Erst kam das Wasser, dann Stoiber: 

netzeitung.deErst kam das Wasser, dann Stoiber

 Herausgeber: netzeitung.de

Erst kam das Wasser, dann Stoiber 

Lupe Erst kam das Wasser, dann Stoiber

Die Menschen in Eschenlohe haben gegen die Wassermassen gekämpft - und verloren. Am Nachmittag kam Ministerpräsident Stoiber. Zurück bleiben Resignation und Wut.

Von Volker ter Haseborg

Die Ortschaft Eschenlohe am Estergebirge liegt am Meer. Diesen Eindruck hat Bruno Dematte, wenn er mit seinem Lastwagen in sein Heimatdorf fährt. Die Garmischer Straße ist ein reißender Fluss geworden, der die Wassermassen aus dem Ort herausträgt und dafür sorgt, dass Eschenlohe von außen wie eine Insel wirkt. Eigentlich sollte der LKW-Fahrer Dematte am Dienstag in Dachau arbeiten. Als er jedoch erfuhr, dass sein Heimatort unter Wasser steht, rief er seinen Chef an und nahm Urlaub. Mit seinem Lastwagen fährt er nun den ganzen Tag Sand nach Eschenlohe.

Bruno Dematte ist einer von rund 500 Männern von Bundeswehr, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz und Polizei. Sie alle kämpfen seit dem späten Montagabend gegen die Wassermassen der Loisach. Gegen Dienstagmittag brach der Damm, der Eschenlohe vor dem Wasser schützen sollte. Das Wasser schwappte durch die Gassen und teilte den Ort. Einige Eschenloher können nicht in ihre Häuser zurück, 21 Menschen mussten evakuiert werden. Immerhin ist es den Einsatzkräften gelungen, den reißenden Fluss aus der Ortsmitte umzuleiten. Von außen kommen die Helfer nur mit Spezialfahrzeugen in den Ort.

Das Pegel-Messgerät ist ausgefallen
«Wir wissen nicht, wie es weitergeht», sagt Georg Wagner, der Einsatzleiter der Feuerwehr Garmisch-Partenkirchen. Seit dem frühen Montagabend koordiniert er den Einsatz in Eschenlohe. Schneller noch und mit viel größeren Wassermassen als beim Rekord-Hochwasser 1999 seien die Überschwemmungen nach Eschenlohe gekommen. Der Pegel stieg damals auf 3,7 Meter. Jetzt ist das Messgerät ausgefallen. Doch der Wasserstand sei höher als damals, versichert
Wagner.

Die Eschenloher Bürger sind wütend auf die Landesregierung. «Wenn die Elbe überläuft, kriegen die Leute Geld. Wir kriegen nichts», sagt Joseph Höslmeier, dessen Montage-Werkstatt komplett unter Wasser steht. Mit mindestens 50.000 Euro Schaden rechnet er. «Doch wenn man Gewinn macht, dann braucht man erst gar nicht einen Antrag auf Beihilfen beim Landratsamt stellen», schimpft Höslmeier.

Wasser im Keller des Alteneims
Christel Wentlandt hat eine schlaflose Nacht hinter sich. Sie betreibt das Altenheim St. Barbara mit 80 Senioren. Seit 21 Uhr am Montagabend läuft Wasser in den Keller und ins Erdgeschoss. «Wenn das mit dem Regen so weitergeht, müssen wir unsere Bewohner ganz aus Eschenlohe evakuieren», sagt sie. Bislang seien jeweils nur Rentner aus dem Erdgeschoss in den ersten Stock verlegt worden.

Wahlkampf am Rande der Flut
Beinahe zu resignieren scheinen die Bewohner angesichts der Heimsuchung, und sie verweisen darauf, dass die Gefahr extremer Hochwasser den Behörden durchaus bewusst war. «Die machen einfach nichts», sagt ein Anwohner, dessen Haus von der Flut bedroht wird. Seit 40 Jahren sei das Problem bekannt, doch nichts passiere.

Das sehen die Politiker natürlich anders. Um 15.00 Uhr klettert Ministerpräsident Edmund Stoiber aus einem gepanzerten Einsatzfahrzeug der Bundeswehr. Mit ernster Miene bespricht er sich mit der Einsatzleitung, macht dann einen Rundgang durch den Ort. «Die Bürger sollen wissen, dass wir sie nicht allein lassen», erklärt er, als er vor den Sandsäcken steht. Doch dann macht er Wahlkampf, obwohl er eine Bedeutung der Flut für den Bundestagswahlkampf abstreitet.

800 Millionen Euro habe die Landesregierung seit 1999 in den Hochwasserschutz investiert, sagt der Ministerpräsident, «als einziges Bundesland in Deutschland». An diesem Programm wolle er festhalten. Den Bürgern hier hilft das wenig. Auf Sofortmaßnahmen angesprochen, bleibt Stoiber zurückhaltend. Er wolle erst mal die Schadenshöhe kennen. «Gegen solche Naturgewalten kann man sich nicht versichern.» Dann ist er auch schon wieder weg. Einige der Einheimischen haben seinen Blitzbesuch zumindest auf einem Foto festgehalten. Die gute Nachricht kam später. Laut Einsatzleiter Georg Wagner ging der Wasserstand leicht zurück. (AP)