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Spezielle Ausbildung in Paris: 

Wo man die Kunst der Desinformation lehrt

01. Jul 2008 13:35
Der Laptop als moderne Waffe
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Ob Spionage, falsche Informationen oder Cyberattacken - die globalisierte Wirtschaft hat mit ebenso weltweiten Gefahren zu tun. Eine Pariser Eliteschule bereitet auf die moderne Schlacht vor.

Kriminelle Methoden und unfaire Mittel vor allem aus Chinas Management-Etagen zählen zu den mittlerweile größten Problemen westlicher Unternehmen. Nach Angaben des Verfassungsschutzes ist der «Cyberwar» ein immer wichtigeres Gebiet der Wirtschaftsspionage, die besonders deutschen Firmen schwer zusetzt. Die Franzosen sind auf die Abwehrschlacht vorbereitet: Sie haben eine «Schule für Wirtschaftskrieg». Hier lehren Geheimdienstler, Militärexperten und Top-Manager die Studenten den Überlebenskampf im Hauen und Stechen der globalen Wirtschaft.

Gut getarnt hinter einer schmalen blauen Tür liegt die «École de Guerre Économique» (EGE) im feinen VII. Pariser Arrondissement, nahe des Eiffelturms und der ehrwürdigen Militärschule. In den engen Gängen und dunklen Klassenzimmern würde sich auch eine Globalisierungs-kritische Nichtregierungsorganisation wohlfühlen. Das Heiligtum der verschwiegenen Lehrwerkstatt sind die hochgerüsteten Computer: In den Cyberkrieg des 21. Jahrhunderts ziehen die Studenten nicht mit Revolver oder Abhör-Wanzen, sondern mit der Maus. Schutzzölle oder Werkspionage sind hier Schnee von gestern.

Image des Konkurrenten anzweifeln

Vor knapp elf Jahren hat Ege-Direktor Christian Harbulot die Kaderschmiede ins Leben gerufen, gemeinsam mit einem früheren General. «Die westliche Welt wird durcheinandergewirbelt, der Wettbewerb wird immer härter», warnt er. «Ganze Industrien verschwinden, die Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze.» Es genüge nicht mehr, ein «Super-Produkt» auf den Markt zu werfen, die Firmen müssten lernen, sich vor allem gegen Informations-Attacken zu schützen. «Vor dreißig Jahren war die größte Gefahr, sich ein Geschäftsgeheimnis stehlen zu lassen», meint Harbulot. «Natürlich gibt es dieses Risiko noch heute, aber viel schneller kann man das Image des anderen angreifen, seinen Aktienkurs zum straucheln bringen und Zweifel in den Köpfen der Menschen sähen.»

Ein Beispiel: Die in China stark vertretene französische Supermarktkette Carrefour. Nach den Attacken auf die olympische Fackel in Paris war das Unternehmen in China Ziel von Boykottaufrufen via SMS und Internet geworden. Ein Großteil davon, meint Harbulot, sei aber gar nicht aus China gekommen, wie in der Öffentlichkeit kolportiert - sondern von der westlichen Konkurrenz.

Deutschlands Know-how als begehrte Ware

Dem Mitt-Fünfziger geht es aber nicht um nationale Wirtschaftsinteressen. Er hat Europa im Blick. Der vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy beschworene Industriepatriotismus mit dem Aufbau nationaler Großkonzerne bringt nach Ansicht von Harbulot nicht weiter. Im Kampf etwa gegen Spionage aus Russland oder Schwellenländern wie China müsse die EU zusammenstehen. «Wir müssen auf europäischer Ebene Antworten finden beispielsweise auf die Staatsfonds, der einzelne Mitgliedstaat hat nicht die kritische Masse», meint Harbulot. «Man sieht doch, dass hinter den Staatsfonds der Chinesen vor allem die Logik des Wissenstransfers steckt, bei den Fonds aus Nahost vor allem um Rentabilität, den Russen um die Kontrolle in strategisch wichtigen Industriesektoren.»

In Deutschland befasst sich bereits der Verfassungsschutz mit dem Problem der Wirtschaftsspionage. Die Bundesrepublik sei als Standort zahlreicher Unternehmen der Spitzentechnologie für fremde Nachrichtendienste sehr attraktiv, heißt es im aktuellen Bericht. Weniger entwickelte Staaten spähten technisches Know-How aus. Andere interessierten sich für Produktideen oder Fertigungstechniken.

Auch deutsche Studenten

Laut einer Studie der Universität Lüneburg vernichten Spionage und Computerattacken jedes Jahr 50.000 Jobs und kosten die Wirtschaft bis zu 50 Milliarden Euro. Aber eine «Schule für Wirtschaftskrieg» gründen, um den Firmen Abwehrtechniken beizubringen? Wegen der Geschichte in Deutschland bislang undenkbar, glaubt Harbulot. «Ich glaube aber, dass die Dinge jetzt ins Rollen kommen - auch wenn eine solche Schule wohl anders hieße.»

Und so finden sich unter den insgesamt gut 300 «Ege»-Absolventen auch eine Handvoll deutscher Diplomierter. Die Wirtschaftskrieger landen in Großkonzernen wie dem Flugtechnikkonzern EADS, Botschaften oder dem Verteidigungsministerium.

Neben dem Pariser Verteidigungsressort unterstützt die Rüstungsberatung «Défense Conseil International» die staatlich anerkannte Schule. 10.000 Euro kosten zehn Monate Aufbau-Studium. Gelehrt werden Strategien zur Markteroberung, Militärtechniken, Vernebelungstaktiken oder Wirtschaftskrimis nacherzählt.

Über genaue Inhalte schweigen sich die Dozenten und ihre Schüler aus. Es gehe aber alles legal zu, betont Harbulot. «Um Kriege zu verhindern, muss man die anderen vor allem dazu bringen, einen zu fürchten.» (Dorothée Junkers, dpa)

 
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