Das Gesetz der Serie
Dabei ist es in diesem Fall nicht so arg. Dass nach Bad Reichenhall kurz darauf in Aying, Salzburg, Jennersdorf, Linz und anderen Orten die Dächer «eingestürzt» sind, kann man ja dem Schnee in die Schuhe schieben.
Serieller Wert
Andere Serien waren da beklemmender: Warum fingen plötzlich die Kampfhunde an zu beißen, warum stürzten plötzlich die Kinder aus Berliner Fenster und warum wollten auf einmal die Concorde-Jets nicht mehr in der Luft bleiben? - um Fälle zu nennen, die vermutlich kaum noch einer erinnert.
Längst vergessen oder nie gewusst, je nachdem, welche Medien man konsumiert. Denn eines ist klar: Massenmedien beeinflussen in irgendeiner Weise unser Wissen von den Serien.
Sie tun es allein dadurch, dass sie Dinge vermelden, die ohne ihren seriellen Wert nie vermeldet worden wären.
Ein Unglück kommt selten allein, sagt man
Hätte es das schreckliche Unglück in Bad Reichenhall nicht gegeben, hätte von den anderen Vorkommnissen hierzulande niemand erfahren.
In mindestens zwei der Fälle stürzte in Wahrheit noch nicht einmal etwas ein. Eine Filialleiterin in Linz und eine Geschäftsinhaberin in Jennersdorf hatten bloß Verformungen am Dach festgestellt, worauf der Schnee von selbigem geholt wurde.
Das aber gibt der Serienforschung zu denken. Kreiert das massenmediale Wissen von Serien diese gleichsam mit?
Hat die Filialleiterin die Verformung nur bemerkt, weil sie unter dem Eindruck des Unglücks in Bad Reichenhall stand? Und wurde – wie zu lesen war - in Salzburg das Autohaus neben der eingestürzten Bowlinghalle nur deshalb geräumt, weil ein magisches Seriendenken von den Verantwortlichen Besitz ergriffen hatte?
Serien «da draußen»
Der französischen Regierung war klar, dass die mediale Aufmerksamkeit die Serie der brennenden Autos erheblich vergrößerte. Deshalb legte sie den Medien Zurückhaltung in der Berichterstattung auf.
Umgekehrt fällt man in seinem Serienwissen sofort in ein schwarzes Loch, wenn diese Aufmerksamkeit abklingt. Hat man in den Banlieus wieder das Niveau von täglich rund 100 Abfackelungen erreicht, wie es vor ihrer gleichsam serienmäßigen Erfassung üblich war?
Was also passiert mit einer Serie, wenn sie für die Medien zu Ende ist? Und gibt es Serien «da draußen», von denen wir noch nicht einmal etwas ahnen?
Paul Kammerer
«Aber selbstverständlich», hätte Paul Kammerer, der Pionier der Serienforschung, vor rund hundert Jahren geantwortet.
«Seriell» nannte der Biologe alle Folgen oder Häufungen ähnlicher Ereignisse, die sich nicht auf ein kausales Verhältnis zurückführen lassen. Den Zufall respektive die statistische Wahrscheinlichkeit konnte er nicht gelten lassen.
Von «sinnvollen Zufällen» sprach sein Biograph Arthur Koestler.
Dahinter steckte die großartige Vorstellung eines «Weltkaleidoskops», das Gleiches zu Gleichem wirft. Nur soviel sei hier gesagt: es basierte auf der Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen.
Dem Seriensammeln zuliebe
Dem Serienforscher Kammer war natürlich nicht entgangen, dass die ursprünglich orientalische Lehre der ewigen Wiederkehr des Gleichen «fast gleichzeitig» bei Friedrich Nietzsche, Louis Blanc und Gustave Le Bon auferstanden war.
Wer Serielles sehen will, der sieht es eben auch. Kammerer sah und sammelte wie besessen. Das meiste stammte aus persönlichem Erleben (vieles davon mit Zahlen) oder den Erzählungen von Freunden. Weniges aus den Massenmedien.
Was für eine Duplizität der Fälle!
Aber nicht das Geringste. Dem «Seriensammeln zuliebe» griff er regelmäßig zur «Wiener Mittagszeitung»:
– Im Frühling 1906 las ein Wiener Professor für Physik über Radioaktivität, und der Entdecker des Radiums Pierre Curie starb.
– Im Herbst 1906 dozierte derselbe Professor über Theorie der Gase, und der Molekularfoscher Luwig Boltzmann nahm sich das Leben.
«Der Selbstmord des berühmten Physikers Boltzmann» - so die «Wiener Mittagszeitung» weiter – «erregt um so größeres Aufsehen, als er sich wenige Wochen nach dem Selbstmord des Berliner Physikers Drude ereignete, ein Beispiel jener Duplizität der Fälle, wie sie im medizinischen Aberglauben eine gewisse Rolle spielt».
Das Gesetz der Serie
Aberglaube konnte Kammerer in diesem Gelehrten-Horror gewiss nicht sehen.
1919 veröffentlichte er dann sein Buch «Das Gesetz der Serie», dessen Titel sprichwörtlich wurde.
Fünf Jahre später starb er durch Freitod, nachdem ihm Fälschungen bei Experimenten mit Geburtshelferkröten vorgehalten wurden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und nur zu gerne wüsste man, was er von unseren einstürzenden Dächern, beißenden Kampfhunden und brennenden Autos gehalten hätte.
