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Lupe Apathie ist das Stichwort

Die Bürger in den israelischen Wahllokalen waren sich am Dienstag einig: Die nächste Wahl kommt bald. Der Meretz-Vorsitzende wird dann nicht mehr dabei sein, er trat zurück. Ein Stimmungsbericht vom Wahltag.

Von Igal Avidan, Tel Aviv

Eine Schlange bildet sich an diesem sonnigen Morgen am Eingang zum Wahllokal 501 in der Mase-Strasse in Tel Aviv, wo ich meine Stimme abgebe. Es befindet sich in einem Jugendzentrum, direkt unter dem berühmten Wasserturm, in dem der jüdische Untergrund 1948 geheime Telegramme verschickte. Das Lokal ist in der Basketballhalle untergebracht. Unter dem Korb steht eine Wählerin, die Wahlkommission sitzt in der Mitte des Raums. Ein junger orthodoxer Mann wartet neben mir. Er sei Mitglied einer Wahlkommission in einem anderen Wahllokal für seine ashkenasische «Agudat Israel»-Partei. Im Gegensatz zur sephardischen Schas-Partei hat die Aguda keine einzige Autorität zu bieten, erzählt er und äußert seine Sympathie für Schas und seine Kritik an der rechtsextremen Herut: Nicht, weil sie von dem fanatischen und vorbestraften Siedler Baruch Marsel geführt wird, sondern weil Marsels Vize, Michael Kleiner, nichtreligiös sei. Dann läuft er zur Wahlkommission und ignoriert dabei geflissentlich ein Werbeplakat für Badeanzüge, auf der eine attraktive Schwimmerin zu sehen ist.

Einer der Plastikstühle wird frei. «Wer möchte sitzen,» fragt jemand. Keiner der Wartenden beeilt sich. «Nur die Politiker rennen einem Sitz hinterher,» kommentiert jemand. Inzwischen kommt ein älteres Ehepaar von der Stimmabgabe. «Auf Wiedersehen in zwei Jahren,» begrüßt sie jemand. «Warum in zwei? In einem Jahr werden die vorgezogenen Wahlen stattfinden», ergänzt ein anderer.

Draußen hat ein junger Wahlhelfer in Trainingshosen und einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift «Das Volk will Scharon – ein Führer mit Vernunft» einen Haufen Wahlzettel mit den Buchstaben der Likud-Partei MHL unter dem Arm. «Jemand hat gerade alle Likud-Wahlzettel aus einem Wahllokal geklaut», sagt er einer Wahlbeobachterin. «Wird der Likud dir jetzt die Wahlen verdanken?» Der Junge gibt sich bescheiden: «Im Notfall gibt es blanke Wahlzettel und einen Stift, so dass der Wähler selbst MHL draufschreiben kann,» erklärt er.

Vor einem anderen Wahllokal trommelt eine Gruppe von Heranwachsenden, die rote Fahnen und Plakate mit der Aufschrift «Demokratie heißt Gleichheit» und «Links ist Chadasch» dabei haben. Es ist der Wahlslogan der einzigen jüdisch-arabischen Partei Chadasch («Neu»). Drei bärtige Ultraorthodoxe schauen sie sich an, als sie am Wahllokal vorbei zum Rotschild-Boulevard bis zur «Bank Hapoalim» ziehen, der «Bank der Werktätigen». «Elison habajta», rufen die jungen Leute, «Geh nach Hause, Elison!» So heißt der Direktor der inzwischen privatisierten Bank, die vor kurzem 900 Mitarbeiter entließ. «Wir wollen die Banken und Betrieben ihren Mitarbeitern übertragen,» erklärt ein Junge. Und warum sind alle Mitprotestierer Juden? «Ich finde das auch nicht gut, aber es wurde entschieden, dass wir uns trennen: Die Juden marschieren in Tel Aviv, die Araber in Jaffa.»

Eti Leibowitch, 31, arbeitet heute für den Likud. In der Parteizentrale in der King-George-Straße erzählt sie, es gehe ihr dabei vor allem um «sehen und gesehen werden», nicht um die 400 Schekel, die sie für einen achtstündigen Tag bekommt. Obwohl sie eine diplomierte Politologin mit Erfahrung als persönlicher Assistentin einer Likud-Abgeordneten ist, findet sie seit vergangenem August keine Stelle. Wer trägt die Schuld an der Wirtschaftsmisere, frage ich. «Klar, die Regierung tut nicht genug.» Darum tut sie sich schwer damit, den Likud zu wählen. Warum aber hilft sie dann Scharons Partei? «Vielleicht werde ich hier einen Job finden.» Eti will in die Politik, «weil ich nur dort mit einer festen Stelle für vier Jahre rechnen kann.»

Inzwischen kommt Industrie- und Handelsminister Danni Naveh zur Tür herein. Statt Eti eine Stelle anzubieten, gibt er mir ein Interview. Naveh will den Palästinensern helfen, zu begreifen, dass sie ohne Jassir Arafat besser leben würden. Und er will der Arbeitspartei helfen, in Scharons Regierung zu kommen. Würde er dafür seinen Ministerposten räumen? «Alle Likud-Minister und der Premierminister sind zu persönlichem Verzicht bereit.»

Dudu steht am Eingang zum Militärsender in Jaffa und erklärt vor der Kamera, dass man miteinander reden muss, nicht kämpfen. Der Sender «Galei Zahal» dreht gerade einen Werbefilm und Dudu bringt als arabischer Nachbar in Jaffa eine gute Story. Dem Maler geht es noch gut, er hat noch genügend Aufträge. Aber er ist sehr unzufrieden und traut keinem einzigen israelischen Politiker, nicht einmal einem arabischen. Sie seien alle korrupt und täten weder etwas für Jaffa, noch für ihn. Dudus erster und letzter Held war Yitzhak Rabin. Nun hofft er auf den Abgang Saddam Husseins ohne Krieg und unschuldige Opfer, damit danach vielleicht eine neue Ära im Verhältnis zu den Palästinensern anbricht.

Ist Amram Mitzna der richtige Mann zur falschen Zeit? Mich zumindest ruft er in einer äußerst ungünstigen Zeit an. Erstens habe ich schon gewählt, zweitens warte ich auf einen dringenden Anruf aus Deutschland, um live über die Wahlen zu berichten. «Hallo, hier ist Mitzna», stellt er sich vor und begrüßt «den alteingesessenen Bürger» (meinen Namen kennt er nicht). Alteingesessen? Na gut. Der Vorsitzende der Arbeitspartei gibt mir sein Ehrenwort, er würde alles tun, damit die Gesellschaft die Senioren würdigt. «Wählen Sie EMET, Mitzna», beendet er das merkwürdige Gespräch, das er an eine halbe Million ehemalige Wähler oder Sympathisanten der Arbeitspartei verschicken ließ. Die Mühe, die Neueinwanderer anzurufen, die entweder Scharons Likud oder russische Parteien wählen, hat er sich erspart.

«Die Apathie ist das Stichwort dieser Wahlen», sagt ein leitender Nachrichtenredakteur, der anonym bleiben will. Er habe schon drei Wahlkämpfe mitgemacht, sich aber noch nie so gelangweilt wie jetzt. Es ist früher Nachmittag und er macht eine Pause, um wählen zu gehen. Seine Wahlentscheidung will er nicht preisgeben, nur dass er sich immer noch nicht ganz entschieden hat und seine Stimme «mit schwerem Herzen» abgibt, nicht mit Begeisterung. Die Wahlnacht endet dennoch in einem historischen Moment. Auf der Bühne des Kulturzentrums Zawta in Tel Aviv verkündet Yossi Sarid, der Vorsitzende der linken Meretz-Partei, seinen Rücktritt. Um 22 Uhr kommen auf der großen Leinwand die Prognosen der drei Fernsehsender: demnach stürzt die Meretz (auf Hebräisch «Temperament») von 10 auf 8 bis 5 Mandate. Dennoch empfangen ihn die 150 zumeist jungen Aktivisten mit standing ovations.

Sarid steigt auf die Bühne und sagt: «Wir haben den Preis für unsere Positionen bezahlt.» Das enttäuschende Ergebnis erklärt er zum einen mit der Regierungsbeteiligung der Arbeitspartei und damit, «dass wir als Araberfreunde gelten». Sarid zeigt sich sicher, dass die nächsten Wahlen in ein bis zwei Jahren stattfinden werden. Nun kommt er zum Höhepunkt: «Jemand muss die Verantwortung tragen, der Parteivorsitzende, den ich persönlich kenne. Ich trete zurück!» Die Zuhörer schreien «Nein», vielen stehen die Tränen in den Augen, aber Sarid macht weiter: «Wir haben andere Normen als die anderen. Ich allein trage die Schuld und trete hiermit nach drei Wahlkämpfen zurück.» Auf der Leinwand hinter ihm strahlt schon der neue Sieger: Der Chef der Zentrumspartei Schinui, Josef (Tommi) Lapid.