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Karasek liest: 

Gott ist ein Alleinunterhalter

08. Sep 2006 07:45
In der «Idylle der Hyänen» sind Wahnsinn und theologische Sophisterei ebenso wenig voneinander zu trennen wie Mord und Welterlösung. Friedrich Ani hat einen dämonisch guten Krimi geschrieben.

für die NZ von Tal Sterngast

Von Manuel Karasek

Wenn der Held von Friedrich Anis neuem Roman «Idylle der Hyänen» plötzlich vor der Familie der ermordeten Nele Schubart Psalme rezitiert, ist das schon eine bizarre Szene: «Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn», erklärt der Münchner Kommissar Polonius Fischer.

«Laut flehe ich zum Herrn um Gnade.» Hehre Worte im Mund eines Lulatschs mit auffällig großer Nase. Und auch eine schöne Idee des 1959 geborenen deutschen Autors, einen ehemaligen Mönch als Kommissar einzusetzen.

Flehen und Schreien

Friedrich Ani
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Es sei dahingestellt, ob der pensionierte Zahnarzt Dr. Jan-Erich Schubart Polonius Fischers ungewöhnliche Methode der Zeugenbefragung zunächst gutheißt. Aber nachdem er mit geschlossenen Augen den Psalmen gelauscht hat, erklärt er den Kommisar und seine junge Kollegin Liz für «Gerechte».

«Stellen Sie Ihre Fragen», meint er abschließend. Und wir meinen, mit der «Idylle der Hyänen» einen metaphysischen, 350 Seiten langen Krimi vor uns zu haben, in dem es unter anderem um die Frage geht, ob Gott jenes Flehen und Schreien, von dem die heiligen Worte in den Psalmen künden, überhaupt vernimmt.

Neles zahllose Liebhaber

Das erbarmungswürdige Winseln des hilflosen Opfers bleibt jedenfalls unerhört. «Als sie auf dem Stuhl stand, mit der Schlinge um den Hals, und weinte, trug sie immer noch den rosafarbenen Slip», so beginnt der versierte Autor von mehreren Kriminalromanen jene von ungeheuerlicher Kälte durchströmte Episode, in der die Ermordung der 35-jährigen Nele Schubart geschildert wird.

Einer von Neles zahllosen Liebhabern ist, weil sie ihre siebenjährige Tochter Katinka rabenmütterlich behandelt, vollkommen durchgedreht und züchtigt nun die böse Frau. Und um ehrlich zu sein: Man will die kühn in Szene gesetzten Abscheulichkeiten hier nicht so genau wiedergeben.

Mit Katinka ans Meer

Wie der Täter sein Opfer überrumpelt, fesselt, ihr eine Schlinge um den Hals legt, sie schließlich zwingt, auf einen wackligen Stuhl zu stellen, und sie wie ein Inquisitor anschreit, wird mit bemerkenswerter Virtuosität geschildert. Nach der Lektüre dieser äußerst brutalen Szene verlangt es einen selbst nach biblischem Trost. «Ich schütte vor ihm meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not.»

Abgesehen von der geschickten Einschaltung von Zitaten, zeichnet sich Anis neuer Roman durch den Wechsel der Perspektiven aus. Der Autor lässt Polonius Fischer nach dem Mörder fahnden, während dieser mit der süßen Katinka ans Meer fährt. Ein gewisser Sebastian Flies kommt zu Wort, der ein kurzes Verhältnis mit Nele Schubart hatte. Hat er etwa die ehemalige Nonne Ines Gebirg auf dem Gewissen, deren suizidale Nöte wir auch kennen lernen dürfen?

Für Erlösung zuständig

Viele Ebenen also, die Ani in unterschiedlichen Tönen einfängt – und die sich in diesem zum Teil düsteren Krimi regelrecht aufzutürmen scheinen, wie ein Treppe, die in Richtung des Himmels zu führen scheint, nach dem es offensichtlich vielen in «Idylle der Hyänen» verlangt.

Gekonnt hat Friedrich Ani diese sich dauernd überlagernden Ebenen gestaltet. Beispiel: Der zunächst im Roman gesichtslos auftauchende Mörder behauptet vor Katinka, «ihre Mama» sei «die ganzen Ferien unterwegs und deswegen» sei «er jetzt für ihre Erlösung zuständig. Was das ist, wollte sie wissen, und er hat gesagt: was Großes, Schönes.» Wundervoll, wie Friedrich Ani den Kinderton von Katinka, der sich in diesen Dialog dauernd schleicht, einfängt.

Laternenanzünderin von Beruf

«Ich hab zum erstenmal im Meer gebadet», sagt Katinka später einmal, «und das war noch viel aufregender als ich mir das vorgestellt hab. Ist das die Erlösung?» Zeitweise ja, wagt man einzuwerfen, beglückt über dieses kluge Kind, das von der Mutter schon mal für Stunden in den Kleiderschrank gesperrt wurde – und vom Entführer unversehrt nach München zurück gebracht wird.

Der Täter weiß, dass die Polizei ihn bald schnappen wird. «Ich sag Ihnen», beteuert der offensichtlich verwirrte Mann später bei seiner Vernehmung, «ich wollt sie auf den rechten Weg zurückweisen, und sie hat sich entzogen.» Er habe die Frau Schubart nicht umgebracht, wiederholt er mehrmals und fährt fort, dass das Kind darauf gehofft habe, dass «aus ihrer Mutter eine Laternenanzünderin würde.»

Schwer zu greifende Wahrheit

Ein seltsamer Ausdruck, der aber nichts weiter meint, als dass die Mutter ein Licht in der Dunkelheit für das Kind hätte sein müssen. Seltsame Reden mit dunklen Inhalten. Und so schlägt sich der Leser durch eine Prosa, die ernsthaft geisteskranke Zustände grell ausleuchtet. Ganz ohne Anstrengung und gelegentliche Erschöpfung läuft das nicht ab. «Die Frau ist weggelaufen aus dem Leben», behauptet der Mann – und bestärkt seine merkwürdige Aussage mit dem Verweis auf das fünfte Gebot: «Du sollst nicht töten.»

Apart, eines, der von Moses auf steinerne Tafeln gebannten Gesetze aus dem Mund eines Mörders zu hören. Doch Polonius Fischer, der sein Mönchsleben einst aufgegeben hatte, weil er sich nicht mehr fähig glaubte, die Stimme Gottes zu hören, vernimmt in den wirren Reden dieses Mannes eine schwer zu greifende Wahrheit über den Fall Schubart.

Der Sünder Jesus

Und wir gewahren, dass Friedrich Anis Roman eine profunde Krise des säkularisierten Menschen thematisiert – wie es übrigens Autoren aus dem süddeutsch-österreichischen Kontext seit jeher gerne tun, und wie er den Selbstmord als unendliche Freiheits- und Fluchtmöglichkeit erörtert.

In «Idylle der Hyänen» ist es das Antlitz des Suizids, das uns vielleicht doch die schemenhaften Lippen jenes Gottes erkennen lässt, der schließlich zu den Menschen spricht. Erst in der Todesnähe, so zeigt sich an Anis von Weltwirrnis schier überwältigten Figuren, erfahren wir Gottes existenzielle Endgültig- und Wahrhaftigkeit.

«Als ich erkannt hatte», erklärt der verrückte Mörder, «dass Jesus nicht heroisch, sondern feige gehandelt hat, hab ich die Kirche verlassen.» Er deutet damit an, dass Jesus sich selbst umgebracht habe, beziehungsweise dass er sich ohne Gegenwehr habe umbringen lassen. Ergo: Jesus habe das fünfte Gebot missachtet.

Zu Gott sprechen

So hat man es mit einigen Verrückten in Anis Roman zu tun – und mit ihrer querschlagenden Logik. Auch Sebastian Flies, der seinen guten Job beim Fernsehen urplötzlich aufgab, seine Familie verließ und seitdem in einer billigen Absteige haust, redet wirr daher. «Meinen Namen sag ich Ihnen nicht», erklärt er gegenüber Polonius Fischer. «Niemand kennt meinen richtigen Namen, nicht mal der Portier im Hotel. Weil ich ein neues Leben führe, die Vergangenheit ist vorbei.»

Das ist der zweite wichtige Erzählstrang im Roman, in der wir etwas von der Beziehung zwischen Flies und der ehemaligen Nonne Ilse Gebirg erfahren. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Ilse Gebirgs Krise, nicht mehr zu Gott sprechen zu können, sich mit der ehemaligen Krise von Polonius Fischer deckt.

Bei Beischlaf Mord

Beide Fälle – der von Nele Schubart und der von Ilse Gebirg, deren Leiche man an einem Seeufer findet – bekommen für den Kommissar einen gepenstisch persönlichen Anstrich. Dabei erweist sich Friedrich Ani als sicherer Navigator durch die gestörte Psyche seiner Figuren. Vielleicht empfindet der eine oder andere jene Stelle als besonders anstrengend zu lesen, in der Sebastian Flies am Seeufer Ilse Gebirg erdrosselt. Aber die psychischen Zusammenhänge, die Friedrich Ani dabei freilegt, sind interessant.

Die hochdepressive Ilse Gebirg schläft mit Sebastian Flies und verlangt dabei von ihm, dass er sie tötet. Sebastian Flies, der Polonius Fischer gegenüber später behauptet: «Ich habe mit Gott gesprochen, können Sie sich das vorstellen?», möchte sie erst nicht töten, tut es aber dann doch.

Die böse Mutter

Es ist eine sehr schwer zu begreifende Überschreitung von moralischen Grenzen, die Friedrich Ani mit dieser Beziehung – aber auch mit dem Mord an Nele Schubart – beschreibt: Seine beiden Mörder sind solche, die etwas durch und durch Gutes wollen.

Der eine zieht sich deswegen von der schlechten säkularisierten Welt zurück, der andere tilgt die böse Mutter vom Antlitz des arg beschmutzten Planeten. Im Grunde verbirgt sich in beiden aber der Dämon, der etwas Böses tut und im Nachhinein ein Verbrechen als gute Tat deklariert.

Der Beruf des lieben Gottes

Dabei ist Friedrich Anis neuer Roman gar nicht so düster, wie hier umrissen. Er besticht durch funkelnde Dialoge, ein lebendiges Kommissariat mit unterschiedlichen Charakteren, eine großartige wie interessante Hauptfigur, eine spannend zu verfolgende Geschichte und einen ergreifenden Schluss.

Eigentlich ist das große deutsche Gegenwartsliteratur. «Wenn du ganz lange im Kloster gewesen bist», fragt Katinka Polonius Fischer einmal, «dann weißt du bestimmt, was der liebe Gott von Beruf ist.» Nach langem Überlegen antwortet der Kommissar: «Alleinunterhalter.» Man achte auf die doppelte Bedeutung dieses Wortes.

Friedrich Ani: Idylle der Hyänen. Roman. Paul Zsolnay Verlag 2006, 350 Seiten, 19,90 Euro


 
 
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