Karasek liest:
Zwischen den Beinen Irans
Ein riesiger Boulevard ist die Vali-Asr in Teheran, an deren nördlichen Ausläufern sich die schicken Restaurants und Boutiquen der Stadt befinden. Enervierend langsam schleicht ein Taxi, in dem die italienische Journalistin Lilli Gruber sitzt, durch den dichten Verkehr der Zwölfmillionenmetropole entlang einer Pracht, die ihr wie eine Mischung aus «Via Veneto, Champs Élsées und Fifth Avenue» anmutet. Die Hitze ist unerträglich, das Kopftuch, welches zu tragen im Iran gesetzliche Pflicht ist, eher eine Last.
Einmal schaut Gruber aus dem Fenster und sieht, wie junge Frauen an marmorverkleideten Portalen vorbeigehen. «Sie tragen einen 'Hauch' von Kopftuch», schreibt Lilli Gruber in ihrem neuen Buch «Tschador», «dessen Farbigkeit die schwarzen Haare erst richtig hervortreten lässt, statt sie zu verdecken.»
Der Staat der Mullahs, der aus der Revolution von 1979 hervorgegangen ist, und der neue Präsident Ahmadinedschad, der aufgrund des Atomstreites und seiner Leugnung des Holocausts vielen Abendländern verständlicherweise wie einer der irren Schurken aus den Bond-Filmen erscheint, wecken nicht gerade das Vertrauen.
Diesem brisanten Thema begegnet Lilli Gruber in ihrem interessanten Buch über den Iran durchaus souverän, wenngleich es geprägt ist von der altlinken Sichtweise, die seit jeher eine skeptische Position zu den USA bezieht.
Ihre Reportage, die verschiedene Städte und Regionen Irans durchleuchtet, ist zum Zeitpunkt der Wahl zwischen den politischen Kontrahenten Rafsandschani und Ahmadinedschad im Jahr 2005 geschrieben worden. Sie geht also nicht auf das neue Machtzentrum und die Ideologie des neuen Präsidenten ein.
Da gibt es die überzeugten Konservativen, die den Gesetzen des Islam unbedingt gehorchen und entsprechend ein affirmatives Verhältnis zum Regime pflegen. Da gibt es die Enttäuschten, die meinen, nach der Revolution habe sich nichts geändert: Das Programm des fundamentalistischen Regimes hatte seit jeher auch sozialreformerische Züge gehabt.
Ihre Legitimation bezogen die Mullahs unter anderem aus dem Versprechen, die Güter des Landes gerecht zu verteilen. Doch im Land, das der zweitgrößte Erdöllieferant des Planeten ist, herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Drogenprobleme und Perspektivlosigkeit betreffen eine Bevölkerung, deren jugendlicher Anteil bei immerhin 60 Prozent liegt.
Ein Beispiel: Schon seit Jahren hat der Iran Probleme an seiner Grenze zu Afghanistan. Nach der Zerschlagung des Taliban-Regimes blieb dort eine der lukrativsten Geldquellen der Anbau von Mohn. Es gibt bis heute keinen Anreiz für die Bauern, etwas anderes zu säen. Den Ausfall der Ernte könnte ihnen niemand ersetzen. Und eine Änderung der vorherrschenden Agrarstruktur würde die Bauern massenhaft in den Tod schicken. Also bauen sie weiterhin Mohn an und werden von einzelnen Warlords geschützt, gegen die selbst die Amerikaner nichts tun können.
Iran wiederum ist der größte Umschlagsplatz für Heroin. Die Droge wird daher auch in nicht unerheblichen Maße von iranischen Jugendlichen konsumiert. Die Einnahmen aus der Mohnproduktion kommen derweil unter anderem den terroristischen Gruppen um Al Qaida zugute.
Dass Lilli Grubers Herz für den Iran schlägt, merkt man deutlich. Zwischen den Zeilen lässt sich ein nahezu uneingeschränktes Verständnis für die iranische Position im Atomstreit festmachen. «Wenn Pakistan und Israel die Bombe hat, ist es unser gutes Recht, selber über welche zu verfügen, zumal die Amerikaner an unserer Grenze positioniert sind.» Dies ist durchaus verständlich, lässt aber außer Acht, dass das Problem weniger die Bombe als solche, sondern vielmehr Politiker wie Ahmadinedschad darstellen, der sich bisher als unberechenbare Figur erwiesen hat. So sympathisch Lilli Gruber während der Lektüre wird, bei genauerer Betrachtung einzelner Aspekte kommt man nicht umhin, blinde Flecken ausfindig zu machen.
Diese sind wiederum verständlich, wenn man ihr durch die Nacherzählung der jüngsten Geschichte des Iran folgt. Der Sturz von Muhammed Mossadegh in den 50er Jahren durch die CIA hat sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis des Iran gebrannt. Mossadegh verstaatlichte die zuvor in Besitz der Engländer befindlichen Erdölquellen. Gemeinsam mit den Amerikanern schmiedeten die Engländer mehrere Komplotte, die fast alle schief gingen. Der Staatsstreich von 1953 brachte Mossadegh aber endgültig zu Fall. Der Plan zu seinem Sturz wurde von Kermit Roosevelt durchgeführt, einem Enkel des 1945 verstorbenen Präsidenten.
Weiter berichtet Mandavi: «Sex spielt eine größere Rolle als bei uns im Westen, denn er war schon immer ein verbotener Genuss.» Das «Liebesleben spielt sich in öffentlichen Bädern, in leer stehenden Lagerhäusern, in den Bergen und in den abgelegensten Winkeln ab. Am meisten hat mich beeindruckt, wie viele Sexpartys in Privatwohnungen stattfinden, wenn die Eltern nicht zu Hause sind.» Um eine Schwangerschaft und die Jungfrauenhaut nicht zu verletzen, hätten die jungen Frauen im Iran überraschende Techniken entwickelt.
«Lapai» heißt das Farsi-Wort, was «zwischen den Beinen» bedeutet. «Um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren», erklärt die 29-jährige Pardis Mandavi, «die in der iranischen Gesellschaft offiziell höchsten Stellenwert besitzt, nehmen iranische Mädchen das Geschlecht ihrer Partner zwischen die Schenkel, um ihnen Lust zu verschaffen und doch die Penetration zu vermeiden. Nichts anderes ist mit Lapai genannt.»
Lilli Gruber: Tschador. Im geteilten Herzen des Iran. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann. 352 Seiten. Karl Blessing Verlag. 19, 95 Euro.

