikende Techniker hatten die Stilllegung von neun Maschinen erzwungen. 70 Flüge auf innereuropäischen Strecken mussten abgesagt werden, die Passagiere wurden auf andere Maschinen umgebucht. Das Konzept der Gewerkschaft Verdi, Lufthansa wirtschaftlich zu treffen und nicht den Zorn der Passagiere auf sich zu ziehen, scheint aufzugehen.Nach Einschätzung des Tarifexperten von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Heiner Dribbusch wird der Streik noch länger dauern. «Auf der Gewerkschaftsseite ist sicherlich eine große Entschlossenheit vorhanden», sagte. «Es ist nicht zu erwarten, dass der Streik nach zwei Tagen beendet wird, erst recht nicht ohne ein deutlich verbessertes Angebot der Lufthansa.» (dpa)
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Weil der Streik angekündigt worden sei, habe sich das Unternehmen vorbereiten können, sagt Hans-Josef Weilbächer, Betriebsratsvorsitzender bei Lufthansa Technik in Frankfurt. Die Folgen der Arbeitsniederlegungen kämen nicht auf einen Schlag, sondern erst zeitversetzt zum Tragen, besonders auf der Langstrecke. «Ab Mittwoch wird es der Lufthansa richtig weh tun», sagt er.
Versuche der Einschüchterung
«Wir stehen in diesem Konzern zusammen», sagt Gerold Schaub, Landesfachbereichsleiter «Verkehr» des Verdi Landesbezirks Hessen. Auch er berichtet von Einschüchterungsversuchen seitens des Unternehmens. So seien LSG-Mitarbeiter am Montag vor den Gelände abgefangen und vor die Wahl gestellt worden: «Willst du streiken oder arbeiten und deinen Dienstausweis behalten?» Dennoch steige die Beteiligung am Streik ständig. «Wir werden jeden Tag mehr», sagt Schaub. Mittlerweile seien alle Lufthansa-Bereiche von den Ausständen betroffen.
Trotzdem rechnet er damit, dass es noch einige Zeit dauern werde, bis die Lufthansa an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Dass am Ende die 9,8 Prozent mehr Geld stehen, die die Gewerkschaft fordert, glaubt er ebensowenig wie seine Kollegen. «6,7 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten würden wir aber sofort annehmen», sagt er unter dem Jubel der Streikenden. Die Lufthansa hat 7,7 Prozent allerdings für 21 Monate inklusive einer Einmalzahlung angeboten.
2000 Neueintritte bei Verdi
Begeistert zeigen sich die Beteiligten vom großen Zusammenhalt im Unternehmen. Die Versammlung in Frankfurt zeige: «Wir sind eine Firma. Wir lassen uns nicht in verschiedene Gesellschaften und Geschäftsfelder auseinanderdividieren», sagt Schaub. Und auch für die Gewerkschaft habe der Arbeitskampf deutlich positive Auswirkungen: Es gebe Hunderte neue Mitglieder, bundesweit verzeichnete Verdi zuletzt rund 2000 Neueintritte, wie Schaub sagt. (Stephan Köhnlein, AP)