Karasek liest:
Nichts gegen die Antike
Die Rezensionen zu Joseph Brodskys Gedichtband «Brief in die Oase» verströmen allesamt Begeisterung. Sie gelten einer repräsentativen Auswahl von hundert Gedichten des Literaturnobelpreisträgers von 1987. Ralph Dutli hat sie größtenteils übersetzt und herausgegeben. Den Enthusiasmus vermag man zum Teil aber nicht so recht mitzuempfinden, während sich der Respekt vor Brodsky aus den Erfahrungen mit seinen wunderbaren Essays speist.
Am Ende des Bandes findet sich das späte Gedicht «Love Song», in dem Brodsky so schöne wie kuriose Bilderfolgen findet. Zum Beispiel diese: «Bist du ein Vogel ich würd eine Platte brennen / und nachtlang nichts hören als deine hohen Triller.» Und später: «Bist du ein Spiegel stürm ich rein zu den »Ladies«/ dir die Nase zu pudern meinen Lippenstift leihen.» Man fragt sich nur, seit wann ein männliches Dichter-Ich einen Lippenstift zur Verfügung hat?
Wer den russischen Dissidenten Brodsky kennt, der übrigens dieses Gedicht kurz vor seinem Tod 1995 auf Englisch schrieb, weiß, dass seine Texte vor Vitalität sprühten. Seine Vorlesungen zu Thomas Hardy und Robert Frost, «Von Schmerz und Vernunft», etwa demonstrierten einen Exegeten, der kühne Interpretationen vorlegte, Feste von offenbarender Präzision.
Nichts gegen die Antike. Vor acht Jahren hat Raoul Schrott auf eine herrlich frische Weise Sappho und Catull nachgedichtet. Aber der Zauber bestand darin, dass diese Gedichte im einem freien anthologischen Zusammenhang mit klassischen Dichtungen aus dem Altarabischen und Altwalisischen standen. Diese Querverbindung waren köstlich, neu, erfrischend. Bei Brodsky herrscht manchmal noch der alte humanistische, eurozentristische Blick vor: Rom und Odysseus.
Auch Jorge Luis Borges Gedichte sind meist nicht so stark wie seine überragenden Essays oder seine bahnbrechenden Erzählungen. Und natürlich hat die Lyrik es bei der Übertragung immer besonders schwer. Man muss einen entsprechenden Ton finden, der sich sogar vielleicht vom Original unterscheidet. Es gibt schöne Beispiele dafür bei Koppenfels oder Eva Hesse in ihren Übersetzungen aus der englischen und nordamerikanischen Lyrik. Die oben genannten Beispiele lassen einen ein wenig zweifeln, ob das Dutli wirklich in allen Fällen gelungen ist.
In «Nature morte» heißt es: «Kalt ist mein Blut/ Grimmig, grundtief dick/ wie das Eis im Fluss./ Menschen lieb ich nicht.// Ihr Äußeres: nicht mein/ Geschmack. Ihre Gesichter/ propfen aufs Leben ein/ unaufhebbares Gewicht.// Etwas in ihrem Ausdruck/ widersteht ihrem Geist./ Kriecherei könnte es lauten,/ vor wem? Keiner weiß?»
Größen wie Hölderlin und Rimbaud konnten diese fast unerklärliche Inspiration und ihre beinahe unerfindlichen Quellen nicht in reifere Lebensabschnitte hinüberretten – zum Teil kostete diese Unbedingtheit gegenüber Leben und Werk ihr eigenes Lebensglück.
Dazu war Brodsky – glücklicherweise – nicht disponiert. Weil auch die Affekte für den Dichter Brodsky durchschaubar wurden, er sie ironisch behandeln konnte. Deswegen sei noch mal auf die Essays von Brodsky verwiesen. Das ist brillantes Feuilleton – und glänzende Literatur.
Joseph Brodsky: Brief in die Oase. Hundert Gedichte. Herausgegeben von Ralph Dutli. Carl Hanser Verlag, München, 2006. 300 Seiten. 23,50 Euro.
