netzeitung.deBertelsmann auf dem Weg zur Old Economy

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Bertelsmann-Vorstandschef Gunter Thielen (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bertelsmann-Vorstandschef Gunter Thielen
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Internet als Wachstumsbranche hat für Bertelsmann kaum noch einen Stellenwert. Als nächstes wird wohl auch der geplante Börsengang ins Wasser fallen.

Der Medienkonzern Bertelsmann hat im abgelaufenen Geschäftjahr gut verdient. Die guten Zahlen sind aber auch auf die geänderte Strategie des Konzerns zurückzuführen: Das Internet spielt nach dem Abgang von Thomas Middelhoff von der Konzernspitze nur noch eine untergeordnete Rolle, der Verlustbringer Worldwideweb wurde deutlich zusammengestrichen.

Bertelsmann-Chef Gunter Thielen räumte auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstag in Berlin ein, dass die erste Bilanz nach dem Ausscheiden von Middelhoff auch noch von diesem beeinflusst sei. «Middelhoff hat seinen Anteil an diesem Ergebnis», sagte Thielen zur Arbeit seines Vorgängers. Es fiel jedoch auf, dass in den Vorträgen des Vorstandes sehr häufig die Worte Kern- und Stammgeschäft fielen und bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen wurde, dass die verlustbringenden Aktivitäten im Internet reduziert worden seien.

Die Strategie sieht laut Thielen damit so aus, dass das Internet die bestehenden Geschäftsbereiche zum Beispiel als Vertriebs- und Marketingplattform ergänze, jedoch keine eigenständige Unternehmenssparte mehr bilde. Aus diesem Grund sei der defizitäre Online-Buchhandel Bol gegen eine Beteiligung an Buch.de eingetauscht worden.

Börsengang weiter offen
Thielen will den Konzern jetzt reif für die Börse machen. Ob der Börsengang 2005 aber wirklich erfolgt, ist weiter offen. «Die Altgesellschafter gehen nicht an die Börse», sagte Thielen auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstag in Berlin.

Zum Verhältnis mit dem belgischen Großaktionär Albert Frere sagte Thielen: «Es ist nicht abzusehen, ob GBL an die Börse will oder nicht. Es sieht eher so aus als wollten sie nicht», sagte Thielen. Frere habe ihm gesagt, wenn das Geschäft nicht gut laufe, erhalte er nichts für seinen Bertelsmann-Anteil von 25 Prozent. Und wenn das Geschäft gut laufe, stelle sich die Frage, warum er dann verkaufen sollte. Thielen wiederholte damit schon vormals geäußerte Auffassungen über den möglichen Börsengang.

BertelsmannSpringer wird in Kürze verkauft
Bertelsmann hat der Firma von Frere, GBL, beim Tausch eigener Anteile gegen die Mehrheit an der Sendergruppe RTL das Recht eingeräumt, ihr Aktienpaket von 25,1 Prozent ab 2005 an die Börse zu bringen. Die Eigentümerfamilie Mohn besitzt 74,9 Prozent der Kapitalanteile, jedoch 75 Prozent der Stimmanteile. Der Gütersloher Konzern hat aber ein Vorkaufsrecht für die Bertelsmann-Anteile von GBL. Ein Rückkauf sei jedoch nicht möglich, sagte Thielen.

Die Fachverlagssparte BertelsmannSpringer soll nach Angaben von Arnold Bahlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von BertelsmannSpringer, in den kommenden zwei Monaten verkauft werden. Es gebe mehr als sechs Bieter, sagte Bahlmann. «Wir sind aber etwas später dran als geplant», sagte Bahlmann.

Schulte-Hillen bleibt
Zu Spekulationen über die Zukunft von Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen sagte Thielen, dass von Seiten des Unternehmens keine Veränderung im Aufsichtrat geplant sei. Nach Informationen des «Handelsblatts» ist ein Streit mit der Gründerfamilie Mohn der Grund für die Ablösung Schulte-Hillens, die am kommenden Donnerstag, wenn Konzerntochter Gruner+Jahr ihre Zahlen vorlegt, bekannt gegeben werden könnte.

Thielen sah sich genötigt, auf den publik gewordenen Streit zwischen Mohn und Management ausführlich einzugehen. Es sei ganz klar, dass die unternehmerischen Entscheidungen vom Vorstand getroffen würden, sagte Thielen. Auch Mohn sei sich bewusst, dass unternehmerische Kompetenz, die dessen Meinung nach alleine über den Erfolg eines Konzern entscheide, schwer über Generationen in einer Familie gehalten werden könne. «Es kann natürlich immer wieder ein As darunter sein», sagte Thielen. Daher solle die Familie keine Führungsrolle im Konzern übernehmen. Allerdings sei es Aufgabe der Familie, die besondere Unternehmenskultur von Bertelsmann zu bewahren.

Zeiler statt Middelhoff
Der neue Star des Unternehmens könnte daher der als loyal geltende Österreicher Gerhard Zeiler sein, der als RTL-Chef die Fernsehaktivitäten von Bertelsmann verantwortet. Zeiler durfte bei der Pressekonferenz zwar nicht am Vorstandstisch Platz nehmen, als «assoziiertes Mitglied» nehme er jedoch an den Vorstandssitzungen Teil, wie Thielen versicherte. Inzwischen trägt die RTL-Group mit 23 Prozent zum Umsatz bei und erwirtschaftete mit 10,7 Prozent die höchste Rendite der bisherigen sieben Firmensparten.

Richtig ins Schwärmen geriet Thielen bei seinem Vortrag, als er auf den Erfolg der RTL-Show «Deutschland sucht den Superstar» zu sprechen kam. Die Sendung habe «regelmäßig alle Zuschauerrekorde gebrochen, die es je gab.» Noch nie hätten so viele Zuschauer nach Mitternacht vor dem Fernseher gesessen, wie bei dieser Sendung, sagte Thielen. Die Produktionsfirma verhandele daher mit 50 Ländern über den Verkauf der Lizenz für das Format. Auch für die Weiterverwertung sei gesorgt, denn Dieter Bohlen habe mit den beiden Finalisten einen Titel aufgenommen, den die Bertelsmann Music Group erfolgreich vertreibe.

Ergebnis soll 2003 deutlich steigen
Die erste richtige Bilanz nach der Middelhoff-Ära wird demnach erst die nächste sein, weil dann die Verkäufe der AOL-Anteile nicht die Einnahmenseite von Bertelsmann entscheidend bestimmen. Allerdings dürfte es diesem Jahr auch keine hohen Konzernabschreibungen mehr geben, wie es im vergangenen Jahr durch den ungewollten Erwerb von Zomba der Fall war. Thielen rechnet für 2003 mit einem deutlichen Ergebnisanstieg bei gleichbleibendem Umsatz. Das angestrebte Renditeziel von zehn Prozent sei bei normalen Zeiten auch gut zu erreichen, sagte der Vorstandschef. Doch mit normalen Zeiten rechne er erst wieder ab 2005. (nz)