Ausnahmezustand im Münsterland
26.11.2005
Herausgeber: netzeitung.de
«Ich habe die Nacht in einem Lastwagen verbringen dürfen. Sonst wäre ich vermutlich erfroren», erzählte eine Autofahrerin im Radio. Sie gehörte zu den Menschen, die im Schneechaos auf der Autobahn 31 bei Gronau stecken geblieben waren. Ausgerechnet im flachen und keineswegs für seine Winterlandschaft bekannten Münsterland in Nordrhein-Westfalen hatte der Schneesturm am Samstag besonders getobt. Etliche Hochspannungsmasten knickten unter der Last des Schnees ein.
Zahlreiche Tankstellen im Münsterland waren nur für Rettungsfahrzeuge geöffnet. Der Flughafen Münster/Osnabrück war am Freitagabend vorübergehend geschlossen worden. «Der Wintereinbruch ist der heftigste, den der Flughafen in seiner über dreißigjährigen Geschichte erlebt hat», sagte ein Sprecher.
«Wir können uns nicht einmal im Fernsehen informieren», schimpfte ein Mann in der Innenstadt von Münster. Zwei Mal sei er schon aufs Dach seines Hauses geklettert, um die Parabolantenne von den Schneemassen zu befreien. In den Ortschaften um Ochtrup und Vreden ging seit Freitagabend gar nichts mehr. Bis zu 50 Zentimeter maß die Schneedecke, stellenweise war der nasse Neuschnee stark verweht und hart wie Beton. Wer sich überhaupt noch fortbewegte, tat dies auf dem Traktor.
Das Städtchen Ochtrup wirkte fast wie eine Geisterstadt. Die Läden waren geschlossen. Kaum jemand war auf der Straße. Telefonleitungen und Handynetze waren genauso wie die Stromversorgung zusammengebrochen. «Wir haben die Leute aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben und abzuwarten», sagte der Sprecher des Krisenstabes der Bezirksregierung Münster, Stefan Bergmann. «Die Stimmung ist gespannt, aber es gibt keine Panik.» Menschen saßen bei laufendem Motor im Auto und hörten Radio, um sich ein Bild von der Situation machen zu können. Andere hockten bei Kerzenschein am Kaminfeuer. Wann es wieder Strom gibt, wusste keiner.
1000 Helfer von Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz, Bundeswehr, Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen schufteten seit Freitagabend. Im Bahnhof von Münster, wo in der Nacht der Zugverkehr zusammengebrochen war, mussten rund 50 Menschen in einem Luftschutzbunker unter den Gleisen schlafen. Schlechter hatten es Hunderte, die auf der vermutlich noch bis Sonntag gesperrten Autobahn 31 eingekeilt waren. Manche von ihnen mussten 15 Stunden lang ohne
jede Versorgung ausharren.
Auch für die Landwirte wurde es nach dem stundenlangen Stromausfall eng, weil die Melkmaschinen nicht funktionierten. Für sie genauso wie für private Haushalte versuchte der Krisenstab, Notstromaggregate aus ganz Nordrhein-Westfalen zu sammeln. «Wir brauchen die dicken Dinger, die richtig Leistung bringen», sagt Sprecher Stefan Bergmann. (dpa)

