Erst kam das Wasser, dann Stoiber:
Erst kam das Wasser, dann Stoiber
Die Ortschaft Eschenlohe am Estergebirge liegt am Meer. Diesen Eindruck hat Bruno Dematte, wenn er mit seinem Lastwagen in sein Heimatdorf fährt. Die Garmischer Straße ist ein reißender Fluss geworden, der die Wassermassen aus dem Ort herausträgt und dafür sorgt, dass Eschenlohe von außen wie eine Insel wirkt. Eigentlich sollte der LKW-Fahrer Dematte am Dienstag in Dachau arbeiten. Als er jedoch erfuhr, dass sein Heimatort unter Wasser steht, rief er seinen Chef an und nahm Urlaub. Mit seinem Lastwagen fährt er nun den ganzen Tag Sand nach Eschenlohe.
Bruno Dematte ist einer von rund 500 Männern von Bundeswehr, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz und Polizei. Sie alle kämpfen seit dem späten Montagabend gegen die Wassermassen der Loisach. Gegen Dienstagmittag brach der Damm, der Eschenlohe vor dem Wasser schützen sollte. Das Wasser schwappte durch die Gassen und teilte den Ort. Einige Eschenloher können nicht in ihre Häuser zurück, 21 Menschen mussten evakuiert werden. Immerhin ist es den Einsatzkräften gelungen, den reißenden Fluss aus der Ortsmitte umzuleiten. Von außen kommen die Helfer nur mit Spezialfahrzeugen in den Ort.
Wagner.
Die Eschenloher Bürger sind wütend auf die Landesregierung. «Wenn die Elbe überläuft, kriegen die Leute Geld. Wir kriegen nichts», sagt Joseph Höslmeier, dessen Montage-Werkstatt komplett unter Wasser steht. Mit mindestens 50.000 Euro Schaden rechnet er. «Doch wenn man Gewinn macht, dann braucht man erst gar nicht einen Antrag auf Beihilfen beim Landratsamt stellen», schimpft Höslmeier.
Das sehen die Politiker natürlich anders. Um 15.00 Uhr klettert Ministerpräsident Edmund Stoiber aus einem gepanzerten Einsatzfahrzeug der Bundeswehr. Mit ernster Miene bespricht er sich mit der Einsatzleitung, macht dann einen Rundgang durch den Ort. «Die Bürger sollen wissen, dass wir sie nicht allein lassen», erklärt er, als er vor den Sandsäcken steht. Doch dann macht er Wahlkampf, obwohl er eine Bedeutung der Flut für den Bundestagswahlkampf abstreitet.
800 Millionen Euro habe die Landesregierung seit 1999 in den Hochwasserschutz investiert, sagt der Ministerpräsident, «als einziges Bundesland in Deutschland». An diesem Programm wolle er festhalten. Den Bürgern hier hilft das wenig. Auf Sofortmaßnahmen angesprochen, bleibt Stoiber zurückhaltend. Er wolle erst mal die Schadenshöhe kennen. «Gegen solche Naturgewalten kann man sich nicht versichern.» Dann ist er auch schon wieder weg. Einige der Einheimischen haben seinen Blitzbesuch zumindest auf einem Foto festgehalten. Die gute Nachricht kam später. Laut Einsatzleiter Georg Wagner ging der Wasserstand leicht zurück. (AP)
