Powerseller boykottieren Ebay: 

netzeitung.de«Wir lassen uns den Mund nicht verbieten»

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"Verschenkt keinen Cent": Ebay-Logo (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe "Verschenkt keinen Cent": Ebay-Logo
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Seit Anfang der Woche bekommt das größte Online-Auktionshaus der Welt erneut schlechte Schlagzeilen. Denn dort streikt ein Teil der sogenannten Powerseller. Mit einer von ihnen, Manuela Held, sprach Maik Söhler .

Jahrelang schien nichts und niemand den Erfolg des Online-Auktionshauses Ebay aufhalten zu können. Die Mitgliederzahlen stiegen rasant an und mit ihnen die Länder, in denen neue Niederlassungen gegründet wurden.

Doch spätestens seit Anfang des Jahres 2007 hat man sich im Ebay-Stammhaus im kalifornischen San José auch an schlechte Nachrichten gewöhnt. Mittlerweile stagnieren die Mitgliederzahlen und die Umsätze, die langjährige Chefin Meg Whitman wird zum 31. März Platz für ihren Nachfolger John Donahoe machen.

Mit einer für den Ferbruar angekündigten Reform des Gebühren- und Bewertungssystems versuchte Ebay jüngst gegenzusteuern. Doch weiterer Ärger folgte: Seit Sonntagnacht streiken nun auch noch viele der sogenannten Powerseller aus aller Welt. Sie sehen sich durch die Reformen benachteiligt und boykottieren Ebay bis Montagfrüh.

Powerseller im Streik
Manuela Held ist eine von ihnen. Sie wohnt in Holzminden (Niedersachsen) und gibt an, seit zwei Jahren als Powersellerin im Netz aktiv zu sein. Ihr Hauptgeschäft sei der Motorsport-Merchandise bei diversen Rennen, die Verkäufe bei Ebay mache sie zusammen mit ihrem Mann «so ein bisschen nebenbei». Einen eigenen Online-Shop haben die Helds nicht: «Wir hatten mal einen, der hat sich aber nicht gelohnt. Man muss zuviel in die Google-Werbung stecken, um dort nach oben zu kommen.»


Netzeitung: Sie beteiligen sich am derzeitigen Streik gegen Ebay. Welche Reaktionen gab es bisher?

Manuela Held: Wir haben sehr viel Resonanz erfahren, teils per E-Mail, teils übers Telefon; Reaktionen also, die nicht übers Ebay-Forum zu uns gelangen. Von den Verkäufern haben sich hauptsächlich jene aus den mittleren Größen angeschlossen.

Netzeitung: Das heißt?

Held: Um es in einer Ebay-Größe zu sagen: Verkäufer mit 1000 bis 10.000 Pünktchen. Die haben sich sehr rege beteiligt und sind im Moment fast alle raus bei Ebay. Den großen Verkäufern, das sind die mit vielen Transaktionen und Bewertungen, geht das quer am Buckel vorbei. Den ganz kleinen ist das auch egal.

Im Internet gibt es für Verkäufer eine Statistik, aus der hervorgeht, wie viele Transaktionen bei Ebay gerade laufen. Wenn man diesen Zahlen glauben kann, dann gibt es seit Anfang der Woche rund zehn Prozent weniger Angebote.

Netzeitung: Haben sich denn auch Käufer dem Streik angeschlossen?

Held: Nicht so viele, aber einige haben dann doch gesagt, dass sie bis einschließlich Sonntag dort nichts kaufen werden. Manche sagen, es könne einfach nicht sein, dass Käufer künftig nur noch positiv bewertet werden können. Die Änderung der Ebay-Reglementarien sieht negative Bewertungen für Käufer ja nicht mehr vor.

Die Reaktionen von Ebay
Netzeitung: Hat Ebay schon in irgendeiner Form reagiert?

Held: Ja, online mit den üblichen Textbausteinen, und darüber hinaus mit einem Anruf, mit dem man mir diese Textbausteine auch noch mündlich vermitteln wollte. Ebay hat mir dann noch einen Billigtag angeboten – Angebote billiger als sonst einzustellen. Seltsam nur, dass dieser Tag ausgerechnet in die Streikzeit fiel.

Netzeitung: Deswegen haben Sie abgelehnt.

Held: Klar - ich und viele andere Verkäufer auch. Wir haben am Sonntagabend alle unsere Angebote beendet und unseren Account auf null Artikel runtergefahren.

Netzeitung: Und Sonntagnacht fahren Sie ihn wieder hoch?

Held: Vielleicht. Derzeit fahren wir unsere Verkaufsaktivitäten bei Amazon hoch. Dort wird man gut behandelt, der Service ist besser als bei Ebay und wenn mal was telefonisch geregelt werden muss, dann muss man keine überteuerte 0180-Nummer anrufen. Mit dem Inkasso haben wir dort auch nichts zu tun, folglich entfällt für uns auch der Ärger mit nicht zahlenden Kunden. Darum kümmert sich Amazon. Kurz: Wir fühlen uns wohl dort.

Netzeitung: Dann haben Sie ja gar keinen Grund mehr, zu Ebay zurückzukehren.

Held: Stimmt. Unseren Account-Namen konnten wir mitnehmen, sodass unsere Stammkunden uns auch bei Amazon finden. Selbst das Problem mit den Plagiaten, die es bei Ebay reichlich gibt, haben wir nun nicht mehr. Wir überlegen gerade, ob wir nicht komplett bei Ebay aufhören sollen.

Gründe für den Streik
Netzeitung: Welcher Grund war für Ihre Beteiligung am Streik wichtiger – dass Sie als Powerseller Kunden nicht mehr negativ bewerten dürfen oder das neue Gebührensystem?

Held: Wir lassen uns den Mund nicht verbieten, auch nicht von Ebay. Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht, das auch für Bewertungen gilt.

Wenn mich ein Kunde betrügen will, indem er nicht bezahlt, muss es möglich sein, ihn negativ bewerten zu können.

Netzeitung: Aber sie kennen doch das Problem der Rachebewertungen. Ein Verkäufer, der negativ bewertet wurde, bewertet einfach negativ zurück.

Held: Mit Rachebewertungen habe ich nichts zu tun. Wir haben über 8000 Artikel verkauft und in dieser Zeit gerade mal 13 negative Bewertungen erhalten – von Nichtzahlern und Kunden, die das Widerrufs- und Rückgaberecht nicht verstanden haben. Wenn einem Kunden mal eine Farbe nicht gefällt, dann tauschen wir das Produkt eben um. Man kann alles klären, wenn man vernünftig miteinander redet.

Meistens geht es ja gar nicht um die Kunden, sondern um Konkurrenten. Man kann ja mehrere Ebay-Accounts anmelden und einige Anbieter machen das, um von dort aus bei der Konkurrenz einzukaufen. Anschließend versuchen sie, diese dann mit Negativbewertungen plattzumachen. Das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein.

Bewertungen
Netzeitung: Aber Ebay bietet doch an, bei Problemen bestimmte Bewertungen zu löschen?

Held: Dann sollten sie es aber auch tun. Wenn man sich mit zwei Problembewertungen an Ebay wendet, dann wird vielleicht eine davon nach geraumer Zeit gelöscht. Die andere aber nicht. Und wenn doch, dann steht auf der Seite: «Bewertung wurde von Ebay entfernt»; da denkt sich doch jeder: «Was ist denn da abgegangen?»

Netzeitung: Als Gelegenheitskäufer bei Ebay ärgert es mich maßlos, dass ich einem Verkäufer schnell und zuverlässig Geld überweise, dieser aber mit seiner Bewertung wartet, bis ich ihn bewertet habe.

Held: Ich kann Ihren Ärger verstehen. Wenn ich aber meine positive Bewerung gleich nach dem Zahlungseingang abgebe, kann es passieren, dass der Kunde dann anruft und seine Bewertung erpresserisch einsetzt: Preisnachlass oder Negativbewertung. In unseren Augen ist ein Verkauf erst dann abgeschlossen, wenn der Kunde mit der Ware und mit dem Verkäufer zufrieden ist.

Netzeitung: Sind Sie denn mit den Gebühren zufrieden?

Held: Auch nicht. Ebay bietet zwar Vergünstigungen an, aber nur für Nutzer des hauseigenen Online-Bezahlsystems Paypal. Was man dadurch an Gebühren bei Ebay einsparen könnte, müsste man im Gegenzug wieder an Provisionen und Gebühren bei Paypal bezahlen. Ebay verschenkt keinen Cent.

Netzeitung: Was könnte Ebay tun, um die Situation zu verbessern?

Held: Ideal war auch das alte System nicht. Aber im Vergleich zum neuen wünscht man sich das alte zurück.