Karasek liest:
Das Gift des Eurozentrismus ausschwitzen
Wer war Richard Francis Burton wirklich? Ein britischer Offizier, der von 1821 bis 1890 lebte? Ein exzentrischer Schriftsteller, der weite Reisen nach Indien, Arabien und Ostafrika unternahm? Ein Mann, der das Talent besaß, sich spielend zahlreiche Sprachen anzueignen, darunter Sanskrit, Urdu, Arabisch? War er ein Chamäleon, der als Moslem verkleidet nach Mekka und Medina pilgerte und im indischen Gujarat wie ein Hindu lebte? Oder vielleicht gar ein englischer Spion, der für die Krone neue Gebiete für die ökonomische Ausbeutung auskundschaftete?
Richard Francis Burton suchte nach der Quelle des Nils in Ostafrika, widmete sich dem Buddhismus, schrieb zahlreiche Reisebücher und wurde 1866 zum Ritter geschlagen. Viel Ehre für einen Rastlosen, der allerdings in den Augen der biederen englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auch skandalös unangepasst wirkte.
Dieser reist durch die unterschiedlichen Kulturen und taucht tief in verschiedene Glaubenssysteme ein, um am Ende nüchtern festzustellen: «Kein Mensch wird Gott wirklich begegnen.» Burton muss es wissen, hat er sich doch einst mit tiefen Empfindungen nicht nur vor den Worten des Propheten Mohammed verneigt.
Dass sich der Held aber schnell akklimatisieren würde, war zu erwarten. Burton stürzt sich regelrecht in das Land hinein und beschränkt seine Kontakte zu den Einheimischen nicht wie seine Landsleute, die seit etwa 15 Jahren Indien kolonisieren, auf gelegentliche Besuche in Opiumhöhlen und Bordelle.
Burton lernt dagegen die verschiedenen Sprachen des Landes, kleidet sich und isst wie die Einheimischen. Einmal wird er von seinen eigenen Landsleuten für einen indischen Bettler gehalten, der vor den Toren des Clubs hockt. Und als ihm ein Almosen von einem arroganten Briten verweigert wird, maßregelt er zur Überraschung aller Anwesenden diesen im saubersten Englisch.
«Sie müssen Sanskrit lernen», erklärt Upanitsche gleich zu Beginn der Bekanntschaft mit Burton. «Die Welt ist erschaffen aus den einzelnen Silben dieser Sprache. Alles stammt von Sanskrit ab.» Eine bezaubernde kleine Abhandlung folgt, in der Upanitsche die etymologische Herkunft des Wortes Elefanten erläutert.
Während die Engländer Burton als «weißen Neger» beschimpfen, kümmert sich dieser wenig um das Getuschel, läuft weiter durch die lehmigen Gassen von Baroda und lebt mit Kundamini, einer ehemaligen Tempelhure, zusammen. Diese erzählt ihm gerne, indes sie sexuell tätig sind, orientalische Parabeln, beispielsweise von den Kurtisanen, welche sich zunehmend größere Dosen eines Gifts zuführten und so den eigenen Körper langsam immunisierten. Doch der Beischlaf mit ihnen war eine giftige Sache für ihre Feinde.
«Burton Saheb», wie ihn der Diener Naukaram nennt (der mit ihm die schöne Kundamini teilt), treibt die religiöse Monokultur der Christentums erst in Arme eines weit verzweigten Hindu-Glaubens und später in einen polyphonen Islam.
Der Leser begreift allmählich, dass Trojanow, der sich in seinem Roman (aber auch in seiner Lebenswirklichkeit) so gerne in schwülen Landschaften (kurz vor dem Fall des Monsuns) oder in Wüsten aufhält, der schier endlosen Fülle von Konzepten, welche sich die Menschen von Gott und der Wahrheit machen, nachspürt. Dabei speist sich Trojanows Roman gerade aus der Angst vor einem Islam, der im westlichen Unterbewusstsein epidemiologisch begriffen wird, einer Furcht vor dem vermeintlich Irrationalen, dem Fremden, dem Anderen.
Die darauf folgende Reise zu den Quellen des Nils ist dann aber schon ziemlich anstrengend zu lesen, was daran liegt, dass sie strukturell der Schilderung der Pilgerfahrt nach Mekka allzu sehr ähnelt: Noch mal durch die Wüste, noch mal Strapazen für alle Protagonisten. Die Überfülle an Material, die im ersten Teil zu bezaubernden Ergebnissen führte, erweist sich zu guter Letzt als Materialüberladung.
Aber hören wir mit dem Guten, einer der schönen Szenen auf. Als Kundamini stirbt, befiehlt der liebeskranke Burton seinem Diener, ihm Affen zu besorgen. Mit den Affen speist er dann zu Tisch, unterhält sich mit ihnen auf Englisch und auf Hindustan und erforscht ihre Sprache. Er kommt auf etwa 47 Ausdrücke, mit denen sich die Affen verständigen und katalogisiert sie. An solchen Szenen kann man erkennen, was Burton für Trojanow über alles Chamäleonhafte hinweg war: Ein Genie der Sprachen und Verwandlungen.
Ilja Trojanow: Der Weltensammler. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2006
477 Seiten, 24,90 Euro.
