netzeitung.deAOL verliert 100 Milliarden und Ted Turner

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AOL Time Warner hat im vergangenen Jahr mehr Geld verloren, als manche ganze Volkswirtschaft auf die Waage bringt. Verzichten muss der Konzern künftig auch auf CNN-Gründer Ted Turner.

Der Medienkonzern AOL Time Warner hat mit einem Jahresverlust von fast 100 Milliarden Dollar einen Rekord in der US-Wirtschaftsgeschichte aufgestellt. Allein im letzten Quartal betrug der Fehlbetrag rund 45 Milliarden Dollar – vor allem wegen einer Abschreibung in Höhe von 35 Milliarden Dollar auf die Internetsparte America Online (AOL). Sie wurde unter anderem wegen einer Gesetzesänderung nötig, zeigt gleichzeitig aber auch die Schwierigkeiten des Konzerns im Internetgeschäft.

Denn AOL büßte im vierten Quartal erstmals in der Unternehmensgeschichte Kunden ein: Die Zahl der AOL-Nutzer sank den Angaben zufolge zwischen von September bis Dezember um 100.000 auf 35,2 Millionen. Der Quartalsumsatz der Online-Sparte reduzierte sich um vier Prozent, wozu auch geringere Werbeeinnahmen beitrugen. Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) gab auf Quartalsbasis sogar um elf Prozent nach.

Mammut-Aufgabe für Parsons
Die Zahlen zeigen auch die Schwierigkeiten, die vor dem neuen Konzernchef Richard Parsons liegen. Er hatte bereits bei der Übernahme des Chairman-Postens von AOL-Gründer Steve Case vor gut zwei Wochen die Stärkung des Online-Geschäfts als wichtigste Aufgabe bezeichnet.

Wie die jüngsten Zahlen zeigen, entwickelte sich das klassische Mediengeschäft der ehemaligen Time Warner Company durchaus erfreulich. Der Internetanbieter hatte den Medienkonzern im Jahr 2001 für rund 100 Milliarden Dollar übernommen. Die Fusion gilt bei vielen Beobachtern angesichts der Geschäftsergebnisse als gescheitert – die erhofften Synergieeffekte lassen auf sich warten.

Die Rückkehr von AOL in die Gewinnzone könne dauern, sagte Parsons nach Vorlage der Zahlen. Das Konzern-Ebitda werde im laufenden Jahr stagnieren – vor allem wegen der schwachen Geschäftsentwicklung bei AOL. Parsons kündigte zudem einen verschärften Abbau des Schuldenberges an, der bis 2004 auf 20 Milliarden Dollar sinken soll. Angesichts der hohen Abschreibung ist durchaus eine Herabstufung der Konzernschulden durch die Rating-Agenturen möglich.

Turner-Rücktritt nährt Spekulationen
Mit Ted Turner verliert AOL Times Warner zudem einen weiteren wichtigen Manager. Der CNN-Gründer kündigte an, seinen Direktorposten im Verwaltungsrat des Konzerns bei den nächsten Hauptversammlung im Mai aufzugeben. Turner hält rund vier Prozent am Stammkapital des Konzerns und ist damit der größte Einzelaktionär von AOL Time Warner. «Dieses Unternehmen ist seit mehr als 50 Jahren ein bedeutender Teil meines Lebens gewesen», ließ Turner in einem Statement verlauten. Er ist 64 Jahre alt.

Bereits am Dienstag hatte Turner sein Büro im 14. Stock der CNN-Zentrale in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia geräumt, wie die «New York Times» berichtete. Schon zuvor habe er große Teile seiner Sammlung von Gemälden aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und seinen Pokal von der Segelregatta America's Cup entfernt. Turner wolle in den Ruhestand gehen und sich künftig verstärkt philanthropischen Tätigkeiten zuwenden, hieß es aus seinem Umfeld. Auch könne er sich intensiver um die geplante Fusion zwischen CNN und dem zum Disney-Imperium gehörenden Nachrichtensender ABC kümmern.

Kein Käufer für AOL in Sicht
Der Exodus an der Konzernspitze geht damit weiter. Nach dem Rücktritt von Case findet sich keiner mehr in der Führungsriege des Unternehmens, der zuvor bei AOL gearbeitet hat – die Time-Warner-Mannschaft, zu der auch Parsons zählt, hat das Ruder fest im Griff.

Die gewaltige Abwertung der Onlinesparte nährt zudem Spekulationen, der Konzern könne sich von AOL trennen. Bislang hatte Parsons entsprechende Berichte stets energisch zurückgewiesen. Fraglich ist auch, wer AOL kaufen sollte. Angesichts der Krise im Internet- und Medienbereich dürfte die Käufersuche schwierig werden. Bezeichnend ist, dass bislang keine Spekulationen über einen Kaufinteressenten kolportiert wurden.


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