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Lupe Der Amazon-Effekt

Wie die Generation Netto hierzulande in ungeahnte Bereiche vordringt. Und was die Japaner dagegen tun.

Von Michael Angele

Die Japaner sind toll. Wissen, was ein kostbares Buch ist, wissen, dass es seinen Preis hat. Bedanken sich, wenn die Ware angekommen ist. Und bezahlen immer. Manchmal dauert es eine halbe Ewigkeit, aber noch nie blieb eine Rechnung offen.

Extremporto

«Mir hat einer gesagt, es habe mit Ehre zu tun», sagt Umbra, der Antiquar. Er ist 44 Jahre alt, kräftig, das Haar ist lang, warum sollte er es kürzen?

Die Japaner bestellen bei ihm, was die Deutschen kaum noch sammeln. Teure Gesamtausgaben, wichtige Musikpartituren.

Sie sind richtig heiß auf die Ware. Neulich hat einer einen Atlas bestellt, der 400 Euro kostete. Dazu kamen 600 Euro Portokosten. Express.

Umbra weiß wenig über diese Japaner, er kann ja nicht einmal ihre Adressen lesen. Er kopiert sie aus den Mails und klebt sie auf das Paket.

Sammlerleiden

Die Japaner sind ein Segen – er hat ihn dem Internet zu verdanken. Andererseits ist das Internet auch ein Fluch. Für Sammler alten Schlags.

«Früher musste man nach einer Erstausgabe von Thomas Mann lange suchen. Heute klickst du das

ZVAB an, in Sekundenschnelle kommen 66 Treffer. Für viele Sammler ist das der totale Frust. Es gibt solche, die gucken gar nicht mehr ins Netz, die rufen an, und fragen, ob ich etwas Schönes da habe. Sie wollen einfach das Gefühl haben, wieder einmal etwas Besonderes entdeckt zu haben.»

Einmal im Monat kommt ein solcher Sammler im Laden vorbei. Mit ihm kann er sich angeregt über Bücher unterhalten. Er versüßt ihm das Leben.

Der Normalfall ist er nicht.

Die Laufkundschaft

Der Normalfall kommt nun herein. Eine Jeansbraut, die nach Esoterik fragt. «Habe ich nicht.» Die junge Frau giftet zurück: «Warum nicht?» Er schickt sie nach draußen, zur Krabbelkiste.

«Wenn die ein Buch sieht, das 12 Euro kostet, fängt sie an zu mäkeln. 'Ihre Preise sind ja unverschämt, das kann ja nicht sein, das kostet neu ja nur 12'. Und dann müsste ich eine halbe Stunde diskutieren. Darauf habe ich nach acht Jahren einfach keine Lust mehr.»

Von der Laufkundschaft lebt er nicht, das reicht nicht einmal, um die Miete zu bezahlen. Sein Laden ist vor allem auch Lager für die Bücher, die er verschickt.

Er liegt in Kreuzberg, im Gräfekiez, schwierige Ecke. Auf dem Tisch der Computer, darunter ein Baseballschläger, schon öfter stand eine Jugendgang vorne in der Tür und wollte wissen, wo die teuren Bücher stehen.

«Manchmal fühle ich mich hier wie der letzte Mohikaner.»

Was bleibt, wenn der Strom fehlt

Dabei gibt es gerade in Berlin noch viele Antiquariate in solchen Ecken, meistens geführt von Männern ab fünfzig. Man fragt sich, wie die überleben.

«Anders als ich. Die haben keine drei Kinder, die haben auch keine Vorstellung, was das Leben noch so sein könnte. Wohnen in ihrem Laden, gehen nie heraus, sitzen da und können kein Englisch und tun sich schwer mit dem Computer.»

In besseren Zeiten standen sie auf den Flohmärkten. Aber die Flohmärkte funktionieren nicht mehr. Nun stehen die Privaten, die früher an die Antiquariate verkauft haben, mit ihren Kisten dort.

Umbra sucht sie auf, er macht auch Hausbesuche. Oft lohnt es sich nicht.

«Früher haben die Leute angerufen, weil sie ein Platzproblem hatten, heute haben sie ein finanzielles Problem. Da kommen auch keine guten Bücher mehr, die haben sie ja am Anfang verkauft. Wenn Leute mir sagen, 'wir können auch morgens einen Termin machen', dann weiß ich schon, was das heißt – es heißt, dass sie keinen Strom mehr haben.»
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Der Amazon-Effekt

Umbra ist auf wissenschaftliche Bücher spezialisiert. Da geht auch in Deutschland noch was. Zwar haben die meisten Institutionen kein Geld mehr, aber die Professoren selbst bestellen.

Allerdings sind es die gleichen Professoren, die ein Buch anfordern, mal eben kopieren, und dann wieder zurückschicken. «Ich bin doch keine Leihbibliothek», denkt er dann. Dabei ist es legal, der Gesetzgeber gewährt vierzehn Tage Rückgaberecht.

Viele zahlen noch nicht einmal das Rückporto.

Kein Wunder, wenn man den «Amazon-Effekt» bedenkt. Amazon liefert Bücher versandkostenfrei. Das führt dazu, dass die Kunden möglichst wenig Porto bezahlen wollen. Also setzt er das Porto runter, erhört dafür den Buchpreis.

Er hält es für «Volksverarschung». Aber es funktioniert.

Den Japanern ist das alles egal. Den meisten jedenfalls. Einen gibt es, der tatsächlich ans Portosparen denkt, er kommt einmal im Jahr persönlich vorbei, ein Liebhaber der klassischen Philosophie.