Bertelsmann auf dem Weg zur Old Economy
25.03.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Bertelsmann-Chef Gunter Thielen räumte auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstag in Berlin ein, dass die erste Bilanz nach dem Ausscheiden von Middelhoff auch noch von diesem beeinflusst sei. «Middelhoff hat seinen Anteil an diesem Ergebnis», sagte Thielen zur Arbeit seines Vorgängers. Es fiel jedoch auf, dass in den Vorträgen des Vorstandes sehr häufig die Worte Kern- und Stammgeschäft fielen und bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen wurde, dass die verlustbringenden Aktivitäten im Internet reduziert worden seien.
Die Strategie sieht laut Thielen damit so aus, dass das Internet die bestehenden Geschäftsbereiche zum Beispiel als Vertriebs- und Marketingplattform ergänze, jedoch keine eigenständige Unternehmenssparte mehr bilde. Aus diesem Grund sei der defizitäre Online-Buchhandel Bol gegen eine Beteiligung an Buch.de eingetauscht worden.
Zum Verhältnis mit dem belgischen Großaktionär Albert Frere sagte Thielen: «Es ist nicht abzusehen, ob GBL an die Börse will oder nicht. Es sieht eher so aus als wollten sie nicht», sagte Thielen. Frere habe ihm gesagt, wenn das Geschäft nicht gut laufe, erhalte er nichts für seinen Bertelsmann-Anteil von 25 Prozent. Und wenn das Geschäft gut laufe, stelle sich die Frage, warum er dann verkaufen sollte. Thielen wiederholte damit schon vormals geäußerte Auffassungen über den möglichen Börsengang.
Die Fachverlagssparte BertelsmannSpringer soll nach Angaben von Arnold Bahlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von BertelsmannSpringer, in den kommenden zwei Monaten verkauft werden. Es gebe mehr als sechs Bieter, sagte Bahlmann. «Wir sind aber etwas später dran als geplant», sagte Bahlmann.
Thielen sah sich genötigt, auf den publik gewordenen Streit zwischen Mohn und Management ausführlich einzugehen. Es sei ganz klar, dass die unternehmerischen Entscheidungen vom Vorstand getroffen würden, sagte Thielen. Auch Mohn sei sich bewusst, dass unternehmerische Kompetenz, die dessen Meinung nach alleine über den Erfolg eines Konzern entscheide, schwer über Generationen in einer Familie gehalten werden könne. «Es kann natürlich immer wieder ein As darunter sein», sagte Thielen. Daher solle die Familie keine Führungsrolle im Konzern übernehmen. Allerdings sei es Aufgabe der Familie, die besondere Unternehmenskultur von Bertelsmann zu bewahren.
Richtig ins Schwärmen geriet Thielen bei seinem Vortrag, als er auf den Erfolg der RTL-Show «Deutschland sucht den Superstar» zu sprechen kam. Die Sendung habe «regelmäßig alle Zuschauerrekorde gebrochen, die es je gab.» Noch nie hätten so viele Zuschauer nach Mitternacht vor dem Fernseher gesessen, wie bei dieser Sendung, sagte Thielen. Die Produktionsfirma verhandele daher mit 50 Ländern über den Verkauf der Lizenz für das Format. Auch für die Weiterverwertung sei gesorgt, denn Dieter Bohlen habe mit den beiden Finalisten einen Titel aufgenommen, den die Bertelsmann Music Group erfolgreich vertreibe.

