Karasek liest:
Nichts gegen die Antike
30. Jun 2006 08:23
 |  Joseph Brodsky | Foto: dpa |
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Joseph Brodskys Gedichtband «Brief in die Oase» bringt wunderbare Gedichte über Schlaf und Tod. Vor allem der Impetus jugendlicher Unbedingtheit in seinen frühen Gedichten überzeugt.
Von Manuel KarasekDie Rezensionen zu Joseph Brodskys Gedichtband «Brief in die Oase» verströmen allesamt Begeisterung. Sie gelten einer repräsentativen Auswahl von hundert Gedichten des Literaturnobelpreisträgers von 1987. Ralph Dutli hat sie größtenteils übersetzt und herausgegeben. Den Enthusiasmus vermag man zum Teil aber nicht so recht mitzuempfinden, während sich der Respekt vor Brodsky aus den Erfahrungen mit seinen wunderbaren Essays speist.
Am Ende des Bandes findet sich das späte Gedicht «Love Song», in dem Brodsky so schöne wie kuriose Bilderfolgen findet. Zum Beispiel diese: «Bist du ein Vogel ich würd eine Platte brennen / und nachtlang nichts hören als deine hohen Triller.» Und später: «Bist du ein Spiegel stürm ich rein zu den »Ladies«/ dir die Nase zu pudern meinen Lippenstift leihen.» Man fragt sich nur, seit wann ein männliches Dichter-Ich einen Lippenstift zur Verfügung hat?
Offenbarende Präzision
Häufige Anglizismen wie ein lässig eingeschobenes «oh boy!» wirken hin und wieder verunglückt. Zum Schluss des Gedichts kommt der absolute Stimmungstöter. Es heißt: «Und bist du meine Frau wär ich gern dein Lover/ denn die Kirche will definitiv keine Scheidung.» Was hat der hässliche «Lover» in diesem schönen Liebesschwur zu suchen? Man kann das als Aufnahme der Brodsky'schen Verweise auf die Popkultur ins Deutsche lesen. Am Ende ist es auch Geschmackssache.Wer den russischen Dissidenten Brodsky kennt, der übrigens dieses Gedicht kurz vor seinem Tod 1995 auf Englisch schrieb, weiß, dass seine Texte vor Vitalität sprühten. Seine Vorlesungen zu Thomas Hardy und Robert Frost, «Von Schmerz und Vernunft», etwa demonstrierten einen Exegeten, der kühne Interpretationen vorlegte, Feste von offenbarender Präzision.
Was macht Cäsar?
Gerade der Rückgriff auf die Themen der Moderne in den Gedichten Brodskys erweist sich als das große Problem. Sie sind in ihrer Zeit verhaftet und wirken häufig anachronistisch. Auch der Rückgriff auf die Antike wirkt in Zeiten eines globalisierten Kulturverständnisses gelinde gesagt ziemlich fern: «Postumus, ich schick die also diese Bücher./ Ist das Bett der Hauptstadt weicher? Schläfst du härter?/ Was macht Cäsar? Nur Intrigen? Nichts als Kriecher?» Nichts gegen die Antike. Vor acht Jahren hat Raoul Schrott auf eine herrlich frische Weise Sappho und Catull nachgedichtet. Aber der Zauber bestand darin, dass diese Gedichte im einem freien anthologischen Zusammenhang mit klassischen Dichtungen aus dem Altarabischen und Altwalisischen standen. Diese Querverbindung waren köstlich, neu, erfrischend. Bei Brodsky herrscht manchmal noch der alte humanistische, eurozentristische Blick vor: Rom und Odysseus.
Bahnbrechende Erzählungen
Hinzu kommt, dass ganze Abschnitte von der Biographie des Dissidenten Brodsky ihre Kraft beziehen: «Der Mensch überlebt wie der Fisch auf dem Sand: oder/ er kriecht weg in die Büsche, steht auf krummen Beinen/ und läuft davon wie von der Feder – der Vers,/ ins Innere des Kontinents.» Der Zauber, den Brodskys Werk im Westen auslöste, war sicherlich auch kulturpolitisch motiviert: Der jüdische Dichter, der in seiner Heimat Russland wegen einer Lappalie nach Sibirien verbannt wurde. Seine Emigration 1972, seine neue Wahlheimat USA. Seine hervorragenden frühen Gedichte, seine brillanten Aufsätze.Auch Jorge Luis Borges Gedichte sind meist nicht so stark wie seine überragenden Essays oder seine bahnbrechenden Erzählungen. Und natürlich hat die Lyrik es bei der Übertragung immer besonders schwer. Man muss einen entsprechenden Ton finden, der sich sogar vielleicht vom Original unterscheidet. Es gibt schöne Beispiele dafür bei Koppenfels oder Eva Hesse in ihren Übersetzungen aus der englischen und nordamerikanischen Lyrik. Die oben genannten Beispiele lassen einen ein wenig zweifeln, ob das Dutli wirklich in allen Fällen gelungen ist.
Menschen lieb ich nicht
Dabei gibt es in dieser Sammlung einige großartige Gedichte, auch hervorragend nachgedichtet, wie zum Beispiel die herrliche «Große Elegie an John Donne» oder die hermetische, weltabgewandte Sammlung von «Nature morte». In ersterer Arbeit findet Brodsky eine nahezu atemberaubende Fülle an Vergleichen und Metaphern für das dialektische Verhältnis von Schlaf und Tod: «Es schläft der Engel Heer. Die Welt ruht tief/ im Schlaf der Heiligen: dass sie sich schämen./ Die Hölle schläft. Es schläft das Paradies./ Kein Mensch wird jetzt noch auf die Straße gehen. /Gottvater schläft. Die Erde ist ihm fremd/ Von ihm kommt keine Gnade, keine Strafe./ Der Teufel schnarcht in seinem Panzerhemd.» In «Nature morte» heißt es: «Kalt ist mein Blut/ Grimmig, grundtief dick/ wie das Eis im Fluss./ Menschen lieb ich nicht.// Ihr Äußeres: nicht mein/ Geschmack. Ihre Gesichter/ propfen aufs Leben ein/ unaufhebbares Gewicht.// Etwas in ihrem Ausdruck/ widersteht ihrem Geist./ Kriecherei könnte es lauten,/ vor wem? Keiner weiß?»
Da stimmt die Musik
Bei diesen beiden Beispielen stimmt die Musik, die Worte verzaubern. Es ist schließlich nicht ganz unerklärlich, warum gerade das Frühwerk so gefangen nimmt, während die Perioden danach den Leser manchmal kalt lassen. Es ist dieser Schmelz des Reinen, der Impetus jugendlicher Unbedingtheit, einen paradiesischen Himmel aus Worten und Wahrheiten zu schaffen, der sich mit der Zeit bei einem Dichter völlig verlieren kann. Größen wie Hölderlin und Rimbaud konnten diese fast unerklärliche Inspiration und ihre beinahe unerfindlichen Quellen nicht in reifere Lebensabschnitte hinüberretten – zum Teil kostete diese Unbedingtheit gegenüber Leben und Werk ihr eigenes Lebensglück.
Dazu war Brodsky – glücklicherweise – nicht disponiert. Weil auch die Affekte für den Dichter Brodsky durchschaubar wurden, er sie ironisch behandeln konnte. Deswegen sei noch mal auf die Essays von Brodsky verwiesen. Das ist brillantes Feuilleton – und glänzende Literatur.
Joseph Brodsky: Brief in die Oase. Hundert Gedichte. Herausgegeben von Ralph Dutli. Carl Hanser Verlag, München, 2006. 300 Seiten. 23,50 Euro.