netzeitung.deDeutschland leidet an einer «Technologielücke»

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Karl Aiginger (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Karl Aiginger
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der ausufernde Sozialstaat soll ein Hauptgrund für die anhaltende Stagnation in Deutschland sein. Das eigentliche Problem sind aber zu geringe Investitionen in Technologie, sagte Wirtschaftsprofessor Aiginger der Netzeitung.

Die deutsche Wirtschaft stagniert das dritte Jahr in Folge. Wirtschaftsvertreter und führende Politiker geben vor allem hohen Lohnkosten und überregulierten Märkten die Schuld am geringen Wachstum und versuchen ihr Glück in Strukturreformen. Dagegen verweist Professor Karl Aiginger vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung auf die mangelnden Investitionen in den Hochtechnologie-Bereich - und die so entstandene «Technlogielücke»

Netzeitung: Angesichts der schwachen Wirtschaftslage spricht ganz Deutschland über zu hohe Lohnnebenkosten und die Überregulierung der Märkte. Wovon ist Ihrer Auffassung nach das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik primär abhängig?

Aiginger: Das Wachstum einer Volkswirtschaft wie Deutschland hängt ganz besonders von ihren Investitionen in die Zukunft ab - gemeint sind Ausbildung, Forschung und die rasche Umsetzung neuer Technologien.

Netzeitung: Wo sehen Sie unter diesem Gesichtspunkt die Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche?

Aiginger:

Deutschland hat schon mindestens 20 Jahre das Problem, sich hauptsächlich auf die sogenannten mittleren Technologien zu konzentrieren. Technologien, die auf Mechanik und Elektronik beruhen. Als das Land mit den höchsten Löhnen hat Deutschland nur im Bereich dieser Technologien den Grad der höchsten Wettbewerbsfähigkeit erreicht. Damit ist es aber nicht auf das oberste Technologiesegment wie Informations- und Biotechnologie spezialisiert. Das ist schon vor 15 Jahren analysiert worden, wurde aber immer wieder verdeckt, weil Deutschland eine sehr gute Handelsbilanz vorweisen kann und sehr starke Positionen in der Auto-, Maschinen- und Chemieindustrie hat.

Netzeitung: Aber Deutschland kann doch einige weltweit führende Unternehmen des obersten Technologie-Segments vorweisen.

Aiginger: Das ist schon richtig, dennoch sind es zu wenige. Das lässt sich eindeutig an den Indikatoren wie den Anteilen an der Informationstechnologie (IT) und der Produktion messen - und der ist deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern und in den USA.

Netzeitung: Wo genau sehen Sie dann Deutschland im internationalen Vergleich?

Aiginger: Im vorderen Mittelfeld. Es ist sicherlich nicht bei den ersten drei dabei, eher knapp vor der Mitte. Führend sind – gemessen an den Forschungs- und Entwicklungsausgaben – Schweden und Finnland. Deutschland liegt bei der Forschungsquote an dritter oder vierter Stelle, war hier aber 1980 noch führend. Ein relativ großer Teil der Forschungsgelder fließt wiederum nicht in die neuen Technologien, sondern ist traditionell aufgeteilt. Deutschland bewertet sich selbst oft besser, da es einen großen Anteil an der IT-Produktion einnimmt. Aber im höchsten Technologiesegment verliert das Land laufend an Konkurrenzfähigkeit.

Ich habe drei Arten von Zukunftsinvestitionen zusammengestellt. Sie basieren auf den Ausgaben einer Ökonomie in Ausbildung, Forschung und die Verbreitung der Informationstechnologie. Gemessen an diesem Index liegt Deutschland im europäischem Durchschnitt, und die Dynamik dieser Ausgaben liegt sogar an letzter Stelle in Europa. Zu Beginn der 90er Jahre war die Bundesrepublik noch relativ weit oben, hat dann die Investitionen nicht mehr gesteigert. Jahr für Jahr ist Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurückgefallen, die Konkurrenzfähigkeit ging verloren - eine Technologielücke ist entstanden.

Netzeitung: Basis Ihrer Berechnungen ist der Prozentanteil der Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Anders fällt das Ergebnis aus, wenn man die absoluten Zahlen zugrunde legt. Warum entscheiden Sie sich für die Berechnung mit dem Prozentanteil?

Aiginger: Große Länder machen gerne den Fehler, absolute Zahlen vorzulegen. Aber in jedem Unternehmen werden die Forschungsanstrengungen im Verhältnis zum Umsatz gemessen. Genauso müssen auch die Volkswirtschaften ihre Investitionen am BIP messen. Natürlich kann man zufrieden sein, wenn man einen hohen Weltmarktanteil hat. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass man lange am Markt bestehen kann. Konkurrenzfähigkeit bedeutet, pro Einheit mehr zu haben als die anderen. Sonst wäre China womöglich das konkurrenzfähigste Land der Welt.

Netzeitung: Wie gehen die deutsche Industrie und die Regierung mit diesem Thema um?

Aiginger: Ich bin erstaunt, dass es in Deutschland keine Rolle spielt. Die Technologielücke bei Hightech-Produkten, die schon vor 15 Jahren bekannt war und nie gelöst wurde, ist bei den aktuellen Debatten untergegangen. Es ist zwar richtig, dass anderen Themen wie Arbeitsmarkt-Reformen oder die Kosten der Wiedervereinigung auch wichtig sind, aber dieser Teil scheint offensichtlich ganz ausgeklammert zu werden. Ich habe mir die verschiedenen Wahlkämpfe und die jeweiligen Parteiprogramme angesehen und die Analysen der deutscher und EU-Wirtschaftsforschungsinstitute studiert. Ergebnis war, dass das Problem der Technologie-Lücke nie erwähnt wird.

Netzeitung: Wem muss man die Verantwortung dafür zuschreiben?

Aiginger: Ich würde die Schuld gleich verteilen. Fehler der Industrie ist, das Problem nicht zu thematisieren, sondern sich immer auf den unflexiblen Arbeitsmarkt zu konzentrieren. Die Regierung wiederum hält sich bei staatlicher Wirtschaftsförderung bewusst zurück. Alle anderen Länder wollen die Forschungs- und Entwicklungsquote anheben. Deutschland hat das allerdings nie zu einem Ziel erhoben – historisch verständlich, weil es 1980 noch die höchste Forschungsquote hatte.

Man muss sich klar machen, dass die neuen Technologien an den Hochschulen nur dann zum Tragen kommen, wenn die Forschungsausgaben steigen. Es ist wahnsinnig schwierig, mit - am BIP gemessen - sinkenden Forschungsausgaben neue Richtungen zu produzieren, weil die Universitäten nicht von selbst die Mittel umschichten. Die Mittelaufteilung bleibt in der Regel weitgehend traditionell. Und je weniger die Forschungsquote steigt, desto eher bleiben die Forschungsrichtungen von gestern auch die Studiengänge von morgen.

Die Regierung selbst interveniert laufend in Brüssel gegen die Lissabon-Strategie der EU, die Stärkung und Förderung der neuen Technologien vorsieht. Sie sagt, man sollte auf die Traditionsindustrien mehr Wert legen – hier werden immer wieder Maschinen, Kfz- und Chemieindustrie benannt. Die EU fordert hingegen, dass die Forschungsquoten erhöht, die Ausbildungen reformiert und die Anzahl der Akademiker erhöht werden.

Netzeitung: Aber warum hängt ein Land wie Deutschland – immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft weltweit – bei den Technologie- und Forschungsausgaben so weit hinterher?

Aiginger: Das ist schwer zu sagen, aber wahrscheinlich auf Grund der Exzellenz in den mittleren Technologien. Hier hat Deutschland eine hervorragende Position, die sich in starken Unternehmensgewinnen, Marktanteilen und auch in starken Exporterfolgen niederschlägt. Dann sieht man natürlich weniger Grund dazu, seine Schwerpunkte zu verlagern – bis es möglicherweise zu spät ist.

In den skandinavischen Ländern gab es Anfang der 90er Jahre die große Krise. Sie hat zu grundlegenden Analysen darüber geführt, wie Gesellschaften als Hochlohn-Land mit hohen Umwelt- und Energiekosten konkurrenzfähig bleiben können. Diese Gesellschaften haben sich in dieser Situation dazu entschlossen, dass die neuen Technologien ihre einzige Chance sind. Sie haben begriffen, dass ein Land, das ein hohes Lohnniveau haben will aber sehr hohe Steuern hat, unbedingt Produktivitätsführer sein muss. Kleinere Länder sind natürlich leichter umzustellen, und die Krise hat diese Staaten ordentlich dazu angestachelt.

Netzeitung: Wie könnte jetzt der Lösungsansatz für dieses Problem aussehen?

Aiginger: In zwei Schritten. Auf dem aktuellen Stand leerer Kassen muss die Effizienz der Forschungsausgaben bestmöglich genutzt werden. In dem Moment, wenn die nötigen Mittel vorhanden sind, muss die Quantität wieder gesteigert werden. Aber es ist natürlich schwierig, ein Problem zu lösen, dass man zehn Jahre lang nicht angepackt hat – gerade angesichts der finanziellen Krise.

Das Gespräch führte Lars Borchert.