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Lupe Hilfe, Verschwörung!

Rot-Grün witterte eine «Verschwörung der Presse» (Ottfried Fischer), die Presse streitet es ab. Damit so etwas nicht wieder vorkommt: Wie kann der Politiker eine Verschwörung erkennen? Wie sich dagegen schützen? Eine Handreichung ...

Von Michael Angele

Wenn zu befürchten ist, dass gegen Sie konspiriert wird, sollten Sie erst einmal klären, ob es sich nicht um eine Intrige oder eine Kampagne handelt. Beides kommt relativ häufig vor und ist zwar schmerzhaft, aber leicht zu beheben. Meistens helfen Rechtsanwalt und Gegendarstellung.

Verdächtige Zeichen

Können Intrige und Kampagne ausgeschlossen werden, ist eine ausführliche Anamnese erforderlich. Welche verdächtigen Dinge wurden in letzter Zeit bemerkt? Gab es Situationen – in Pressegesprächen, auf Stehempfängen und dergl. –, die plötzlich unheimlich wurden? Notieren Sie es.

Hier eine klassische Situation aus der Literatur. Wir sind in einem Gerichtssaal:

«Unter den Bärten aber – und das war die eigentliche Entdeckung, die K. machte – schimmerten am Rockkragen Abzeichen verschiedener Größe und Farben. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links...»

Sogar am Kragen des «Untersuchungsrichters» muss K. aus Franz Kafkas «Prozess» diese Abzeichen erkennen.

Aufklärung ist schwierig

Das kann ein harmloser Zufall sein, oder auf eine verborgene feindliche Aktivität hinweisen. K. vermutete, dass ihm eine «große Organisation» den Prozess machte. Allerdings konnte er seinen Verdacht nie beweisen. Er starb im Ungewissen.

Sehr unangenehm. Sollte Ihnen Ähnliches passieren – eine Meute Journalisten zwinkert sich unvermittelt zu, oder lacht an einer Stelle, an der Sie keinen Witz gemacht haben –dann sollten Sie alles daran setzen, die Sache rasch aufzuklären.

Keine leichte Sache. «Dass Verschwörer am lautesten schreien, es gäbe keine Verschwörung, kennt man seit Catilina», schrieb Peter Unfried in der

'taz' jüngst zum Thema.

Sie müssen also damit rechnen, dass man Sie anlügen wird. Verschwörungen gedeihen nun einmal in einem Klima des Argwohns und des Misstrauens. Die «Verschwörungsmentalität» nannte das der Historiker Serge Moscovici.

Zufall ausgeschlossen

Politiker kennen diese Mentalität aus der täglichen Arbeit. Um zu erkennen, wer Freund und wer Feind ist, gerade auch in den eigenen Reihen, müssen sie ihre Umwelt genauestens beobachten. Die aber fühlt sich beobachtet, und entzieht sich wenn möglich der Beobachtung.

«Ein Teufelskreis. Durch sein intensives Beobachten wird das Misstrauen verstärkt, vor dem sich der Politiker fürchtet. Er erzeugt seine paranoische Disposition mit», erklärt Ralf Klausnitzer, Konspirations- und Netzwerkforscher an der Humboldt-Universität Berlin, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Für den Paranoiker gilt aber auch, dass er «schärfer sieht» als der normale Mensch, weil ihm die «Kategorie des Zufälligen» fremd ist (Sigmund Freud). Nehmen Sie es als Trost.

Lassen Sie sich nicht verrückt machen

Allerdings sollten Sie sich nicht in etwas hineinsteigern. Viele Paranoiker glauben, dass ihre Feinde mit elektromagnetischen oder radioaktiven Strahlen arbeiten. Behalten sie derartiges unbedingt für sich, Sie machen sich damit nur lächerlich. Echte Verschwörer benutzen niemals Strahlen.

Sie benutzen Worte.

Achten Sie also auf die Worte. Wenn sich gewisse Wendungen häufen, wenn in den Zeitungen plötzlich überall das selbe steht, dann ist höchste Vorsicht geboten. Lassen Sie sich nicht verrückt machen! 90 Prozent aller Verschwörungen erweisen sich bei näherer Betrachtung zwar als so genannte Verschwörungstheorien und ergo als Humbug.

Aber es gibt Verschwörungen.

Serbische Nationalisten konspirierten wirklich gegen das Haus Habsburg und lösten den Ersten Weltkrieg aus. Offiziere um Claus Schenk Graf von Stauffenberg verschworen sich wahrhaftig gegen Hitler und scheiterten. Und die Chefs von Bild, Spiegel und FAZ trafen sich tatsächlich im Berliner Restaurant «Borchardt», um die Rechtschreibreform zu kippen (

'Geheimsache ß').

Binden, nicht bekämpfen

Was kann man tun? Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Ralf Klausnitzer rät, frühzeitig ein «Beziehungsgeflecht aufzubauen, das potentielle Abweichler dauerhaft an sich bindet».

Wie das Beispiel Schröder zeigt («Bild, BamS, Glotze»), funktioniert das nicht immer. Ebenfalls nicht immer Erfolg versprechend ist es, den Gegner zu ignorieren («Spiegel» und «Stern» bei Kohl).

Und wenn die Verschwörung in vollem Gange ist, ist es leider meist zu spät. Der einfachste und schwierigste Rat deshalb zum Schluss: Sorgen Sie dafür, dass niemand einen Grund hat, sich zu verschwören.