Dubravka Ugresic: 

netzeitung.deEin Unterschied von 50 Vokabeln

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In Dubravka Ugresics «Ministerium der Schmerzen» treffen sich jugoslawische Bürgerkriegsflüchtlinge im holländischen Exil, um über Literatur zu diskutieren. Sie alle können ihr Trauma nicht überwinden.

Von Manuel Karasek

Es ist eine gespenstische Szene, die sich in der kleinen Amsterdamer Wohnung der Dozentin für serbokroatische Literatur Tanja Lucic abspielt. Einer ihrer Studenten, Igor, mit dem sie eigentlich befreundet ist, hat ihr Handschellen angelegt und den Mund zugepflastert. Tanja Lucic, die Ich-Erzählerin im neuen Roman von Dubravka Ugresic «Das Ministerium der Schmerzen», weint, der junge Mann – der vor allem Anglizismen liebt – hält einen Monolog.

«So, jetzt haben Sie endlich, was sie wollten», erklärt Igor, «Kino.» Er wirft der Dozentin allerhand vor: Sie hätte «ihre Schüler» zwingen wollen, sich an das ehemalige Jugoslawien zu erinnern, während sie selbst alles «sehnlichst vergessen wollte.»

Jugoslawische Nostalgie
Er wirft ihr weiterhin vor, dass sie im Gegensatz zu ihren Studenten das Land ihres Exils nicht akzeptiere. «Flach, feucht und nichts sagend, besitzt Holland doch etwas, was andere Länder nicht haben», meint Igor, «Es ist ein Land des Vergessens.»

Die Protagonisten dieses Romans haben es auch bitter nötig, zu vergessen. Sie sind Exilanten – von ungeheurer Gewalt traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge, mit irreparablen Brüchen in ihren Lebensgeschichten. Tanja Lucic nennt sie gegenüber ihrem Kollegen Cees Draaisma einmal Rekonvaleszenten. Am liebsten aber würde Ugresics Heldin vergessen, dass sie dem intriganten Draaisma gegenübersitzt, dem von einem «Spitzel» zugetragen wurde, die Lektorin für serbokroatische Literatur würde statt eines regulären Unterrichts eine Show in Sachen jugoslawischer Nostalgie veranstalten.

Hesse und Bukowski
Und tatsächlich kann man dieser hypersensiblen Frau, die leicht in Tränen ausbricht, diesen Vorwurf nicht ganz ersparen. Als sie zu Beginn ihres ersten Semesters Fragebögen austeilt, in denen die Studenten begründen sollen, warum sie gerade serbokroatische Literatur studieren, erhält sie rührend naive Antworten. Für manche war Literatur «Malen mit dem Geist und Singen mit der Seele», resümiert sie. «Die Angaben über ihre Lieblingsschriftsteller und –bücher waren enttäuschend vorhersehbar.»

Ihre Studenten bevorzugen natürlich den «unvermeidlichen» Hermann Hesse und Charles Bukowski, der «ihnen als Rebell und Outsider imponierte. Für sie war er 'cool', 'krass', 'angesagt', ein Autor mit Power in der Hose.» Es ist schließlich nicht verwunderlich, dass Tanja Lucic zu folgender Schlussfolgerung gelangt: «Tatsächlich zeigte der kleine Test, dass ihnen die Literatur wenig bedeutete.»

Serbokroaten kommen von überall
Das stimmt jedoch nicht ganz. Während Igor Tanja fesselt, erklärt er: «Als Flauberts Madame Bovary erschien, war Zagreb ein Dorf mit 16 675 Einwohnern, 16 675! Die große europäische Literatur – Goethe, Stendhal, Balzac, Gogol, Dickens, Dostojewski, Flaubert, Maupassant – , alles war schon da, als unsere lokalen assholes sich anschickten, die ersten Buchstaben zu lernen.» Das ist die historische Diskrepanz, die Tanja Lucic zu verschleiern versucht. Die Literatur Jugoslawiens im 19. Jahrhundert hatte größtenteils noch nicht den intellektuellen Anschluss gefunden. Sie war geprägt von Provinzialität und Nostalgie.

Die meisten ihrer Studenten belegen «Serbokroatisch», weil sie «von überall» herkommen, schlicht und ergreifend geflohen sind – und sich, obwohl im sicheren holländischen Exil – noch immer mental auf der Flucht befinden; und sie belegen «Serbokroatisch» vor allem um ihren legalen Aufenthalt zu verlängern.

Es ist also die pure Notwendigkeit. Deshalb beschließt Tanja Lucic auch, den Unterricht so ungezwungen zu gestalten wie nur möglich. Es gibt keine Anwesenheitspflicht, die Benotung am Ende des Semesters wird milde ausfallen, das Lesen der Semesterliteratur ist nicht unbedingt notwendig.

Eine Auferstehung durch Worte
So wird das Seminar zu einem Schutzraum, zum Zimmer der heraufbeschworenen Vergangenheit, wo Igor und Melhia mit ihrer Dozentin Emigrantenerinnerungen und -erfahrungen austauschen. Mit den Worten lassen sie das ehemalige Jugoslawien wieder auferstehen.

Die Teilung ihres Landes ist für sie nahezu inakzeptabel. Indiz dieser Haltung ist ihre gemeinsame Ablehnung gegenüber der Behauptung, die Sprachen der Serben, Bosnier und Kroaten würden sich deutlich voneinander unterscheiden. Tatsächlich ist der Unterschied wohl ziemlich klein. Gerade mal 50 Vokabeln in diesen Sprachen weichen voneinander ab.

Die Traumata bleiben
Dubravka Ugresic hat einen ehrlichen und klugen Roman über die Emigration geschrieben. Über das Gefühl der Schutzlosigkeit, etwa bei Leuten, die plötzlich aus der Wohnung geschmissen werden und sich nun auf der Straße befinden. Vollkommen unsentimental schildert Ugresic die Befindlichkeiten ihrer vom Krieg versehrten Figuren.

Da ist der Student Uros, der sich auf spektakuläre Art und Weise umbringt, als er erfährt, dass sein Vater als Kriegsverbrecher in Den Haag angeklagt ist. Oder die Bosnierin Melhia, die die Bombardierung Sarajewos miterlebte. Es sind gerade die Traumata, die Ugresic thematisiert: Dauernd verwandeln sie sich - man überwindet sie eigentlich nie.

Wir sind krank, Mensch
So ist es auch nur eine Frage der Zeit, dass der «Schutzraum», den das Seminar bietet, Risse bekommt. An einem Abend sitzen Tanja Lucic und ihre Studenten in einem Lokal und feiern. Eine Nostalgiewelle trägt sie in ungeahnt euphorische Höhen. «Ante hatte sein Akkordeon dabei.», beschreibt die 1949 geborene Ugresic die Szene, «Die Biergläser leerten und füllten sich gefährlich schnell. Ante beherrschte wirklich alles: alte Partisanenlieder, Romanzen, bosnischer Liebeslieder, serbische Reigen.» Doch dann kippt die Stimmung und Uros zitiert das pathetische Poem 'Blutige Mär' von Dasanka Maksimovic.

«Es war eine peinliche Szene», erklärt die Ich-Erzählerin, «Der Text stand in allen Lehrbüchern, in allen Anthologien, wurde unzählige Male rezitiert...Mehr als fünfzig Jahre später hatte sich der poetische Protest gegen den Krieg in sein Gegenteil verkehrt.»

Das Poem war zu einer symbolischen Unterstützung des Krieges geworden. Als Uros seinen peinlichen Fehler bemerkt, schlägt er mit Faust auf das Glas vor sich, das zersplittert. Den blutenden Patrioten begleiten sein Freunde ins Krankenhaus, während andere behaupten: «Mit unseren Leuten landest du immer in der Scheiße.» Und jemand antwortet: «Weil wir nicht normal sind. Wir sind krank, Mensch...»

Intelligent und gewalttätig
Ugresics knapp 290-seitiger Roman zeichnet sich durch solch gespenstische Szenen aus. Immer wieder versucht die Ich-Erzählerin alle möglichen Formen von Therapeutik für ihre traumatisierten Studenten zu finden und wird allmählich vom Strudel, den die Bürgerkriegserinnerung auslöst, erfasst, in dem sie dann langsam, aber sicher untergeht.

Tanja Lucic kann die bösartige Dynamik des Verarbeitungsprozesses nicht begreifen, sie sucht die Gewalt zu negieren, die sich durch den Bürgerkrieg in die Figuren eingenistet hat – und das ist gerade der Vorwurf ihres Lieblingsstudenten Igor. Er ist auch Ugresics beeindruckendste Gestalt: ein Charakter von brillanter Intelligenz, der erst am Ende des Romans sein gewalttätiges Potential offenbart.

Endlich in der Nase bohren
Gerade die Wechselbeziehung von persönlicher und vom Staat delegierter Gewalt ist Ugresics eigentliches Thema. Das wird auch deutlich in der Szene, als Tanja Lucic während eines Fluges von Zagreb nach Amsterdam einen 51-jährigen Kroaten kennen lernt, der behauptet: «'91 spürte man die Erleichterung in der Luft. Für viele war das Leben im ehemaligen Jugoslawien ein anstrengender Kampf gewesen.

Ständig mussten sie sich für etwas einsetzen: für eine bessere Zukunft, für diese und jene Reform; ständig die Nachbarn ausspionieren, ob deren Hühner vielleicht mehr Eier legten als die eigenen. Als Jugoslawien auseinander fiel, entspannte man sich. Die Menschen durften in der Nase bohren, sich am Hintern kratzen.»

Keine Identifikation mit der Katastrophe
Der Kroate leugnet dabei nicht, das die Kroaten die Serben verjagten, die Serben die Albaner erschlugen, und dennoch erklärt er jede Erinnerungsarbeit für nahezu überflüssig. «Die Menschen sind nicht geschaffen für das Unglück.

Sie sind unfähig, sich mit großen Katastrophen zu identifizieren, sich länger mit einem Unglück zu befassen, selbst wenn es das eigene ist.» Tanja Lucics dialektische Auseinandersetzung mit ihren Studenten und dem jugoslawischen Bürgerkrieg steht dazu im Widerspruch – und bestätigt dieses Phänomen zugleich.

Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. Roman. Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak und Mirjana und Klaus Wittmann. Berlin Verlag 2005, 187 Seiten, 19,90 Euro.