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Kommentar: Kleinkrämerei und Größenwahn

17. Feb 2004 17:33
Das Toll-Collect-Desaster verstärkt einen gefährlichen Eindruck. Ist Deutschland überhaupt innovationsfähig?

Von Michael Maier

Regierungskrise, Krise der Bundesagentur für Arbeit, Zerfall der SPD – und nun scheint sich auch die deutsche Wirtschaft in die Serie von Pannen und Peinlichkeiten einzureihen. Das Desaster um die Lkw-Maut ist zuallererst eines des Konsortiums – also DaimlerChrysler und Deutsche Telekom. Es mag schwierig sein mit der Politik – allein, einen solchen Großauftrag darf man nicht derart leichtfertig verschenken. Der Imageschaden für die deutsche Wirtschaft ist beträchtlich. Im Ausland lacht man schon seit langem über das Gezerre; und es war nicht nur Minister Stolpe, der eine schlechte Figur gemacht hat.

Das Problem scheint, wie schon in den Schwierigkeiten, die die Bundesagentur für Arbeit hat, in einer verhängnisvollen Mischung von Kleinkrämerei und Größenwahn zu liegen. Kleinkrämerei, weil man schon vor hundert Jahren an der deutschen Wirtschaft beklagt hat, dass hierzulande lange gefeilscht wird, ehe ein Vertrag abgeschlossen wird. Allerdings wird in Deutschland auch nach Vertragsabschluss weitergefeilscht – eine Unsitte, die der Wirtschaft im internationalen Vergleich zu schaffen macht.

Thomas Mann hat gerne den Vergleich gebracht, den er von einem Franzosen gehört hat: Wenn der Deutsche graziös sein wolle, dann springe er aus dem Fenster - Größenwahn. Man will in Deutschland alles superperfekt machen. Dieser Idealismus führt nicht selten ins Leere, und Deutschland wird von pragmatischen, innovativen Nationen überholt.

Das Scheitern von Toll Collect ist auch ein Rückschlag für die Technologieentwicklung in diesem Land. Zwar sind die Deutschen im Automobilbau unbestrittener Technologie-Weltmeister und werden als solcher auch anerkannt. Aber in vielen anderen Bereichen herrscht Ängstlichkeit, Konservativismus und Behäbigkeit.

Vielleicht lernt man aus dem Toll-Collect-Desaster ja eines: Dass es nicht immer das Größte, Schönste und Teuerste ist, was für den deutschen Hausgebrauch gerade gut genug ist. Und dass es auch in diesem Land viel kreatives Potenzial, etwa im Mittelstand, gibt. Allerdings ist der Preis hoch: Die Reformfreudigkeit wird durch das Aus für Toll Collect nicht steigen, die Regierung Schröder, angetreten um zu reformieren, ist weiter geschwächt. Es ist bisher kein gutes Jahr für Deutschland.

 
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