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Thoma: Sat.1 sollte Late-Night-Show aufgeben

18. Dez 2003 08:40, ergänzt 10:55
Helmut Thoma
Nach Meinung von Ex-RTL-Chef Thoma sollte Sat.1 ganz auf eine Late-Night-Show verzichten. «Die Sendung war und ist ein Prestige-Programm, und die sind meistens teuer und bringen unter dem Strich wenig», sagte er der Netzeitung.

Thema: Ende der Schmidt-Show
Auch mehrere Monate nach der Übernahme der Sendergruppe ProSiebenSat1 läßt der neue Eigentümer Haim Saban noch keine klare Strategie erkennen - der Rotstift regiert innerhalb der Sender.

Mit dem Weggang von Harald Schmidt verliert der Sender Sat.1 zudem sein Aushängeschild. Die Netzeitung sprach mit dem ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma über die Situation des Senders, mögliche künftige Strategien sowie potenzielle Nachfolger für Schmidt.

Netzeitung: Wie gravierend ist der Abschied von Harald Schmidt für Sat.1?

Helmut Thoma: Die Reaktionen in den vergangenen Wochen waren doch etwas übertrieben. Der Weggang ist mehr eine Prestige-Angelegenheit. Wirtschaftliche Auswirkungen für den Sender Sat.1 sehen ich nicht.

Netzeitung: Keine wirtschaftlichen Folgen? Immerhin war Schmidt so etwas wie die Galionsfigur des Senders.

Thoma: Galionsfigur hin oder her – entscheidend sind die gesamten Einschaltquoten des Senders. Und die sind mit und ohne Herrn Schmidt in den vergangenen Monaten nicht gerade gewaltig gestiegen. Die Sendung war und ist ein Prestige-Programm, und die sind meistens teuer und bringen unter dem Strich wenig.

Netzeitung: Die Suche nach einen Nachfolger ist eröffnet, so Sat.1-Chef Schawinski. Gibt es überhaupt einen adäquaten Thronfolger?

Thoma: Die Frage ist, ob ein Sender ein solches Format überhaupt braucht. RTL hat damit einschlägige Erfahrung gemacht: Wir haben es damals mit Gottschalk versucht und höhere Einschaltquoten gehabt als Schmidt sie jemals hatte. RTL hat das Konzept trotzdem aufgegeben, weil es sich finanziell einfach nicht gelohnt hat. Es gibt einfach nicht genug Zuschauer – in Deutschland gehen alle um diese Zeit schlafen.

Im Durchschnitt benötigt man über zwei Millionen Zuschauer für ein solches Format. Die bekommt man aber eher mit einer guten, eingekauften Serie – mit zudem viel geringeren Kosten – als mit einer Fast-Live-Sendung.

Abgesehen davon sehe ich auch keinen gleichwertigen Nachfolger. Schmidt hat die Sendung so stark geprägt, da ist es äußerst schwierig, einen Nachfolger zu finden. Wir haben es nach Gottschalk mit Thomas Koschwitz versucht – das hat überhaupt nicht funktioniert. Statt nach einem Nachfolger zu suchen, sollte vielmehr ein Schnitt gemacht werden.

Netzeitung: Also kann Sat.1 mit dem Schmidt-Weggang erfolgreich die Kosten senken?

Thoma: Betriebswirtschaftlich gesehen, könnte dieser Umstand bei den Verhandlungen eine Rolle gespielt haben. Aber allein der Kostenaspekt war es sicher nicht. Eher: «Halb ging er hin, halb zog es ihn». Mit dem Rauswurf von Martin Hoffmann hat Schmidt wohl auch die Chance zum Absprung gesehen.

Netzeitung: Wie sehen Sie die grundsätzliche Situation bei Sat.1?

Thoma: Es hat sich in den vergangenen Monaten nicht viel geändert. Durch die Champions-League und den Zwei-Teiler «Das Wunder von Lengede» – der ja nur ein einmaliges Event war - hat der Sender einen gewissen Aufschwung erzielt. Das reicht aber bei weitem nicht aus, um an RTL heranzukommen. Weder ProSieben noch Sat.1 haben eine funktionierende Daily-Soap. Was der Sender braucht, sind aber langlaufende, starke Serien oder ein neues Format – wie zum Beispiel Big Brother – das Aufmerksamkeit und Reichweite bringt.

Netzeitung: Sehen Sie irgendeine neue Strategie in der Führung der Sender, seit der Amerikaner Haim Saban das Ruder übernommen hat?

Thoma: Damit wäre Haim Saban überfordert. Für ihn ist der deutsche Markt völlig neu – die Verantwortung liegt bei den Mitarbeitern, sie müssen neue Formate erfinden.

Netzeitung: Experten rechnen mit einer Amerikanisierung des Programms, fügen aber gleichzeitig an, dass das Potenzial für US-Serien so gut wie erschöpft ist.

Thoma: ProSieben ist schon jetzt faktisch ein amerikanischer Sender auf deutschen Boden – mit größtenteils synchronisierter Ware. Da kann nicht mehr viel gemacht werden, und die amerikanischen Serien sind auch gar nicht mehr so gut. Mittlerweile importieren die Amerikaner viel aus Europa.

Netzeitung: Kann Sat.1 den Vorsprung gegenüber RTL überhaupt aufholen?

Thoma: Natürlich ist das aufholbar. Schauen sie sich einfach den internationalen Markt an. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Sender Marktführer wird und diese Position über Jahre hinweg halten kann. In Amerika wechselt die Marktführerschaft mehr oder minder regelmäßig alle zwei bis drei Jahre. Wenn ein Sender es schafft, mehr als drei Jahr an der Spitze zu bleiben, gilt das schon als Sensation.

In der gegenwärtigen Konstellation sehe ich aber kaum Chancen für Sat.1. So lange keine neue Programme kommen, kann RTL sich noch eine Weile zurücklehnen.

Mit Helmut Thoma sprach Marcus Gatzke

 
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