Barbey dAurevilly:
Der Virus der Langeweile
Was für ein Angriff! Jules Barbey dAurevilly, einer der französischen Großkritiker des 19. Jahrhunderts, schreibt in einem 1873 erschienenen Essay, dass der allseits vergötterte deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe nichts weiter als ein «ambitionierter Tausendsassa» gewesen sei. Goethe habe über wenig Geist und Heiterkeit verfügt.
«Meiner Ansicht nach», schreibt der Chefkritiker der damals renommierten Pariser Zeitung «Constitutionnel», «handelt es sich mehr um einen Charakter als um ein Genie ein Charakter im Sinne des Talents, wohlverstanden».
Nabokov wiederum im 20. Jahrhundert mit grandiosen Fehlurteilen unumstritten die Nummer eins der literarischen Provokateure erkühnte sich zu behaupten, Dostojewski, Joseph Conrad, Thomas Mann seien mittelmäßige Autoren gewesen.
Denn das Genie, so d'Aurevilly weiter, werde «beinahe mit Gewalt» dazu gebracht, «seiner Berufung zu folgen». Auf den Weimarer Dichterfürsten kann man solch eine Definition in der Tat nicht anwenden. Mal abgesehen von seiner Sturm-und-Drang-Periode war Goethe eher der sich in Skrupeln ergehende und die Meditation vorziehende Dichtertyp; und es ist kein Wunder, dass er vor dem autoritären Großkritiker nun keine Gnade findet.
Auch Goethes Frauenfiguren wie das berühmte Gretchen aus dem «Faust», die kluge Ottilie aus den «Wahlverwandtschaften» oder die dauerangebetete Charlotte im «Werther» kommen nicht gut weg: Sie seien nichts weiter als unschuldige Mädchen und insofern schrecklich langweilig. Auch Mephistopheles sei eigentlich doch ein recht armer Teufel.
Barbey d'Aurevilly zitiert aus dem Werk des Angegriffenen entweder falsch oder ungenau. Seien es die Theaterstücke, die Romane oder die Gedichte er untersucht dies alles nicht nach Kriterien, die sich durch Sprache, Form und die Biographie erschließen lassen. Für ihn ist das ganze Werk von vornherein vom Virus endloser Langeweile befallen. Er erreicht aber genau das Gegenteil dessen, was er eigentlich bezweckt: Nach der Lektüre von Barbey d'Aurevillys Traktat will man Goethe wieder lesen.
Sainte-Beuve, der bedeutendste Literaturkritiker seiner Zeit, schrieb zahlreiche Essays, in denen er sich zu seiner Bewunderung zu Goethe bekannte. «Fast die gesamte antiromantische Generation in Frankreich ab 1850 ist diesem 'großen Goethe' verpflichtet», schreibt Richard in seinem Essay.
Hinzu kam, dass Barbey d'Aurevillys Verhältnis zu Charles-Augustin de Sainte-Beuve schwierig war. Als der Anhänger der Romantik um 1840 seine Laufbahn begann, umwarb er den Throninhaber der französischen Literaturkritik «mit den niedrigsten Schmeicheleien». Vergeblich. Wie das bei romantischen Emphatikern so üblich ist, führte diese Abweisung zu glühendem Hass.
In den Sechzigern des 19. Jahrhunderts verschärfte sich der Konflikt. Es erschienen erstmals in französischer Übersetzung die berühmten Gespräche mit Eckermann. Im «Constitutionnel» widmete ihnen Sainte-Beuve drei hymnische Essays. Barbey d'Aurevilly antwortete prompt in der Zeitung «Le Pays». Eckermann betitelte er als Goethes «Papagei», ihn selber als «Blender».
Doch gerade zu diesem Zeitpunkt gab die Leitung von «Le Pays» ihrem Starkritiker den Laufpass, was natürlich zusätzliches Öl ins Feuer eines unheilbaren Zwistes goss. «Der Vorwand für seine Entlassung waren immerhin Barbey d'Aurevillys Angriffe» gegen Sainte-Beuve, so Richard.
Der Streit zwischen Barbey d'Aurevilly und Sainte-Beuve hatte allerdings eine wesentlich schärfere Dimension. Goethe war für Barbey d'Aurevilly nicht irgendein Schriftsteller, meint Lionel Richard: «Er war ein Stachel in seinem Fleisch.» 1869 starb Sainte-Beuve. Barbey d'Aurevilly wurde sein Nachfolger im «Constitutionnel» und durfte nun die berühmten Montagsartikel verfassen, die vorher Sainte-Beuves Domäne waren.
Für die Niederlage, ja den moralischen wie kulturellen Niedergang Frankreichs machte er in seiner Schrift «Gegen Goethe» die Germanophilen im französischen Literaturbetrieb verantwortlich. Er behauptete, die Franzosen «seien dumm genug gewesen, Goethes Ruhm» wirken zu lassen. Die Bewunderung für Deutschland und seine Schriftsteller seien der tiefere Grund für die Niederlage gegen Preußen geworden.
Jules Barbey d'Aurevilly: Gegen Goethe. Aus dem Französischen von Gernot Krämer. Matthes & Seitz, Berlin, 2006. 140 Seiten. 19, 80 Euro.

