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«Saban kauft ProSieben zum Schleuderpreis»

08. Aug 2003 10:28, ergänzt 11. Aug 2003 08:51
Ex-RTL Helmut Thoma
Mit der Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Haim Saban hat sich für die Sendergruppe nicht viel geändert. «Saban ist ein viel zu guter Kaufmann, als dass er riesige Investitionen tätigen würde», sagte Ex-RTL-Chef Helmut Thoma der Netzeitung.

Thema: ProSieben-Verkauf
Mit der bevorstehenden Übernahme der Sendergruppe ProSiebenSat.1 durch den amerikanischen Investor Haim Saban hat erstmals seit der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland ein Ausländer auf dem deutschen TV-Markt Fuß gefasst. Die Netzeitung sprach mit dem Ex-RTL-Chef Helmut Thoma über vergangene Fehler, N24 und die Zukunft der Sendergruppe.

Netzeitung: Haim Saban ist froh, ProSiebenSat.1 ist froh und der Chef der bayerischen Staatskanzlei, Erwin Huber, ist auch froh. Beginnt mit dem neuen Eigentümer nun eine goldene Ära bei ProSiebenSat.1?

Helmut Thoma: Keine goldene, aber eine neue. Ob sie golden sein wird, wird man erst im Nachhinein sehen. Die ProSiebenSat.1 kommt mit dem Kauf aus der Insolvenzverwaltung im Rahmen der KirchMedia-Pleite heraus. Das ist natürlich von großem Vorteil. Die weitere Zukunft hängt insbesondere davon ab, wie der Sender jetzt geführt wird.

Netzeitung: War das Unternehmen nicht in den vergangenen Monaten durch die äußeren Umstände geradezu gelähmt? Die öffentlich-rechtlichen Sender konnten relativ problemlos den großen Fisch Bundesliga erwerben.

Thoma: Die Bundesliga ist ein Fisch, den sich Sat.1 schon lange hätte wegnehmen lassen müssen. Das war für den Sender viel zu teuer. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss damit im Gegensatz zu den Privatsendern kein Geld verdienen. Wenn es ganz schlimm kommt, wird einfach eine Gebührenerhöhung verlangt.

Netzeitung: Was wird unter Haim Saban anders? Der Amerikaner steht nicht unbedingt für qualitativ hochwertiges Fernsehen...

Thoma: Was ist hochwertiges Fernsehen? Hochwertiges Fernsehen ist für kommerzielle Unternehmen ein erfolgreiches Fernsehen. Haim Saban ist primär ein Programmhändler – und hatte mit diesem Geschäft riesige Erfolge in Amerika. Mit den Power Rangers hatte Saban einen solchen gigantischen Erfolg, dass ihn allein das zum Milliardär gemacht hat.

Netzeitung: Wo sehen Sie die künftige Stellung von Sat.1?

Thoma: Ein kommerzieller Sender muss versuchen, in jedem Bereich stark zu sein – das gilt auch für Sat.1. Die schwache Stellung des Senders auf dem deutschen Markt ist auch auf schlechte Personal-Entscheidungen in der Vergangenheit zurückzuführen. Sat.1 war in der Anfangszeit der größte Konkurrent für RTL im Privatfernsehen. Gerade in den vergangenen Jahren ist der Sender aber stark zurückgefallen.

Netzeitung: Erstmals seit der Zulassung der privaten Anbieter Mitte der 80er Jahre gelingt es einem ausländischem Unternehmen auf dem deutschen TV-Markt Fuß zu fassen. Glauben Sie, dass sich durch den Einstieg die TV-Landschaft in Deutschland grundlegend verändern wird?

Thoma: Eine solche Übernahme wäre in anderen europäischen Ländern – zum Beispiel Frankreich – so nicht möglich gewesen. Auch in Amerika können Ausländer keine Mehrheit an Fernsehsendern kaufen. Aber was soll sich durch den neuen Eigentümer Gewaltiges ändern? Er muss die Fernsehgruppe einfach gut führen. Um Filme in Amerika zu kaufen, muss man kein Amerikaner sein.

Eine gute Beziehung zu Hollywood – wie sie Herrn Saban zu Recht unterstellt wird – ist nicht entscheidend. Entscheidender ist die Struktur der Sender: Es müssen auch viele eigene Produktionen her, um die fast 100-prozentige Abhängigkeit von Amerika abzuschwächen. Die amerikanischen Filmstudios sind heilfroh, wenn man ihnen etwas abkauft. Die großen europäischen Sender kaufen viel weniger als in der Vergangenheit – auch hier wird mehr auf Eigenproduktion gesetzt.

Netzeitung: Was wurde den konkret in der Vergangenheit falsch gemacht?

Thoma: Bei Sat.1 zum Beispiel gab es keine klar durchdachte Strategie. Der Sender schwankte zwischen einem Familiensender und einem Aktions- oder Jugendsender. Dabei war kein klares Bild zu erkennen. Die Frage muss lauten: Was will der Sender eigentlich? Die Positionierung muss jetzt natürlich erfolgen.

Die Chance ist jedenfalls groß, dass die Finanzinvestoren die Sendergruppe mit großen Gewinn weiterverkaufen werden. Einige deutsche und europäische Unternehmen werden sich noch ärgern, nicht selber eingestiegen zu sein. Saban hat ProSiebenSat.1 letztendlich doch zu einem Schleuderpreis bekommen.

Netzeitung: Was passiert mit N24?

Thoma: Saban wird sich diesen Bereich sicher als guter Kaufmann anschauen und entscheiden, ob eine Fortführung sinnvoll ist. Ich für mich habe noch nie den Sinn eines Nachrichtensenders N24 erkannt. Ich glaube nicht, dass eine Fortführung notwendig ist.

Netzeitung: Letztendlich hat sich für ProSiebenSat.1 nicht wirklich viel verändert. Ist Saban nur eine Station von vielen?

Thoma: Viel geändert hat sich durch die Übernahme von Saban wirklich nicht. Die Gläubigerbanken hätten das, was jetzt die neuen Eigentümer machen, auch selber machen können. Saban wird natürlich heftig bestreiten, dass er nur ein Zwischenspiel ist, aber die Logik spricht dafür.

Die neuen Eigentümer werden verstärkt versuchen, die Sendergruppe kurzfristig etwas aufzupolieren und sie dann zu einem wesentlich höheren Preis weiterzukaufen. Saban ist ein viel zu guter Kaufmann, als dass er riesige Investitionen tätigen würde.

Der einzige große Vorteil für ProSiebenSat.1 ist, dass jetzt Klarheit über die Eigentümerstruktur der Sendergruppe herrscht. Ruhe ist jetzt das Wichtigste für das Unternehmen.

Das Gespräch führte Marcus Gatzke

 
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