Billige Pornos, teure Windeln:
Steuererhöhung: Billige Pornos, teure Windeln
15.11.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Wer in Zuchtpferde, Münzen oder Schnittblumen investieren will, muss sich über die geplante Mehrwertsteuererhöhung keine Sorgen machen. Für sie gilt weiterhin der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent, mit dem eigentlich Grundgüter und Produkte, die dem Gemeinwohl dienen, subventioniert werden sollen. Aber zählen sie oder Süßigkeiten wirklich zur Grundversorgung? Und dienen am Kiosk gekaufte Porno-Hefte der Allgemeinheit, während Babywindeln und Arzneimittel von 2007 an mit 19 Prozent besteuert werden sollen?
«Ein System steckt da nicht dahinter», sagt Stefan Walter vom Bund der Steuerzahler. Besonders kurios sei, dass Lebensmittel begünstigt sind, Getränke - mit Ausnahme von Leitungswasser - jedoch voll besteuert werden. Oder dass Arztbesuche steuerfrei sind, aber der Patient für Medikamente bald 19 Prozent Umsatzsteuer zahlen soll.
Weniger Änderungswillen zeigten Politiker bei der Liste subventionierter Güter. Die wurde laut Steuerzahlerbund «ab und an ergänzt und dadurch immer unsystematischer». Dass Zuchtpferde oder Schnittblumen begünstigt würden, hänge wohl damit zusammen, dass Haustiere und Nutzpflanzen zum Lebensmittelbereich zählten und die Grenzen immer großzügiger gezogen worden seien.
«Jahrzehntelang hat sich niemand um unser Steuersystem gekümmert», sagt auch der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. «Nur weil Bücher und Zeitschriften im Land der Dichter und Denker für jedermann bezahlbar sein sollen, müssen davon noch lange nicht die Verleger von Pornoheften profitieren», kritisiert der Bremer Ökonom. Auch die Steuerfreiheit bei den Bankdienstleistungen sei nicht mehr gerechtfertigt. «Die geht noch auf die Ära der Lohntüten in den 60er Jahren zurück, als Bankleistungen noch keine Massengeschäfte waren.»
«Aber anstatt sich ein Beispiel an der Nachbarinsel zu nehmen, werden bei uns lieber Schnittblumen subventioniert», sagt der Experte. Natürlich wüssten die Politiker, dass einige Produkte zu Unrecht begünstigt würden. «Da traut sich aber keiner ran, weil sonst die Lobbyisten in Rudeln auftreten.» Mehrere Vorstöße von Noch- Finanzminister Hans Eichel (SPD) scheiterten in den vergangenen Jahren an der Opposition.
Die Koalitionäre hatten zudem erwogen, die Verbraucher mit einem Fünf-Prozent-Satz für Lebensmittel zu entlasten. Auch daraus wurde nichts. Die Liste ermäßigter Güter blieb mal wieder unangetastet. (dpa)

