Karasek liest:
Hauptsache, die Hüfte hält
29.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Es gibt einen Satz in Philip Roths neuem Roman, der gute Chancen hat, in Zukunft oft zitiert zu werden: «Das Alter ist kein Kampf, sondern ein Massaker», lautet er. «Jedermann» heißt das 172 Seiten lange, neue Buch des weltberühmten, 1933 geborenen amerikanischen Schriftstellers.
Und einen besseren Titel hätte Phillip Roth wohl nicht wählen, einen prägnanteren Satz nicht schreiben können. Die düstere Verlautbarung scheint den ganzen Roman zusammenzufassen. Derart «klassisch» muten diese Seiten an durch die Beispielhaftigkeit der Geschichte, die Alter und Sterben thematisiert, durch die Namenlosigkeit des Helden eines ehemaligen 'Art Director' einer New Yorker Werbeagentur; aber auch wegen des betagten Autors selbst und seines Renommees.
Nicht, weil Philip Roth es nicht verdient hätte, «Jedermann» ist zweifellos ein hervorragender Roman. Nur bietet er eben nicht viel Neues. Roths 27. Buch konfrontiert den Leser zum 27. mal mit einem Alter Ego des Autors mit seinen typischen Symptomen aus Wohlstandsmarotten und Neurosen, die ebenso typisch für seine Generation sind.
Philip Roth wird dieses Bedürfnis nach Nabelschau kennen. Mit «Jedermann» bedient und unterwandert er es auf bravouröse Art zugleich. Es ist ein beeindruckendes Buch über das Alter, eine schonungslose Entblößung eines sich ins Gerontologische verwandelnden Jugendkult, eine haargenaue Darstellung der modernen Medizintechnik und eine meisterhafte Darstellung eines Lebens aus der Perspektive einer Figur, die keinen geringen Teil ihres Daseins in Krankenhäusern verbringt.
Besonders deutlich wird das in der Figur des Vaters, der zum Ende der dreißiger Jahre ein kleines Juweliergeschäft aufmacht (das sinnigerweise den Namen «Everyman» Jedermann trägt) und mit diesem kleinen mittelständischen Betrieb seine Familie mühevoll durchbringt.
Der Vater ist ein strebsamer und ehrlicher amerikanischer Bürger. Die zwei Söhne der ältere Bruder wird beim Namen genannt, heißt Howie wachsen nicht in einer Zeit ökonomischer Krisen auf. Die Hauptfigur heiratet dreimal. Die zwei Söhne aus der ersten Ehe, deren Bruch Roth eher beiläufig erzählt, werden ihren Vater später zutiefst verachten.
Doch die Malerei, die von diesem Jedermann stets als ein erstrebenswertes Ziel betrachtet wurde, als Traum, den er sich erfüllen wollte, sobald er im Alter dafür Zeit finden würde, erweist sich als eine nahezu sinnlose Tätigkeit. Sie passt nicht in sein Rollenmuster:
Er war ein New Yorker Werbefachmann gewesen, mit einer glänzenden Karriere, mit zwei Familien, die er gegründet hatte, mit drei gescheiterten Ehen. Und nun steht er da, hält Malkurse ab, sagt sich den schönen Satz vor «Amateure haben Inspiration, wir anderen arbeiten» und verspürt nichts als Leere. Das späte Künstlerdasein ist aus seiner Sicht lediglich künstlich und hohl.
Zu seinen Malkursen kommen lediglich Rentner, und die unterhalten sich hauptsächlich über ihre Altersgebrechen. Die USA als Schöpfer von Pop und Jugendkult, so verdeutlicht es Philip Roth, ist unfähig, Daseinsendlichkeit und Alter in ihr kulturelles Gefüge zu integrieren.
Dort erzählt sie dem ehemaligen Werbefachmann ihre Leidensgeschichte, wie viel Schmerztabletten sie schluckt, wie sie ohne ihren vor kurzem verstorbenen Ehemann zurechtkommt und entschuldigt sich dabei immer wieder dafür, dass sie ihre Tränen nicht zurückhalten kann. All das ist in seiner Intimität von Roth wunderbar eingefangen.
«Wäre ihm das furchtbare Leid aller Männer und Frauen gewärtig gewesen», bemerkt der Jedermann da, «die er in all den Jahren seines Berufslebens kennen gelernt hatte, jede einzelne schmerzliche Geschichte von Reue und Verlust und Stoizismus, von Furcht und Panik und Isolation und Grauen, und hätte er bis in die letzten Einzelheiten gewusst, von welchen Dingen, die einmal wesentlich zu ihnen gehörten, sie sich getrennt hatten, und wie sie systematisch zerstört wurden, dann hätte er den ganzen Tag und die ganze Nacht am Telefon bleiben können und noch mindestens hundert Gespräche führen müssen.»
Nicht, wie genau Roth hier den Stand der medizinischen Hochtechnologie beschreibt, ist das Bemerkenswerte, sondern wie er den Leser gewahren lässt, wie viel Zeit ein Mensch mit labiler Gesundheit in Krankenhäusern verbringen muss.
Atemberaubend die Schilderung davon, welche psychischen Auswirkungen diese dauernde Anfälligkeit mit sich bringt und wie sie die Beziehung zu Howie, der im Gegensatz zu seinem Bruder kerngesund bleibt, nicht nur beeinträchtigt, sondern vollkommen vergiftet.
So erzählt Roth seine Geschichte aus der postmortalen Perspektive, was an sich ja schön und gut ist. Jedoch und man mag das als rein subjektives Argument empfinden wirkt diese Szene merkwürdig teilnahmslos, ein wenig wie von einem Schreibautomaten verfasst Roths Werk strotzt geradezu von Passagen, die ganz ähnlich klingen. Man wird daher ein Gefühl nicht los: Dieser Mann hat schon ein paar Seiten zu viel geschrieben.
Roth hingegen neigt zur Kälte und zum Zynismus. Auch am Schluss, als Jedermann sich von einem schwarzen Totengräber das Geschäft des Gräberaushebens erklären lässt, erzeugt das beim Leser keinerlei emotionale Anteilnahme. Dabei greift Roth auf eine berühmte Szene in Shakespeares «Hamlet» zurück.
Und diese polemische Antwort muss erlaubt sein: Es wurde auch deshalb so häufig rezensiert, weil es sich leicht lesen lässt. Ein solcher Roman kostet nur einen Lesetag, und die Rezension ist schnell geschrieben.
Suketus Mehtas Reportagen aus Bombay, die wir nächste Woche besprechen, sind fast 800 Seiten lang und kosten sehr viel Zeit und Mühe. Die Lektüre lohnt sich aber unbedingt. Bei Roth geht es um das Sterben eines Wohlstandsegomanen und nichts lässt sich gegen dieses Thema einwenden. Die eigentlichen Dramen dieser Welt finden aber außerhalb von Roths New-Jersey-und-New-York-Kosmos statt.
Philip Roth: Jedermann. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München, 2006. 172 Seiten. 17, 90 Euro.

