Nadal fordert Federer alles ab
Es waren die letzten Minuten vor dem Marsch hinaus aufs Spielfeld, als Tony Roche in der Umkleidekabine seinen Schützling noch einmal eindringlich auf das kommende Finale gegen Rafael Nadal einschwor. «Dies ist Dein Platz, dies ist Dein Haus. Das musst Du jetzt mit aller Willenskraft verteidigen», sagte der australische Trainer zu Roger Federer, dem amtierenden Champion und in dieser Sekunde noch dreifachen Sieger. «Okay, Tony, ich werde die Schlüssel behalten», erwiderte Federer, «ich gebe Dir mein Wort drauf.»
Und Federer, soeben auf der größten Tennisbühne der Welt als würdiger Erbe von Björn Borg und Pete Sampras gewürdigt, stimmte sich selbst, seine Parteigänger und die Tennisfans auf härtere, turbulentere Zeiten bei der Titelvergabe ein: «Nadal ist kein Mann, der sich mit Platz zwei zufrieden gibt. Und seine Leistung ist in den letzten beiden Wochen regelrecht explodiert.»
Mit dem starken Wimbledon-Auftritt im gerade einmal fünften Rasenturnier seiner Karriere habe Nadal bewiesen, «dass er Federer immer und überall stellen kann, nicht nur auf Sand», meinte auch der amerikanische Superstar Jimmy Connors, «das Gerede vom Underdog Nadal in Wimbledon kann man getrost begraben.»
Zwar verkürzte Federer in Wimbledon im persönlichen Karrierevergleich mit Nadal auf 2:6, doch der unheimliche Kraftprotz aus Mallorca wird sich auch im bevorstehenden Urlaub in Südasien nicht aus dem Hirn verscheuchen lassen – jener Spieler, der im Finale der 120. All England Championships mit nur ein bisschen mehr Glück auch gut und gerne eine 2:1-Satzführung und den späteren Sieg hätte herausspielen können. «Die Gefahr war da», sagte Federer später und gab auch zu, «dass der Druck enorm war, dieses Finale zu gewinnen. Denn eine weitere Niederlage nach Paris wäre schon ein schwerer Rückschlag gewesen, das hätte ich nicht so leicht wegdrücken können.» Wie unbeugsam Nadal trotz eines 0:6-Desasters im ersten Satz und des unglücklich verlorenen Tiebreaks im zweiten Satz an sich und seine Siegchance glaubte, das musste dem weiter regierenden Champion gleichwohl noch Zweifel für zukünftige Titelanläufe einimpfen. Mehr denn je glaube er nun daran, sagte Nadal, «dass ich mir meinen Lebenstraum erfüllen kann, den Traum vom Sieg in Wimbledon.»
Schon wird deutlich, dass sich beide Gladiatoren mit Meilenschritten vom Rest des Wanderzirkus entfernen und auf ein immer höheres Performanceniveau schrauben – angetrieben und genötigt durch die Klasse des Mannes auf der anderen Seite des Netzes. Das galt in der Sandplatzserie für Federer, der in allen großen Finals stand und drei Mal nur hauchdünn gegen Nadal verlor. Und das galt in der kürzeren Rasenspielzeit nun für Nadal, der beträchtlich am Lack des vorgeblich unschlagbaren Wimbledon-Dominators Federer kratzte.
