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Auf einer Tagung des Deutschlandradios zum Kulturjournalismus übten Feuilletonisten Selbstkritik, während Wissenschaftler den Trends unter jungen Konsumenten nachspürten.

Medien, die sich selbst reflektieren, befänden sich entweder in einer Phase des Hochmuts oder des Niedergangs, erklärte Jens Jessen, Feuilletonchef der «Zeit», eingangs einer Tagung zum Kulturjournalismus, zu der das Deutschlandradio angesichts des zehnjährigen Jubiläums seines nationalen Informations- und Kulturprogramms am Freitag in Berlin eingeladen hatte. Angesichts seiner weiteren Ausführungen wurde schnell deutlich, dass Jessen eher die Gefahr des letzteren vorschwebt.

Gründe für diesen Niedergang sind für Jessen in einer gesellschaftlichen Situation zu suchen, in der auch Medienmacher sich immer sklavischer dem Gebot des Markt und der Quote unterwerfen. Das Feuilleton, so Jessen, müsse sich gegen die neoliberale Logik wehren. Ein konkretes Problem, an dem sich diese Front im Feuilleton selbst abzeichne, stelle das politische Feuilleton dar, das sich mit Claudius Seidl als Abspaltung der Gesellschaftskritik aus der Rezension beschreiben lasse, die sich fortan autonom als Primärtext des politischen Meinungsfeuilletons präsentiere. Seither sei in Redaktionskonferenzen die Frage der Politikredaktionen an die Kulturkollegen alltäglich geworden: «Und was meint das Feuilleton dazu?»

Das Feuilleton schafft sich ab
Das daraus resultierende «Allzuständigkeitsfeuilleton» gerate dadurch zwar in die Gefahr des Dilettantismus, es habe aber auch Sinn und Würde. Denn wo sonst solle das Gespräch über die Grenzen der sich immer schneller und weiter ausdifferenzierenden Wissensgebiete hinaus stattfinden? Im besten Sinne sei das Feuilleton also die Utopie eines eigentlichen unmöglichen Dialogs. Diese Utopie aber sei ständiger Gefahr ausgesetzt durch den neuen Leser, der sich durch schwierige Texte nicht mehr herausgefordert fühle, sondern gedemütigt. Das Feuilleton leide besonders unter dem allgegenwärtigen Normalisierungsdruck in einer Gesellschaft, die Unterschiede nicht mehr zu schätzen wisse.

Jessens Kollegin Franziska Augstein äußerte sich ähnlich kritisch über das Feuilleton, das dabei sei, sich selbst abzuschaffen. Trotz eines erweiterten Kulturbegriffs hätten sich die Themen in Wirklichkeit verengt. Der Siegeszug des politischen Feuilletons habe dazu geführt, dass seine Autoren nur mehr den News hinterher hechelten. Wohin das führen könnte, hatte Jessen schon vorher prophezeit: Wenn sich das Feuilleton der Normalisierung am Ende vollends ausgeliefert habe, werde das Internet irgendwann zum Leitmedium.

Alte Zeitung, Neue Medien
Dass die von Jessen und Augstein beschriebene Krise bestimmter Formen des Schreibens womöglich Ausdruck einer medialen Verschiebung sein könnte, legten die anwesenden Wiisenschaftler nahe: Die Zeitung habe sich in den letzten 50 Jahren prinzipiell nicht verändert, neue Medien eroberten junge Konsumenten. Die Kulturwissenschaftlerin Susanne Keuchel präsentierte Forschungsergebnisse, die größtenteils bekannt, in ihren Details aber doch verblüffend sind: Der Bereich der Kultur, für den sich die Jungen zwischen 14 und 29 viel stärker als früher interessieren, ist die Bildende Kunst. Während das Interesse an allen anderen Sektoren in den letzten Jahrzehnten gesunken ist, hat sich der Anteil der Jungen, die Museen, Ausstellungen, Kunsthallen und private Galerien besuchen, mehr als verdoppelt.

Die jungen Leute greifen aber immer weniger zur Zeitung, während Stadtmagazine und das Internet für sie eine sehr wichtige Informationsquelle darstellen. Sie interessieren sich laut Professor Klaus Siebenhaar, dessen Institut für Kultur- und Medienmanagement die Tagung mit veranstaltete, vor allem für Berichterstattung über Kinofilme, Medien und Neue Medien, wie eine für die «Welt» durchgeführte Studie gezeigt habe. Eine andere Studie für ein anonymes Organ habe außerdem herausgefunden, dass sich mit Service und Berichten über Popkultur die junge Leserschaft der Kulturseiten verdoppeln lasse.

Die Kultur gehört den Frauen
Deutlich ist auch der von den Wissenschaftlern konstatierte Geschlechterunterschied, wenn es um das Interesse an Kultur geht. Siebenhaar stellte fest, dass sich laut aktueller Studien immerhin jede dritte junge Frau für Kultur interessiere, unter den jungen Männern betrage die Zahl jedoch lediglich 12 Prozent. Die düsteren Prophezeiungen der Feuilletonisten und die Zahlen der Wissenschaft legen demnach nahe: Die Zukunft der Kulturvermittlung liegt im Internet und in den Händen der Frauen. (nz)