Hitlers Volksstaat:
Zwangsarbeit für den Sozialstaat
18.03.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Götz Aly: Mit der Reichsfinanzreform von 1934 wurde das Kindergeld und das Ehegattensplitting eingeführt. Als nächster Schritt, der für die innere Integration sehr wichtig war, folgte die Verdoppelung der Körperschaftssteuer 1936 bis 1939. Damit stieg diese Unternehmenssteuer von 20 auf 40 Prozent an. Damit zeigte die NS-Regierung also demonstrativ: Wir belasten diejenigen, die es haben; wir sind bereit, innerhalb der Volksgemeinschaft ur-sozialdemokratische Prinzipien der Lastenverteilung anzuwenden.
Die genannten 95 Prozent der Deutschen, die sich zur Volksgemeinschaft zählten, lebten gut. Die kriegssozialistisch gerechte Form der Lebensmittelzuteilung, die bis 1945 innerhalb der Festung Deutschland glänzend funktionierte, bildete den einen Grund für die Massenloyalität. (In Berlin brach die Vollmilchversorgung zum ersten Mal im Februar 1945 zusammen.)
Den zweiten Grund bildete der ausgesprochen üppige Familienunterhalt. Das waren Lohnersatzleistungen für die Familien der eingezogenen Soldaten. Sie waren in Deutschland doppelt so hoch wie die vergleichbare Unterstützung für britische und amerikanische Soldatenfamilien. Die Familien bekamen zwischen 73 und 85 Prozent des letzten Nettoverdienstes des Mannes. Der Mann war weg, und so konnten die Frauen oft zum ersten Mal im Leben allein und voll über das Geld verfügen. Zudem lebte der Ehemann in Vollpension bei der Wehrmacht. Er bekam einen ganz guten Sold, wurde nicht nur ausreichend, sondern übermäßig ernährt und versorgt.
Man muss sich nun vorstellen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung damals in sehr viel knapperen Verhältnissen lebte, als wir uns das heute vorstellen können. Die meisten Leute mussten damals mit jeder Mark rechnen. Sie verfügten nun im Krieg rechnet man Familienunterhalt und Sold zusammen über mehr Geld als im Frieden. Zu diesen Familienzusatzleistungen kam während des Kriegs die sprunghafte Erhöhung von Kindergeld und Familienfürsorgeleistungen. Sie wurden zwischen 1939 und 1942 verdreifacht.
Wenn man Krieg führen will, muss man Steuern erheben, um ihn zu finanzieren. Das aber hat man in Deutschland für die breite Masse der Bevölkerung, für 80 Prozent der deutschen Steuerzahler, vermieden: Direkte Kriegssteuern mussten die Unter- und Mittelschichten bis 1945 nicht bezahlen. Lediglich die indirekten Kriegssteuern auf Zigaretten und Bier, die zwar nicht übertrieben hoch waren, betraf die Masse des Volkes. Mit der Tabak- und Alkoholsteuer wurde nur ein kleiner Teil der laufenden Kriegskosten eingespielt.
Es gibt aber noch weitere Punkte: Ganz demonstrativ wurden Ende 1942 mit der so genannten Hauszinssteuer wieder die Wohlhabenden abermals demonstrativ belastet. Sie mussten innerhalb von drei Monaten die damals sehr große Summe von acht Milliarden Reichsmark an die Staatskasse bezahlen. Das wären heute 80-100 Milliarden Euro. Man kann sich nicht vorstellen, dass eine deutsche Regierung heute eine solche Maßnahme überleben würde. Aber die Hauszinssteuer zahlte sich politisch aus: Sie ließ das Ansehen der Naziführer auf der Beliebtheitsskala des Volkes sprunghaft ansteigen.
So ging es im Grunde bis zum Kriegsende weiter. Alle Erhöhungsvorschläge für Steuern, die die Reichsfinanzverwaltung aus währungspolitischer Verantwortung vortrug, wies die politische Führung mit der Begründung zurück, das könne man der deutschen Bevölkerung nicht zumuten. So entstand das, was ich auch als Bestechungsdiktatur bezeichne.
Netzeitung: Im Großen und Ganzen handelt ihr Buch von der deutschen Finanz- und Währungspolitik, der es gelang, durch ein wie Sie sagen elegantes System die Lasten des Kriegs möglichst auf die besetzten Länder abzuwälzen. Woher kam das Geld, das direkt und indirekt den Deutschen zugute kam?
Aly: Der Krieg musste trotz aller Geschenke an die deutsche Bevölkerung finanziert werden. Er wurde zu 50 Prozent durch Kredite finanziert, dies hat die Leute in der Illusion belassen, der Krieg koste nichts. Denn die Kredite sollten nach dem Sieg von den unterworfenen Völkern insbesondere Osteuropas bezahlt werden. Dazu ist es Gott sei Dank nicht gekommen. Die andere Hälfte des außerordentlichen Kriegshaushalts des Deutschen Reichs wurde durch die laufenden Kriegseinnahmen gedeckt. Ein ganz wesentlicher Teil, nämlich rund 70 Prozent dieser Einnahmen, die in die Reichskasse flossen, kam aus den besetzten Ländern.
Der fehlende Rest wurde innerhalb Deutschlands hauptsächlich von den Wohlhabenden heute würde man sagen: den Besserverdienenden getragen. Sie hatten empfindliche Steuern zu bezahlen. Nur ein ganz geringer Teil wurde von der großen Masse der kleinen deutschen Steuerzahler aufgebracht. Das trug erheblich zur inneren Integration bei.
Die deutsche Finanzverwaltung sorgte mit den verschiedensten Mitteln, die in meinem Buch ausführlich beschrieben sind, dafür, dass der einzelne Zwangsarbeiter, beziehungsweise seine Familie im besetzten Europa, von dem Lohn außer der dürftigen Lagerkost möglichst nichts, aber auch gar nichts bekamen. Diese Löhne flossen zum aller größten Teil in die deutsche Staatskasse.
Netzeitung: Muss man die Gewinne der Unternehmen nicht in eine solche Betrachtung einfließen lassen? Die Zwangsarbeiter finanzierten die Körperschaftssteuer kräftig mit. Ihre Niedriglöhne lassen sich als indirekte Subventionen der höheren Löhne «arischer» Arbeiter betrachten. Aber die Profite aus Lohnraub konnten auch investiert werden, was der wirtschaftlichen Entwicklung der Deutschen während und nach dem Krieg zugute kam.
Aly: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, die Unternehmen hätten nichts davon gehabt. Ich wende mich gegen die völlig haltlose Behauptung, es seien ausschließlich oder hauptsächlich die Unternehmen gewesen, die vom Krieg profitiert hätten. Der unmittelbare Gewinn, den die deutsche Bevölkerung an Kriegsentlastung und an Entlastung von Sozialabgaben im Krieg hatte, besteht unter anderem darin, dass die Zwangsarbeiter zwar sehr viel höhere Sozialabgaben leisten mussten, aber überhaupt keine Ansprüche darauf anmelden durften.
Die Einnahmen durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern flossen in diese Richtung. Dass nicht nur der Kapitalstock der privaten Firmen durch Gewinne aus Zwangsarbeit anwuchs, sondern auch die Eisenbahnanlagen, Brücken und Straßen im Krieg durch Zwangsarbeiter unterhalten worden sind, ist völlig klar. Das gilt übrigens nicht nur für Westdeutschland, sondern auch für die spätere DDR, das gilt für erhebliche Teile des heutigen Westpolen, für das gesamte tschechische Becken und natürlich auch für Österreich.
Die Arbeit der Zwangsarbeiter sicherte die Infrastruktur, verhinderte die Verwahrlosung der Äcker und Wälder. All das wurde von den Nachkriegsgesellschaften Europas, aber besonders von den deutschen, als günstige Vorbedingung für den Wiederaufbau genutzt. Ein Nutzen, der auf den Knochen vieler Millionen verschleppter Menschen erwirtschaftet wurde.
«Hitlers Volksstaat» ist bei S. Fischer erschienen. Das Buch hat 464 Seiten und kostet 22,90 Euro. Mit Götz Aly sprach Ulrich Gutmair.

