Der Gossenreport02. Okt 2006 07:13  |  Soll mal einer sagen, es gehe in der 'Bild'-Zeitung nur um Politik! | Foto: dpa |
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Ist es cool oder uncool, die «Bild»-Zeitung schrecklich zu finden? Beobachtungen von einer Veranstaltung in Kreuzberg.
Von Michael Angele Ich bin weder Politiker, noch ein Promi aus Film oder Verlagswesen. Mit anderen Worten, ich bin von der «Bild»-Zeitung nicht abhängig. Ich kann also frank und frei sagen, dass ich dieses Blatt nicht besonders mag. Der Ekel Ich bin allerdings kein fanatischer Gegner. Meistens versuche ich, mich zur «Bild»-Zeitung wie zum militanten Islamismus zu verhalten - mit «heroischer Gelassenheit» (Herfried Münkler). Eine Haltung die Gerhard Henschel vermutlich nicht teilt. Er ist der Autor des «Gossenreports»; das Buch verkauft sich sehr gut. Am Freitag wurde es im Kreuzberger Festsaal vorgestellt. Für Henschel ist die «Bild»-Zeitung eine gigantische Dreckschleuder. Das Wort «Dreck» fiel sehr oft an diesem Abend, zusammen mit dem ebenfalls problematischen Wort «Mob». Ein begabter Satiriker, wie Henschel selbst einer ist, könnte daraus eine Textcollage anfertigen, bei der einem das Lachen im Hals stecken bliebt. Andererseits kann kein vernünftiger Mensch bestreiten, dass die «Bild»-Zeitung ekelhafte Dinge macht. Zum Beispiel berichtete sie über einen Spanner, der Eva Herman nachgestellt hat und stellte das Fotomaterial so zusammen, dass der Leser selbst zum Spanner von Frau Herman wurde. Ein Kritiker von Format Solche Doppelmoral ist empörend. Aber was einige noch mehr empört, ist die Tatsache, dass die Papst-und-Tittenmischung gesellschaftsfähig geworden ist. Die Zeitschrift «Schlüsselloch» fliegt nicht im Kanzlerjet mit, die «Bild-Zeitung» schon, meinte Henschel. Das bildet auch für den Publizisten Gustav Seibt das eigentliche Skandalon. Er hat den «Gossenreport» in seiner «Süddeutschen Zeitung» groß besprochen. Seibt saß mit Henschel auf der Bühne. Er berichtete vom überwältigenden Echo auf seine Rezension. Gerade von den Kollegen sei viel Zuspruch gekommen. Das verwundert nicht, denn viele Journalisten ballen die Faust gegen die «Bild»-Zeitung. Besser gesagt: gegen das allseitige Geklungel mit dem Blatt. Sie ballen die Faust aber lieber in der Tasche. Mit Gustav Seibt hat sich die «Bild»-Zeitung nun einen Kritiker von Format aufgehalst. Seibt könnte seine Kritik vermutlich auch in flüssigem Latein vortragen. Er steht für einen Begriff von Bildung, der selten geworden ist, und der sich, wo es ihn noch gibt, mit so etwas in der Regel nicht abgibt. Wie hast Du's mit dem Teufelsblatt? Seibt findet das Buch gut, wollte auf der Bühne aber auch den Advocatus Diaboli geben. Also die «Bild»-Zeitung verteidigen. Er erinnerte daran, dass es in der langen Pressegeschichte immer Boulevard gegeben hatte. Schon im Barock. In diesem Zusammenhang zitierte er Hans Magnus Enzensberger: «Die 'Bild'-Zeitung ist eine anthropologische Möglichkeit. Wir müssen mit ihr leben wie mit der Atombombe.» So halten es viele Pop-Intellektuelle, die von den 80er Jahren geprägt wurden. Vermutlich sind sie in ihrer Haltung ein bisschen zu cool und auch feige geworden. Die Schlagzeile «Wir sind Papst» reicht auf Dauer eben nicht, um das Blatt
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zu finden. Bei ihnen trifft Henschel, Jahrgang 62, mit seinem elementaren Ekel einen Nerv. Ich will mich da nicht ausnehmen. Und bei der jüngeren Generation? Es saßen ja überwiegend junge Menschen im Publikum. Äußerlich unauffällig, keine zotteligen Bartträger. Recht viele Frauen. Schwer zu sagen, wie der wortgewaltige und mit Dia-Beispielen unterstütze Abend auf sie wirkte. Vielleicht ein wenig retro. Vermutlich auch wahrhaftig. Aber auch sie werden sich gewundert haben, dass das Bildblog mit keinem Wort erwähnt wurde.
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