Barbey d’Aurevilly: 

netzeitung.deDer Virus der Langeweile

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Jules Barbey d’Aurevilly (Foto: Web<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jules Barbey d’Aurevilly
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wenn sich Literaturkritiker streiten, hat das Publikum was zu lesen. Auch Barbey d’Aurevillys unfeine Polemik «Gegen Goethe» sollte seinen Konkurrenten treffen.

Von Manuel Karasek

Was für ein Angriff! Jules Barbey d’Aurevilly, einer der französischen Großkritiker des 19. Jahrhunderts, schreibt in einem 1873 erschienenen Essay, dass der allseits vergötterte deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe nichts weiter als ein «ambitionierter Tausendsassa» gewesen sei. Goethe habe über wenig Geist und Heiterkeit verfügt.

«Meiner Ansicht nach», schreibt der Chefkritiker der damals renommierten Pariser Zeitung «Constitutionnel», «handelt es sich mehr um einen Charakter als um ein Genie – ein Charakter im Sinne des Talents, wohlverstanden».

Schmähungen mit Tradition
Man versteht. Schaut man sich die lange Geschichte der Literatur an, so erweist sich die Tirade des Franzosen gegen den Weimarer Geistesolympioniken nicht als Kuriosität. Schmähungen von wutschnaubenden Kritikern und Kollegen mussten schon andere verstorbene Dichter von ihrem stillen Grab aus erdulden: Tolstoi wie Wittgenstein etwa fanden den «Lear» von Shakespeare unerträglich und «Macbeth» einfach nur seifig.

Nabokov wiederum – im 20. Jahrhundert mit grandiosen Fehlurteilen unumstritten die Nummer eins der literarischen Provokateure – erkühnte sich zu behaupten, Dostojewski, Joseph Conrad, Thomas Mann seien mittelmäßige Autoren gewesen.

Natürliche Genies
Jules Barbey d'Aurevilly ist aus ähnlichem Holz geschnitzt und davon überzeugt, dass Goethe kein Genie gewesen sei. «Zunächst wollen wir feststellen», schreibt der 1808 geborene d'Aurevilly, «dass das Genie bzw. die hervorragendste Qualität des Genies die Spontaneität ist, der Überschwang, die Natur, die stärker ist als alles andere im Menschen». Wie man sieht, hatte der Spross normannischer Aristokraten ein so romantisches wie emphatisches Bild von Literatur und Genialität.

Denn das Genie, so d'Aurevilly weiter, werde «beinahe mit Gewalt» dazu gebracht, «seiner Berufung zu folgen». Auf den Weimarer Dichterfürsten kann man solch eine Definition in der Tat nicht anwenden. Mal abgesehen von seiner Sturm-und-Drang-Periode war Goethe eher der sich in Skrupeln ergehende und die Meditation vorziehende Dichtertyp; und es ist kein Wunder, dass er vor dem autoritären Großkritiker nun keine Gnade findet.

Goethe, ein Kompilator
Barbey d'Aurevilly wirft Goethe außerdem vor, er hätte nicht aus seinem Inneren schöpfen können. Sein Hauptwerk, der «Faust», zeige, dass er im Grunde seines Wesens ein Übersetzer, ein Bearbeiter, ein Kompilator gewesen sei. Also keine originäre Natur mit einer genuinen Sprache. Seine anderen Stücke – Götz von Berlichingen beispielsweise – würden gerade mal das kümmerliche Talent eines Opernlibrettisten offenbaren.

Auch Goethes Frauenfiguren wie das berühmte Gretchen aus dem «Faust», die kluge Ottilie aus den «Wahlverwandtschaften» oder die dauerangebetete Charlotte im «Werther» kommen nicht gut weg: Sie seien nichts weiter als unschuldige Mädchen – und insofern schrecklich langweilig. Auch Mephistopheles sei eigentlich doch ein recht armer Teufel.

Der Virus der Langeweile
Dass Barbey d'Aurevilly, wie Lionel Richard in dem hervorragenden Nachwort des jetzt erschienenen Bandes «Gegen Goethe» schreibt, so wenig über Goethe, aber viel über seine eigene Vorstellung vom Theater verrät, indem er den klassischen Aufbau und die psychologische Figurendarstellung in den Stücken von Racine, Corneille und Moliere preist, ist nur ein Aspekt im reaktionären Muster des französischen Großkritikers. Seine Polemik strotzt vor argumentativen Fehlern.

Barbey d'Aurevilly zitiert aus dem Werk des Angegriffenen entweder falsch oder ungenau. Seien es die Theaterstücke, die Romane oder die Gedichte – er untersucht dies alles nicht nach Kriterien, die sich durch Sprache, Form und die Biographie erschließen lassen. Für ihn ist das ganze Werk von vornherein vom Virus endloser Langeweile befallen. Er erreicht aber genau das Gegenteil dessen, was er eigentlich bezweckt: Nach der Lektüre von Barbey d'Aurevillys Traktat will man Goethe wieder lesen.

Antiromantiker lieben Goethe
Wie kam es zu diesem Angriff, der hier zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt? Das ist eine lange Geschichte, und die ist so interessant wie spannend. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts publizierte Madame de Staël ihr Reisebuch «De l'Allemagne», eine erste internationale Bestandsaufnahme der kulturellen Leistungen der deutschen Klassik und der Frühromantik. Die Bände wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und weckten vielerorts ein vorher kaum vorhandenes Interesse an der deutschen Kultur.

Sainte-Beuve, der bedeutendste Literaturkritiker seiner Zeit, schrieb zahlreiche Essays, in denen er sich zu seiner Bewunderung zu Goethe bekannte. «Fast die gesamte antiromantische Generation in Frankreich ab 1850 ist diesem 'großen Goethe' verpflichtet», schreibt Richard in seinem Essay.

Abweisung und Hass
Keine Geringeren als Theophile Gautier, Gustave Flaubert und Leconte de Lisle bewunderten den universellen Geist, der in hohem Alter 1832 in Weimar verstarb. Während diese sich von der Romantik losgesagt hatten, hielten Barbey d'Aurevilly und der berühmte Victor Hugo an ihr fest.

Hinzu kam, dass Barbey d'Aurevillys Verhältnis zu Charles-Augustin de Sainte-Beuve schwierig war. Als der Anhänger der Romantik um 1840 seine Laufbahn begann, umwarb er den Throninhaber der französischen Literaturkritik «mit den niedrigsten Schmeicheleien». Vergeblich. Wie das bei romantischen Emphatikern so üblich ist, führte diese Abweisung zu glühendem Hass.

Stellvertreter Goethe
Goethe wurde zur Reizfigur, an der die Rivalität der beiden Literaturkritiker ausgefochten wurde. Veröffentlichte Sainte-Beuve 1855 einen Lobgesang auf die «Leiden des jungen Werther», retournierte Barbey d'Aurevilly, dass «Goethes Ruhm unverdient» sei und Sainte-Beuve nicht richtig urteilen könne.

In den Sechzigern des 19. Jahrhunderts verschärfte sich der Konflikt. Es erschienen erstmals in französischer Übersetzung die berühmten Gespräche mit Eckermann. Im «Constitutionnel» widmete ihnen Sainte-Beuve drei hymnische Essays. Barbey d'Aurevilly antwortete prompt in der Zeitung «Le Pays». Eckermann betitelte er als Goethes «Papagei», ihn selber als «Blender».

Doch gerade zu diesem Zeitpunkt gab die Leitung von «Le Pays» ihrem Starkritiker den Laufpass, was natürlich zusätzliches Öl ins Feuer eines unheilbaren Zwistes goss. «Der Vorwand für seine Entlassung waren immerhin Barbey d'Aurevillys Angriffe» gegen Sainte-Beuve, so Richard.

Heute wie gestern
Solche Kämpfe innerhalb des Getriebes der modernen Kulturindustrien, wie der Band «Gegen Goethe» beschreibt, sind uns nicht fremd. Da braucht man lediglich ein Blick auf die Debatte um Volker Weidermanns Buch «Lichtjahre» zu werfen. So spaltet sich momentan der Literaturbetrieb, so beschreibt es Hubert Winkels in der «Zeit», in Gruppierungen von Emphatikern und Gnostikern.

Der Streit zwischen Barbey d'Aurevilly und Sainte-Beuve hatte allerdings eine wesentlich schärfere Dimension. Goethe war für Barbey d'Aurevilly nicht irgendein Schriftsteller, meint Lionel Richard: «Er war ein Stachel in seinem Fleisch.» 1869 starb Sainte-Beuve. Barbey d'Aurevilly wurde sein Nachfolger im «Constitutionnel» und durfte nun die berühmten Montagsartikel verfassen, die vorher Sainte-Beuves Domäne waren.

Die Germanophilen sind schuld
Im Sommer 1870 brach der Krieg zwischen Frankreich und Preußen aus, der die Niederlage der Grande Nation zur Folge hatte. Bitter für den überzeugten Monarchisten und Katholiken Barbey d'Aurevilly war auch, dass wenig später die Republik ausgerufen wurde und schließlich für einige Wochen sogar die sozialistische Pariser Kommune herrschte.

Für die Niederlage, ja den moralischen wie kulturellen Niedergang Frankreichs machte er in seiner Schrift «Gegen Goethe» die Germanophilen im französischen Literaturbetrieb verantwortlich. Er behauptete, die Franzosen «seien dumm genug gewesen, Goethes Ruhm» wirken zu lassen. Die Bewunderung für Deutschland und seine Schriftsteller seien der tiefere Grund für die Niederlage gegen Preußen geworden.

Jules Barbey d'Aurevilly: Gegen Goethe. Aus dem Französischen von Gernot Krämer. Matthes & Seitz, Berlin, 2006. 140 Seiten. 19, 80 Euro.