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«Die Ostdeutschen haben nicht weniger Gehirnmasse als die Westdeutschen»

15. Apr 2004 13:42
Mifa-Chef Peter Wicht
Der ostdeutsche Fahrradhersteller Mifa will mit dem Börsengang im Mai seine europaweiten Expansionspläne finanzieren. Im Interview mit der Netzeitung wirbt Mifa-Chef Wicht für den Standort Ostdeutschland.

Zum Unternehmen: Mifa AG
Das Unternehmen wurde 1907 als Mitteldeutsche Fahrradwerke in Sangerhausen, Sachsen-Anhalt, gegründet. 1996 erfolgte die Übernahme der Auffanggesellschaft "SFG Sachsen-Anhalt Fahrradbau GmbH" durch die heutigen Gesellschafter Peter Wicht und Michael Lehmann. Im vergangenen Jahr produzierte die Mifa mehr als 500.000 Fahrräder. Zu den Kunden gehören unter anderem die Metro, Kaufland und Neckermann. Das Unternehmen zählt nach eigenen Angaben zu den "Top 2" der deutschen Fahrradhersteller und will im Mai 2004 an die Börse gehen.
Der ostdeutsche Fahrradhersteller Mifa will im Mai dieses Jahres den Gang an die Börse wagen. Trotz des derzeit schlechten Aktienumfelds glaubt Unternehmenschef Peter Wicht an einen Erfolg: «Das Umfeld ist sicher nicht ganz einfach für die, die kein gutes Unternehmen sind. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Mifa ein gutes Unternehmen ist», sagte er im Interview mit der Netzeitung.

Gleichzeitig spricht er sich für den Standort Ostdeutschland aus: «Man kann nicht immer schauen, wie man im Ausland mehr Geld verdient, sondern man muss auch schauen, wie man in Deutschland mehr Geld verdient. Und ich denke, dass wir beweisen, dass dies funktionieren kann», sagte er weiter. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) und beschäftigt mehr als 400 Mitarbeiter.

Netzeitung: Das Börsenumfeld lädt derzeit nicht zu einem IPO ein. Herr Wicht, warum will die Mifa gerade jetzt an die Börse gehen?

Peter Wicht: Das Umfeld ist sicher nicht ganz einfach für die, die kein gutes Unternehmen sind. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Mifa ein gutes Unternehmen ist. Wir haben sehr gute Zahlen, machen sehr gute Fahrräder, haben ein sehr gutes Kundenpotenzial und sind damit der am dynamischsten wachsende Fahrradhersteller in Deutschland.

Netzeitung: Zwei andere Unternehmen haben dies auch von sich behauptet, mussten ihren Börsengang aber kurzfristig absagen. Was macht die Mifa anders beziehungsweise besser?

Wicht: Die Mifa ist nachhaltig profitabel. Wir haben von 2000 bis heute Geld verdient und wir haben uns vom No-Name-Hersteller zu einem der Branchenführer entwickelt. Im vergangenen Jahr haben wir 535.000 Fahrräder produziert. Die Mifa hat Steigerungsraten nicht nur beim Umsatz, sondern auch beim Gewinn, die ihresgleichen suchen.

Netzeitung: Gibt es schon Vorstellungen über dem Emissionspreis? Wie viel soll mit dem Börsengang eingenommen werden?

Wicht: Wir werden in Kürze eine Presse- und Analystenkonferenz veranstalten und dann die Öffentlichkeit darüber informieren. Derzeit können wir noch nichts Konkretes darüber sagen.

Netzeitung: Mit den Einnahmen soll der Marktanteil in Deutschland und Europa erhöht werden. Stehen auch Akquisitionen zur Debatte?

Mehr in der Netzeitung:
Wicht: Wir sind gewinnorientiert. Mit den Einnahmen sollen attraktive Großaufträge vorfinanziert werden. Wir wollen durch unsere Kunden, den großen europäischen Handelsketten, expandieren. Wir werden auch die Expansion in Europa vorantreiben. Wir wollen nach Skandinavien, in die Benelux-Länder und nach Frankreich. Das Wachstum soll besser finanziert werden und wir wollen unabhängiger von den Banken werden. Für Akquisitionen gibt es derzeit noch keine Planung.

Netzeitung: Die Mifa ist mit ihrer derzeitigen Struktur noch ein klassisches mittelständisches Unternehmen. Der Vorstand besteht nur aus Ihrer Person. Müssen da nicht neue Strukturen geschaffen werden?

Wicht: Wir haben im Unternehmen die Strukturen, die wir brauchen. Die Mifa hat einen sehr gut funktionierenden strukturellen Aufbau, das beweisen unsere soliden Finanzen. Wir arbeiten aber daran, einen zweiten Vorstand zu etablieren, der sich nach dem Börsengang um den Bereich Finanzen kümmert.

Netzeitung: Sie beklagen die neuen Eigenkapital-Richtlinien nach Basel II und die immer noch niedrige Eigenkapitalquote mittelständischer Unternehmen in Deutschland. Ist es auch für die Mifa – als profitables Unternehmen – schwer, an Kredite zu kommen?

Wicht: Wir haben immer das Fremdkapital bekommen, das wir brauchten. Es wird trotzdem zunehmend schwieriger. Man muss ein langes Prozedere hinter sich bringen. Es wird künftig zudem noch schwieriger werden. Das ist auch ein Grund für den Börsengang der Mifa: eine höhere Unabhängigkeit von den Banken, um attraktive Großaufträge vorzufinanzieren, insbesondere von großen europäischen Handelsketten.

Netzeitung: Die Mifa ist mit ihrem Sitz in Sachsen-Anhalt ein echtes ostdeutsches Unternehmen. Derzeit wird der Aufbau Ost und die Lage in Ostdeutschland heftig diskutiert. Warum gibt es in Ostdeutschland nicht mehr Mifas?

Wicht: Wir haben den Schritt unternommen, weil wir hier ganz hervorragende Ausgangspositionen bezüglich der Facharbeiter gefunden haben. Das war für uns die grundlegende Voraussetzung für die Entscheidung nach Ostdeutschland zu gehen.

Ich glaube ganz persönlich, dass man nach der Wende den Fehler gemacht hat, nicht die politischen Voraussetzungen zu schaffen, um die Großindustrie nach Ostdeutschland zu holen. Das wird heute schwerer und schwerer. Wir sehen zwar, dass BMW nach Leipzig und dass AMD nach Dresden geht. Aber die großen Schritte gleich nach der Wende sind nicht gelungen.

Netzeitung: Aus Sicht eines ostdeutschen Unternehmers: Wie gut oder schlecht steht es um den Standort Ostdeutschland?

Wicht: Schwierige Frage. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Standort Ostdeutschland entwickeln wird, aber die Bevölkerungszahlen werden weiter zurückgehen. Darüber kann man aber auch nicht so sehr schimpfen, das muss sich alles erst erholen. Das Potenzial ist aber da: Die Ostdeutschen haben nicht weniger Gehirnmasse als die Westdeutschen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ostdeutschland sich über die Jahre deutlich erholen wird. Mit der Mifa versuchen wir, ein positives Zeichen zu setzen. Wir haben über 400 Arbeitsplätze in Sangerhausen geschaffen.

Netzeitung: Viele fürchten wirtschaftliche Nachteile für die fünf neuen Bundesländer durch die Osterweiterung der EU. Ostdeutschland wird nach der Erweiterung nicht mehr die Höchstfördermenge der EU erhalten.

Wicht: Ich glaube, dass diejenigen, die nur auf Förderung warten, auf der falschen Seite stehen. Wenn es in Ostdeutschland mehr und mehr Unternehmer gäbe, die das, was sie haben, in beide Hände nehmen und nach vorne gucken, würde sich Deutschland auch weiterentwickeln. Die Zusatzkosten, die man hat, wenn man Waren aus Polen oder Tschechien importiert, sind über kurz oder lang nicht von der Hand zu weisen.

Netzeitung: Welche Zusatzkosten?

Wicht: Wenn heute ein Fabrikant daran denkt in Osteuropa produzieren zu lassen, dann hat er zusätzliche Kosten. Er muss das Management dort etablieren, er muss es qualifizieren und er muss die Waren dorthin bringen. Das kostet alles sehr viel Geld. Der richtige Weg wäre es, in Deutschland die Produktionskosten auf die Kosten in Osteuropa inklusive der Zusatzkosten zu bringen. Man kann nicht immer schauen, wie man im Ausland mehr Geld verdient, sondern man muss auch schauen, wie man in Deutschland mehr Geld verdient. Und ich denke, dass wir beweisen, dass dies funktionieren kann.


Das Gespräch führte Marcus Gatzke.

 
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