netzeitung.deWie ich einmal die Schweizer beleidigte

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Schweizergradisten in Verteidigungshaltung (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Schweizergradisten in Verteidigungshaltung
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wer es nicht versteht, die Gefühle anderer Völker und Kulturen zu respektieren, muss büßen. Der Kolumnist kann ein Lied davon singen.

Von Michael Angele

Ich lebte fünfundzwanzig Jahre in der Schweiz, als es mir eines Tages zu viel wurde.

«Euer Lieblingskomiker heißt Emil, und wenn er vor seinem Kreuzworträtsel sitzt und über 'Gratulieren mit vier Buchstaben' grübelt, lacht Ihr euch scheckig, gratuliere. Euer Lieblingsfilm ist Ein Buchhalter namens Nötzli, Und Euer Traumpaar? Kurt Felix und Paola – leckt mich, vermehrt Ihr Euch eigentlich durch Zellteilung?» Schrie ich auf.

Schimpf und Schande

Und weiter:

«Über Eure Fußballnationalmannschaft, Nati nennt Ihr sie, lacht die ganze Welt, man muss sich ja schämen. Schämen muss man sich auch für Euere Musik, für das Jodeln und den Hudigäggeler, und in den Boden versinken vor Scham möchte man, wenn einer von Euch im deutschen Fernsehen auftritt und kaum zu verstehen ist.»

Ich war nicht mehr zu bremsen:

«Euer Heidi hat nie existiert, Tell, der reinste Mythos, ich verweise auf die hervorragende Schrift von Max Frisch, Wilhelm Tell für die Schule, und Euer Heiligstes, die Neutralität, ist nur ein anderes Wort für Feigheit, Ihr Schwachköpfe.»

Nun wurde es auch den Schweizern zu viel. Sie gingen auf die Straße.

Fäuste wurden geballt, Morgensterne geschwungen, Transparente hochgehalten: «Wir lassen uns das Recht auf eine gewissenhafte Buchhaltung nicht nehmen», stand da, und «Emil ist groß» und «Moskau einfach!», denn es war noch die Zeit des Kalten Kriegs.

Ich flüchtete, aber nicht nach Moskau, sondern nach Westberlin.

Schuld und Sühne

Viele Jahre musste ich mich in einer Weddinger Hinterhofwohnung verstecken. Ich trug einen falschen Namen und einen Bart. Im Winter herrschten Temperaturen bis Minus dreißig Grad, im Sommer gingen die Fenster der Nachbarn auf, und das nackte Elend drang an mein Ohr. Ich verfluchte mein Schicksal.

Bis mich eines Tages der damalige Botschafter Thomas Borer aufspürte. Er zeigte mir ein Bild von Shawne Borer-Fielding und sagte stolz: «Nun geben Sie schon zu, wir Schweizer haben uns verändert.»

Ich gab es erleichtert zu und gestand, dass ich damals mit meinen Provokationen zu weit gegangen war. «Aber Herr Borer, ich habe gebüßt für meine Fehler, das können Sie mir glauben.»

Heute kann ich mich einigermaßen frei bewegen, und wenn ich auf der Straße einen Landsmann höre, gehe ich auf ihn zu und frage freundlich, ob der Emil Steinberger noch lebt und sich die Nati auch gewissenhaft auf die WM vorbereitet.