Karasek liest: 

netzeitung.deDas Gift des Eurozentrismus ausschwitzen

 Herausgeber: netzeitung.de

Karasek liest 

Lupe Das Gift des Eurozentrismus ausschwitzen

Ilija Trojanows «Der Weltensammler» handelt von dem Sprachgenie Richard Francis Burton. Der britische Offizier sog die Kultur Indiens und Arabiens in sich auf.

Von Manuel Karasek

Wer war Richard Francis Burton wirklich? Ein britischer Offizier, der von 1821 bis 1890 lebte? Ein exzentrischer Schriftsteller, der weite Reisen nach Indien, Arabien und Ostafrika unternahm? Ein Mann, der das Talent besaß, sich spielend zahlreiche Sprachen anzueignen, darunter Sanskrit, Urdu, Arabisch? War er ein Chamäleon, der als Moslem verkleidet nach Mekka und Medina pilgerte und im indischen Gujarat wie ein Hindu lebte? Oder vielleicht gar ein englischer Spion, der für die Krone neue Gebiete für die ökonomische Ausbeutung auskundschaftete?

Richard Francis Burton suchte nach der Quelle des Nils in Ostafrika, widmete sich dem Buddhismus, schrieb zahlreiche Reisebücher und wurde 1866 zum Ritter geschlagen. Viel Ehre für einen Rastlosen, der allerdings in den Augen der biederen englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auch skandalös unangepasst wirkte.

Gott begegnen
Ziemlich viel Material ist also zu verarbeiten, wenn man diesen nimmermüden Abenteurer in den Mittelpunkt eines Romans stellt, wie das nun Ilija Trojanow in seinem neuen, 466 Seiten langen Buch getan hat, das den passenden Titel «Der Weltensammler» trägt. Denn in der Arbeit des 1965 in Bulgarien geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Autors steht tatsächlich ein Besessener im Mittelpunkt.

Dieser reist durch die unterschiedlichen Kulturen und taucht tief in verschiedene Glaubenssysteme ein, um am Ende nüchtern festzustellen: «Kein Mensch wird Gott wirklich begegnen.» Burton muss es wissen, hat er sich doch einst mit tiefen Empfindungen nicht nur vor den Worten des Propheten Mohammed verneigt.

Gelegentliche Besuche im Bordell
Der indische Diener Naukaram, der seinen Herren einmal in die ferne imperialistische Heimat begleitet, kann es nicht glauben, dass Burton Indien, ja alles Nichtenglische für so attraktiv hält. Denn England ist so schön grün, und das Klima angenehm mild. Bombay dagegen, wo Burton in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts landet, ist eine «pralle Stadt», die «rülpst». «Alles roch wie von Magensäften zersetzt», beschreibt Trojanow dessen Ankunft. «Er wusste nicht, was ihn eher anwiderte, die Meeresbrise, zur Ebbe faulig von Algen und gestrandeten Quallen, oder die Düfte des moslemischen Frühstücks, aus Innereien von Ziege, auf kleinen Öfen gebrutzelt.»

Dass sich der Held aber schnell akklimatisieren würde, war zu erwarten. Burton stürzt sich regelrecht in das Land hinein und beschränkt seine Kontakte zu den Einheimischen nicht wie seine Landsleute, die seit etwa 15 Jahren Indien kolonisieren, auf gelegentliche Besuche in Opiumhöhlen und Bordelle.

Die Peitsche für die Inder
Burton widerstrebt der Rassismus der Briten. «Man muss sich schlicht und einfach damit abfinden, dass die Burschen nichts taugen», sagt einer der englischen Herren im Zigarrenclub über die Inder und schließt seine Überlegungen mit der Bemerkung ab: «Die Peitsche hält sie bestenfalls vom Klauen ab.»

Burton lernt dagegen die verschiedenen Sprachen des Landes, kleidet sich und isst wie die Einheimischen. Einmal wird er von seinen eigenen Landsleuten für einen indischen Bettler gehalten, der vor den Toren des Clubs hockt. Und als ihm ein Almosen von einem arroganten Briten verweigert wird, maßregelt er zur Überraschung aller Anwesenden diesen im saubersten Englisch.

Alles stammt von Sanskrit ab
«Ich werde eine Woche ihren Hunger prüfen», erklärt ihm sein Lehrer, der Brahmane Upanitsche, und meint damit Burtons gewaltigen geistigen Appetit, denn dieser schluckt und saugt alles gierig auf, als ginge es darum, seine englische Identität auszulöschen. Trojanow wiederum gelingt es zunehmend, den Appetit des Lesers zu steigern, ihn die Fülle der indischen Welt spüren zu lassen. Der Reichtum an verarbeitetem Material ist schier überbordend.

«Sie müssen Sanskrit lernen», erklärt Upanitsche gleich zu Beginn der Bekanntschaft mit Burton. «Die Welt ist erschaffen aus den einzelnen Silben dieser Sprache. Alles stammt von Sanskrit ab.» Eine bezaubernde kleine Abhandlung folgt, in der Upanitsche die etymologische Herkunft des Wortes Elefanten erläutert.

Die Hadj
Ein mit mächtiger Wucht geschriebener historischer Roman liegt vor uns, der um einen der großen Exzentriker kreist. Man kann angesichts von Trojanows Lebenslauf Parallelen zwischen dem deutschen Autor und dem Briten ausmachen. Wie Burton ging auch Trojanow auf Pilgerfahrt gen Mekka. Trojanow ist zum Islam übergetreten und hat über die Hadj vor zwei Jahren ein wunderschönes Reisebuch verfasst.

Während die Engländer Burton als «weißen Neger» beschimpfen, kümmert sich dieser wenig um das Getuschel, läuft weiter durch die lehmigen Gassen von Baroda und lebt mit Kundamini, einer ehemaligen Tempelhure, zusammen. Diese erzählt ihm gerne, indes sie sexuell tätig sind, orientalische Parabeln, beispielsweise von den Kurtisanen, welche sich zunehmend größere Dosen eines Gifts zuführten und so den eigenen Körper langsam immunisierten. Doch der Beischlaf mit ihnen war eine giftige Sache für ihre Feinde.

Die Angst vor dem Irrationalen
«Der Weltensammler» ist – umgekehrt – die Geschichte einer zunehmenden Entgiftung. Es ist das Gift der eurozentristischen Sichtweise mit ihrem blinden Stolz auf Vernunft und Aufklärung, als gäbe es beides per se im indischen oder arabischen Denken nicht. Eine so große wie von Widersprüchen gekennzeichnete Gesellschaft wie die indische im 19. Jahrhundert kann ohne die Anwendung von Prinzipien der Vernunft nicht existieren.

«Burton Saheb», wie ihn der Diener Naukaram nennt (der mit ihm die schöne Kundamini teilt), treibt die religiöse Monokultur der Christentums erst in Arme eines weit verzweigten Hindu-Glaubens und später in einen polyphonen Islam.

Der Leser begreift allmählich, dass Trojanow, der sich in seinem Roman (aber auch in seiner Lebenswirklichkeit) so gerne in schwülen Landschaften (kurz vor dem Fall des Monsuns) oder in Wüsten aufhält, der schier endlosen Fülle von Konzepten, welche sich die Menschen von Gott und der Wahrheit machen, nachspürt. Dabei speist sich Trojanows Roman gerade aus der Angst vor einem Islam, der im westlichen Unterbewusstsein epidemiologisch begriffen wird, einer Furcht vor dem vermeintlich Irrationalen, dem Fremden, dem Anderen.

Noch mal durch die Wüste
Trojanows Buch hat allerdings Schwächen. Bereits der Indien-Teil ist knapp 200 Seiten lang. Noch der Beschreibung der Hadj mit ihren kilometerlangen Karawanen, die gelegentlich den Überfällen von Beduinen ausgesetzt sind, folgt man mit seinem Karl-May-Charakter gerne, wenngleich man nun bereits einige Geduld aufbringen muss. Zumal man dies alles schon im Großen und Ganzen in seinem Reisebuch lesen konnte.

Die darauf folgende Reise zu den Quellen des Nils ist dann aber schon ziemlich anstrengend zu lesen, was daran liegt, dass sie strukturell der Schilderung der Pilgerfahrt nach Mekka allzu sehr ähnelt: Noch mal durch die Wüste, noch mal Strapazen für alle Protagonisten. Die Überfülle an Material, die im ersten Teil zu bezaubernden Ergebnissen führte, erweist sich zu guter Letzt als Materialüberladung.

Ein Genie der Verwandlungen
Auch die Sprache leidet jetzt. Da liegen Boote in einem Hafen «beieinander, wie Ziegen im Kral» – und man fragt sich bei solchen Vergleichen, die sehr häufig auftauchen, ob sie überhaupt notwendig sind. Redundanzen wie «szenische Inszenierung» oder gar grobe Fehler wie «Entschädigung gibt es am abends am Lagerfeuer» lassen den Leser fragen, ob auch der Lektor am Ende des Buches die Geduld verloren hat.

Aber hören wir mit dem Guten, einer der schönen Szenen auf. Als Kundamini stirbt, befiehlt der liebeskranke Burton seinem Diener, ihm Affen zu besorgen. Mit den Affen speist er dann zu Tisch, unterhält sich mit ihnen auf Englisch und auf Hindustan und erforscht ihre Sprache. Er kommt auf etwa 47 Ausdrücke, mit denen sich die Affen verständigen und katalogisiert sie. An solchen Szenen kann man erkennen, was Burton für Trojanow über alles Chamäleonhafte hinweg war: Ein Genie der Sprachen und Verwandlungen.

Ilja Trojanow: Der Weltensammler. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2006
477 Seiten, 24,90 Euro.