Dubravka Ugresic:
Ein Unterschied von 50 Vokabeln
16.12.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Es ist eine gespenstische Szene, die sich in der kleinen Amsterdamer Wohnung der Dozentin für serbokroatische Literatur Tanja Lucic abspielt. Einer ihrer Studenten, Igor, mit dem sie eigentlich befreundet ist, hat ihr Handschellen angelegt und den Mund zugepflastert. Tanja Lucic, die Ich-Erzählerin im neuen Roman von Dubravka Ugresic «Das Ministerium der Schmerzen», weint, der junge Mann der vor allem Anglizismen liebt hält einen Monolog.
«So, jetzt haben Sie endlich, was sie wollten», erklärt Igor, «Kino.» Er wirft der Dozentin allerhand vor: Sie hätte «ihre Schüler» zwingen wollen, sich an das ehemalige Jugoslawien zu erinnern, während sie selbst alles «sehnlichst vergessen wollte.»
Die Protagonisten dieses Romans haben es auch bitter nötig, zu vergessen. Sie sind Exilanten von ungeheurer Gewalt traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge, mit irreparablen Brüchen in ihren Lebensgeschichten. Tanja Lucic nennt sie gegenüber ihrem Kollegen Cees Draaisma einmal Rekonvaleszenten. Am liebsten aber würde Ugresics Heldin vergessen, dass sie dem intriganten Draaisma gegenübersitzt, dem von einem «Spitzel» zugetragen wurde, die Lektorin für serbokroatische Literatur würde statt eines regulären Unterrichts eine Show in Sachen jugoslawischer Nostalgie veranstalten.
Ihre Studenten bevorzugen natürlich den «unvermeidlichen» Hermann Hesse und Charles Bukowski, der «ihnen als Rebell und Outsider imponierte. Für sie war er 'cool', 'krass', 'angesagt', ein Autor mit Power in der Hose.» Es ist schließlich nicht verwunderlich, dass Tanja Lucic zu folgender Schlussfolgerung gelangt: «Tatsächlich zeigte der kleine Test, dass ihnen die Literatur wenig bedeutete.»
Die meisten ihrer Studenten belegen «Serbokroatisch», weil sie «von überall» herkommen, schlicht und ergreifend geflohen sind und sich, obwohl im sicheren holländischen Exil noch immer mental auf der Flucht befinden; und sie belegen «Serbokroatisch» vor allem um ihren legalen Aufenthalt zu verlängern.
Es ist also die pure Notwendigkeit. Deshalb beschließt Tanja Lucic auch, den Unterricht so ungezwungen zu gestalten wie nur möglich. Es gibt keine Anwesenheitspflicht, die Benotung am Ende des Semesters wird milde ausfallen, das Lesen der Semesterliteratur ist nicht unbedingt notwendig.
Die Teilung ihres Landes ist für sie nahezu inakzeptabel. Indiz dieser Haltung ist ihre gemeinsame Ablehnung gegenüber der Behauptung, die Sprachen der Serben, Bosnier und Kroaten würden sich deutlich voneinander unterscheiden. Tatsächlich ist der Unterschied wohl ziemlich klein. Gerade mal 50 Vokabeln in diesen Sprachen weichen voneinander ab.
Da ist der Student Uros, der sich auf spektakuläre Art und Weise umbringt, als er erfährt, dass sein Vater als Kriegsverbrecher in Den Haag angeklagt ist. Oder die Bosnierin Melhia, die die Bombardierung Sarajewos miterlebte. Es sind gerade die Traumata, die Ugresic thematisiert: Dauernd verwandeln sie sich - man überwindet sie eigentlich nie.
«Es war eine peinliche Szene», erklärt die Ich-Erzählerin, «Der Text stand in allen Lehrbüchern, in allen Anthologien, wurde unzählige Male rezitiert...Mehr als fünfzig Jahre später hatte sich der poetische Protest gegen den Krieg in sein Gegenteil verkehrt.»
Das Poem war zu einer symbolischen Unterstützung des Krieges geworden. Als Uros seinen peinlichen Fehler bemerkt, schlägt er mit Faust auf das Glas vor sich, das zersplittert. Den blutenden Patrioten begleiten sein Freunde ins Krankenhaus, während andere behaupten: «Mit unseren Leuten landest du immer in der Scheiße.» Und jemand antwortet: «Weil wir nicht normal sind. Wir sind krank, Mensch...»
Tanja Lucic kann die bösartige Dynamik des Verarbeitungsprozesses nicht begreifen, sie sucht die Gewalt zu negieren, die sich durch den Bürgerkrieg in die Figuren eingenistet hat und das ist gerade der Vorwurf ihres Lieblingsstudenten Igor. Er ist auch Ugresics beeindruckendste Gestalt: ein Charakter von brillanter Intelligenz, der erst am Ende des Romans sein gewalttätiges Potential offenbart.
Ständig mussten sie sich für etwas einsetzen: für eine bessere Zukunft, für diese und jene Reform; ständig die Nachbarn ausspionieren, ob deren Hühner vielleicht mehr Eier legten als die eigenen. Als Jugoslawien auseinander fiel, entspannte man sich. Die Menschen durften in der Nase bohren, sich am Hintern kratzen.»
Sie sind unfähig, sich mit großen Katastrophen zu identifizieren, sich länger mit einem Unglück zu befassen, selbst wenn es das eigene ist.» Tanja Lucics dialektische Auseinandersetzung mit ihren Studenten und dem jugoslawischen Bürgerkrieg steht dazu im Widerspruch und bestätigt dieses Phänomen zugleich.
Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. Roman. Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak und Mirjana und Klaus Wittmann. Berlin Verlag 2005, 187 Seiten, 19,90 Euro.

