Karasek liest:
Gott ist ein Alleinunterhalter
Wenn der Held von Friedrich Anis neuem Roman «Idylle der Hyänen» plötzlich vor der Familie der ermordeten Nele Schubart Psalme rezitiert, ist das schon eine bizarre Szene: «Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn», erklärt der Münchner Kommissar Polonius Fischer.
«Laut flehe ich zum Herrn um Gnade.» Hehre Worte im Mund eines Lulatschs mit auffällig großer Nase. Und auch eine schöne Idee des 1959 geborenen deutschen Autors, einen ehemaligen Mönch als Kommissar einzusetzen.
«Stellen Sie Ihre Fragen», meint er abschließend. Und wir meinen, mit der «Idylle der Hyänen» einen metaphysischen, 350 Seiten langen Krimi vor uns zu haben, in dem es unter anderem um die Frage geht, ob Gott jenes Flehen und Schreien, von dem die heiligen Worte in den Psalmen künden, überhaupt vernimmt.
Einer von Neles zahllosen Liebhabern ist, weil sie ihre siebenjährige Tochter Katinka rabenmütterlich behandelt, vollkommen durchgedreht und züchtigt nun die böse Frau. Und um ehrlich zu sein: Man will die kühn in Szene gesetzten Abscheulichkeiten hier nicht so genau wiedergeben.
Abgesehen von der geschickten Einschaltung von Zitaten, zeichnet sich Anis neuer Roman durch den Wechsel der Perspektiven aus. Der Autor lässt Polonius Fischer nach dem Mörder fahnden, während dieser mit der süßen Katinka ans Meer fährt. Ein gewisser Sebastian Flies kommt zu Wort, der ein kurzes Verhältnis mit Nele Schubart hatte. Hat er etwa die ehemalige Nonne Ines Gebirg auf dem Gewissen, deren suizidale Nöte wir auch kennen lernen dürfen?
Gekonnt hat Friedrich Ani diese sich dauernd überlagernden Ebenen gestaltet. Beispiel: Der zunächst im Roman gesichtslos auftauchende Mörder behauptet vor Katinka, «ihre Mama» sei «die ganzen Ferien unterwegs und deswegen» sei «er jetzt für ihre Erlösung zuständig. Was das ist, wollte sie wissen, und er hat gesagt: was Großes, Schönes.» Wundervoll, wie Friedrich Ani den Kinderton von Katinka, der sich in diesen Dialog dauernd schleicht, einfängt.
Der Täter weiß, dass die Polizei ihn bald schnappen wird. «Ich sag Ihnen», beteuert der offensichtlich verwirrte Mann später bei seiner Vernehmung, «ich wollt sie auf den rechten Weg zurückweisen, und sie hat sich entzogen.» Er habe die Frau Schubart nicht umgebracht, wiederholt er mehrmals und fährt fort, dass das Kind darauf gehofft habe, dass «aus ihrer Mutter eine Laternenanzünderin würde.»
Apart, eines, der von Moses auf steinerne Tafeln gebannten Gesetze aus dem Mund eines Mörders zu hören. Doch Polonius Fischer, der sein Mönchsleben einst aufgegeben hatte, weil er sich nicht mehr fähig glaubte, die Stimme Gottes zu hören, vernimmt in den wirren Reden dieses Mannes eine schwer zu greifende Wahrheit über den Fall Schubart.
In «Idylle der Hyänen» ist es das Antlitz des Suizids, das uns vielleicht doch die schemenhaften Lippen jenes Gottes erkennen lässt, der schließlich zu den Menschen spricht. Erst in der Todesnähe, so zeigt sich an Anis von Weltwirrnis schier überwältigten Figuren, erfahren wir Gottes existenzielle Endgültig- und Wahrhaftigkeit.
«Als ich erkannt hatte», erklärt der verrückte Mörder, «dass Jesus nicht heroisch, sondern feige gehandelt hat, hab ich die Kirche verlassen.» Er deutet damit an, dass Jesus sich selbst umgebracht habe, beziehungsweise dass er sich ohne Gegenwehr habe umbringen lassen. Ergo: Jesus habe das fünfte Gebot missachtet.
Das ist der zweite wichtige Erzählstrang im Roman, in der wir etwas von der Beziehung zwischen Flies und der ehemaligen Nonne Ilse Gebirg erfahren. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Ilse Gebirgs Krise, nicht mehr zu Gott sprechen zu können, sich mit der ehemaligen Krise von Polonius Fischer deckt.
Die hochdepressive Ilse Gebirg schläft mit Sebastian Flies und verlangt dabei von ihm, dass er sie tötet. Sebastian Flies, der Polonius Fischer gegenüber später behauptet: «Ich habe mit Gott gesprochen, können Sie sich das vorstellen?», möchte sie erst nicht töten, tut es aber dann doch.
Der eine zieht sich deswegen von der schlechten säkularisierten Welt zurück, der andere tilgt die böse Mutter vom Antlitz des arg beschmutzten Planeten. Im Grunde verbirgt sich in beiden aber der Dämon, der etwas Böses tut und im Nachhinein ein Verbrechen als gute Tat deklariert.
Eigentlich ist das große deutsche Gegenwartsliteratur. «Wenn du ganz lange im Kloster gewesen bist», fragt Katinka Polonius Fischer einmal, «dann weißt du bestimmt, was der liebe Gott von Beruf ist.» Nach langem Überlegen antwortet der Kommissar: «Alleinunterhalter.» Man achte auf die doppelte Bedeutung dieses Wortes.
Friedrich Ani: Idylle der Hyänen. Roman. Paul Zsolnay Verlag 2006, 350 Seiten, 19,90 Euro

