Der Traum vom billigen Öl ist längst ausgeträumt
03. Jan 2008 13:18
 |  Öl aus neu entdeckten Lagerstätten ist oft schwieriger zu fördern. | Foto: dpa |
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Auch wenn der Ölpreis bis zum Frühjahr - und womöglich bis zum Jahresende - wieder sinken sollte: Langfristig wird die Ölpreiskurve weiter nach oben zeigen.
Matthias Breitinger erklärt, warum.
Es war nur noch eine Frage der Zeit: Am Mittwochabend stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) US-Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) kurzzeitig auf exakt 100 Dollar - die Marke hat vor allem psychologische Bedeutung. Schon kurz danach war der Preis wieder im zweistelligen Bereich. Er schloss bei 99,62 Dollar und sank am Donnerstag wieder auf 99,28 Dollar.
Experten waren mit einer Erklärung für den kurzfristigen Anstieg schnell bei der Hand. Angesichts des dünnen Handelsvolumens am ersten Arbeitstag des neuen Jahres hätten Spekulationskäufe sich deutlich spürbarer als üblich bemerkbar gemacht, hieß es. Zudem verwiesen Ölhändler auf die Meldung über neue Angriffe auf Förderanlagen in Nigeria. Das habe einen entscheidenden Ausschlag für den Preissprung gegeben. Außerdem herrsche vor der Veröffentlichung der jüngsten US-Lagerbestandsdaten ein wenig Versorgungsangst.Ferner habe der schwache Dollar für eine Flucht in Rohstoffwerte gesorgt – neben dem Öl erreichte auch der Preis für Gold am Mittwoch mit rund 860 Dollar je Feinunze einen neuen Rekord. Mit 100 Dollar hat der Ölpreis zwar nominell den höchsten Wert erreicht, den er jemals hatte. Doch rechnet man die Inflation mit hinein, war Rohöl im April 1980 – dem Höhepunkt der damaligen Ölkrise – noch etwas teurer: Damals kostete ein Barrel nach heutigen Preisen knapp 103 Dollar. In damaligen Preisen lag der Wert bei 39,50 Dollar.
HWWI erwartet fallenden Ölpreis
Doch das ist nur ein schwacher Trost. Claudia Kemfert, die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, rechnet damit, dass der Preis kurzfristig bis auf 105 Dollar steigt, vor allem spekulationsbedingt. Ein Rückgang des Ölpreises sei frühestens Ende Januar vorstellbar. Auch der Rohstoffexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Klaus Matthies, erwartet einen fallenden Ölpreis in diesem Jahr, er tippt auf einen Rückgang im zweiten Quartal auf etwa 80 Dollar.
Bis zum Jahresende könnte es sogar noch etwas weniger sein, meint Matthies – zum einen, weil sich der Atomstreit mit dem Iran voraussichtlich beruhigen werde, zum anderen, weil der Irak wohl wieder mehr Öl ausführen könne. Ein weiterer Faktor ist die wirtschaftliche Entwicklung: Die US-Konjunkturschwäche, aber auch eine nachlassende Dynamik in Europa dürfte die Nachfrage nach Öl dämpfen. Und auch China – das in den vergangenen Jahren Haupttriebkraft beim Anstieg des globalen Ölbedarfs war – versucht, die Nachfrage über Preiserhöhungen zu drosseln.Doch darf das alles nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Ölpreis seit zehn Jahren nur eine Richtung kennt, nämlich nach oben. Längst vorbei sind die Tage billigen Öls. Zur Erinnerung: Im Dezember 1998 kostete ein Barrel an der New Yorker Warenterminbörse Nymex 10,72 Dollar. Binnen weniger als zehn Jahren hat sich die Notierung somit fast verzehnfacht. Dabei machte der Ölpreis allein im vergangenen Jahr einen Sprung um 57 Prozent. Dahinter steckt nicht zuletzt, dass der Rohstoff zunehmend als Anlageform betrachtet wird, von Investoren, die an der tatsächlichen Lieferung des Öls gar nicht interessiert sind.
Ölförderung wird teurer
 |  DIW-Expertin Claudia Kemfert | Foto: DIW |
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Mit solch rasanten Zuwächsen rechnen die Fachleute wie DIW-Expertin Kemfert für die Zukunft zwar nicht, sie erwartet eine Erhöhung auf 150 Dollar binnen fünf Jahren und auf 200 Dollar in zehn Jahren. Teurer wird Rohöl – und damit auch alles, was daraus hergestellt wird – in jedem Fall. Dafür sind mehrere Gründe ausschlaggebend, auf der Nachfrage- wie auf der Angebotsseite.Ein entscheidender Faktor sind die Ölförderkosten, und die dürften tendenziell steigen, da die leicht zu erreichenden Lagerstätten an Grenzen stoßen, neue Lagerstätten aber häufig in tieferen Erdschichten liegen und damit schwieriger anzuzapfen sind. Zudem befinden sich viele neue Ölfelder, die jetzt erschlossen werden, unter dem Meeresboden und müssen dann erst noch an die weltweiten Pipelines angeschlossen werden, was Jahre dauern kann. Dem steht der anhaltend steigende Ölbedarf gegenüber, vor allem in China und anderen Schwellenländern.
Deshalb wird auch die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) zunehmend skeptisch, den Ölbedarf in den kommenden Jahrzehnten decken zu können. Experten schätzen, dass Ölförderstaaten außerhalb der Opec ihre Förderung nicht entsprechend der Nachfrage steigern können – bislang ging man aber davon aus, dass die Opec dies ausgleichen kann. Eine neue Opec-Studie zieht das allerdings in Zweifel. Der starke Anstieg der Nachfrage aus China und Indien lasse die Opec stärker unter Druck geraten, heißt es darin. Womöglich könne die Opec schon im Jahr 2024 die steigende weltweite Nachfrage nicht mehr decken.
Umstrittene «Peak Oil»-Theorie
Solche Langfrist-Prognosen seien mit Vorsicht zu genießen, meinen indes Ölanalysten. Sie verweisen auf Vorhersagen aus den siebziger Jahren: Damals wurde vermutet, die Ölreserven seien Anfang des 21. Jahrhunderts erschöpft. Grund für die falsche Prognose war, dass man die Steigerung der Verbrauchseffizienz unterschätzte und auch nicht erwartete, die Ressourcen um soviel besser ausbeuten zu können.Zudem könnte die globale Nachfrage auch wieder etwas nachlassen. Davon gehen Fachleute aus. «Wir wissen, das kommt», sagt der für die Ölmärkte zuständige Direktor an der Internationalen Energieagentur IEA in Paris, Didier Houssin. «Die große Frage ist nur: wann?»
Dennoch schwebt die Warnung vor dem «Peak Oil», dem absoluten Höhepunkt der Ölfördermenge, seit längerem wie ein Damoklesschwert über der Weltwirtschaft. Wird dieser Peak überschritten, käme es bei danach fallenden Fördermengen und gleicher Nachfrage zu starken Preiserhöhungen mit entsprechenden Folgen für die Treibstoffversorgung und die Energiegewinnung, aber auch für die chemische Industrie.
Umstritten ist indes, wann der Höhepunkt überhaupt erreicht wird. Manche Fachleute gehen davon aus, dass man ohnehin erst im Nachhinein feststellen wird, wann der Zenit überschritten wurde. Entsprechend sind sich die Experten auch uneins über die Folgen: Malen die einen Katastrophenszenarien an die Wand, die bis zum Zusammenbruch der industriellen Zivilisation reichen, warnen die anderen vor solchen Horrorbildern. Sie halten Hysterie für unangebracht, da angesichts des technischen Fortschritts die Versorgung noch ausreichend lange gesichert sei, um den Wechsel zu anderen Energieträgern zu bewältigen.