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26.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Man findet mich in Block G, auf der Tribüne 11, vor dem Sitz 279.
Der Support
Zu meiner Rechten steht eine junge Frau aus der Türkei. Sie trägt ein Trikot der deutschen Elf und heißt Astrophel. Links von mir hat sich ein imposanter Trupp Russen hingestellt. Sie unterstützen verschiedene Mannschaften, auch Russland ist ja bei der WM nicht dabei.
Meine Nachbarin, Kckflipowa heißt sie, ist für Togo. Ich trage das Trikot der Schweizer Nationalmannschaft. Die Schweiz und Togo sind Gegner in der Vorrunden-Gruppe G. Kckflipowa und ich haben uns kurz abgesprochen. Es wird keine Probleme geben.
Auch mit der Türkin Astrophel wollte ich mich aus bekanntem Grund wüste Szenen beim WM-Qualifikationsspiel in Istanbul kurz verständigen. Sie hat nicht geantwortet. Sie steht einfach nur da und lächelt. Mehr kann man für den Frieden nun wirklich nicht tun.
Rekordversuch
Im Moment, wo ich dies schreibe, sind exakt 141 Landsleute von Astrophel im Stadion. Das größte Kontingent an Fans stellen die Deutschen, gefolgt von den Schweizern, den Argentiniern und den Russen. Insgesamt sind wir nun 34.236 Fans, alle stehen wir da und lächeln.
Das Stadion, es trägt übrigens keinen Namen, wurde vor gut einem Monat eröffnet, der Eintritt ist frei, der Weg zu seinem Platz nur wenige Schritte lang.
Erbauer und Besitzer sind vier Mitarbeiter einer Nürnberger Werbeagentur, sie haben das Projekt in ihrer Freizeit entwickelt. Gegönnt sei ihnen, dass sie in ihrem Stadion auch ein wenig Merchandising betreiben, Bannerwerbung und T-Shirts verkaufen. Vor allem aber sind sie ehrgeizig. Ihr Ziel ist es «einen Rekord aufzustellen: das größte, jemals im Internet existierende Stadion zu errichten».
Das reine Warten
Ihre Chancen stehen gut. Wie schreibt Elias Canetti in Masse und Macht doch so lapidar: «Die Masse will immer wachsen.»
Es ist wichtig zu betonen, dass wir dabei nicht sitzen, sondern stehen. «Das gemeinsame Stehen vor Gott ist eine in manchen Religionen verbreitete Übung», meint Canetti weiter und warnt, dass es dabei «zu plötzlichen und heftigen Entladungen» kommen kann.
Für uns sehe ich da keine Gefahr. Gewiss stehen auch wir vor einem Gott, er heißt Fußball, aber wir tragen keine Aggression in uns. Wir verkörpern das Warten in seiner reinsten, unschuldigsten Form.
Und das Spiel, das uns tatsächlich heiß machen könnte, das findet dann ja ganz woanders statt.

