Al Dschasira: 

netzeitung.deFrust im Orient

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Wo westliche Kameras nicht sind: Al Dschasira (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wo westliche Kameras nicht sind: Al Dschasira
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Al Dschasira erobert westliche Kabelkanäle. Das englischsprachige Programm des Senders verblüfft durch Themen wie Aids, doch trotz aller Liberalität klappt es nicht immer mit der Ausgewogenheit.

Von Christian Bartels

Sergej Barbarez und Bernd Schneider auf Al Dschasira? Jawohl, die Tore, die Bayer Leverkusen im Uefa-Cup gegen Besiktas Istanbul am Ende doch noch schoss, werden am Tag danach in den Nachrichten des Senders gezeigt. Werbung für den neuen «James Bond» auf Al Dschasira? Nicht direkt. Der Schweizer Uhrenhersteller Omega ist es, der mit der bekannten Musik und «Casino Royale»-Ausschnitten für sich wirbt.

Das englischsprachige Al Dschasira-Programm sendet seit Mitte November. Zu empfangen ist es in Deutschland auf digitalem Weg über Satellit und in diversen Kabelnetzen. Kostenlos sehen lässt sich das Programm online im Real Player, wobei die Bildqualität allerdings weit hinter allem zurückbleibt, was inzwischen an Bewegtbildern im Internet läuft - und das ist Kalkül: Als «High Quality 24/7 live stream» lässt sich der neue Nachrichtenkanal für 17,50 Euro pro Monat im Paket etwa mit MTV und CNN abonnieren.
Normale Leute
Die Real Player-Option funktioniert nur für jeweils 15 Minuten, aber so oft man möchte. Und «Aljazeera English» zu sehen, ist kurzweilig. Visuell und akustisch kommt der Sender modern daher. In flottem Wechsel wird aus den Studios in die Welt geschaltet, gesprochen wird bestens verständliches britisches Englisch. Auch das Sounddesign der zahlreichen Spots und Trailer, die das Programm viertelstündlich unterbrechen, lässt nichts zu wünschen übrig.

Clever ersonnene Slogans à la «one world, many storys» und «ordinary people have a voice» prägen sich ein. Ziemlich oft sagt David Frost: «Al-Jazeera is the new frontier.» Der von der BBC gekommene Sir hat hier eine mit hübscher Ironie «Frost Over The World» betitelte Sendung. Gleich in der ersten Ausgabe interviewte er Tony Blair, der den Irak-Krieg «a disaster from the start» nannte - ein Knüller.

Wie kleidet sich der Moslem?
Die Moderatoren, darunter viele Briten asiatischer Abstammung, strahlen geradezu das Bemühen aus, möglichen Vorurteilen entgegenzutreten. Träger orientalischer Bärte sind selten, die Frauen sind, von wenigen Interviewpartnerinnen abgesehen, unverschleiert, und smart wie die ebenfalls von der BBC gekommene «Every woman»-Moderatorin Shahnaz Pakravan.

Ein Thema freilich ist der «muslim dresscode». Über «trends emerging in the UK» diskutieren Expertinnen im Studio. Falls Schleier in bunten Farben modisch nicht interessieren: Islamisches Modedesign ist auch «a huge market». Der Sender weiß, wie er zappende Zuschauer packen kann.

Dazu gehört pragmatische Meinungsfreude: Joseph Kabila, der Wahlsieger, «is Congos's best hope yet», freilich, «he has to keep an eye on warlords», lautet eine Einschätzung nach einem Bericht aus dem Kongo. Europäische Soldaten kamen darin nicht vor, aber pakistanische Ausbilder der kongolesischen Armee. Im betont internationalen Themenmix spielt Europa eine geringe Rolle. Prinzessin Diana bildet nicht nur an einem Tag die «Top story» des Kontinents.

Wir schalten nach Gaza
Bei Beiträgen aus dem Irak bemüht man sich um ostentative Überparteilichkeit. Kaum sagte ein Bagdader zur US-Invasion: «We were happy before», da wird auch schon ein US-Flugzeugträger als «microcosm of American society» vorgestellt.

Dann geht es um die indonesische Provinz Aceh; die Verwüstungen durch den Tsunami vor zwei Jahren sind in großen Teilen noch immer nicht behoben. Gerade ist die Frage aufgeworfen, ob die Arbeit mit Spendengeldern für Organisationen wie die Oxfam ein «Business» ist, da wird der Bericht für eine Schaltung nach Gaza unterbrochen: Dort hält der palästinensische Regierungschef Ismail Hanija eine etwas langatmige, aber kämpferische Rede. Es geht um den blutigen Machtkampf zwischen der Hamas und der Fatah - und das ist kurz darauf auch bei deutschen Onlinemedien Topthema.

Araber sind ziemlich «frustriert»
Bei Beiträgen aus Israel und Palästina zeigt sich erwartungsgemäß am deutlichsten der Kampf um die Bilder und ihre Deutung durch Worte, in den schon das arabisch-sprachige Al Dschasira eingriff, mit dem gewaltigen Erfolg, dass es 2004 in einer globalen «Marken-Weltrangliste» vor Coca-Cola Rang fünf belegte.

Hier lässt sich jedem Wort Bedeutung beimessen und es dürfte sich auszahlen, selbstbewusste BBC-Stars eingekauft zu haben. Selbstmordattentäter «Märtyrer» zu nennen - der häufigste Vorwurf an das arabische Pendant - will das englischsprachige Al Dschasira natürlich nicht. Doch was im offiziellen Israel und bei US-Nachrichtensendern «targeted killing» genannt wird, das sollte doch wohl besser «cold blooded murders» heißen, heißt es einmal.

Beim Angriff auf Beirut wird von Israels «aggressive answers» auf die Entführung zweier Soldaten gesprochen, aber von Raketenangriffen auf israelische Städte ist kein Wort zu hören - eine auch aus deutschen Medien bekannte Vereinfachung. «Frustration turns into anger», heißt es zu Ausschreitungen in Palästina, überhaupt kommt «frustration» ziemlich oft vor.

Sprechen wir über Aids
«Conservative camp is split» - diese Schlagzeile im Bildhintergrund gilt den Wahlen im Iran, einem «Test» für Präsident Ahmanedinedschads Popularität. Menschenrechte kommen in diesem Beitrag nicht vor, allerdings kommen Vertreter mehrerer Parteien zu Wort, und Reporter Mohammed Vall lässt spüren, dass für die Reformer viel auf dem Spiel steht.

Erwartungen und Befürchtungen gegenüber autoritären Regimes, Kriegs- und Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens, Vorwissen, Halbwissen und Vorurteile widerlegt und bestätigt das Programm immer wieder. Dabei geht Al Dschasira oft weit. «In a society like this, no one will accept you if you carry the virus», sagt eine anonymisierte Libanesin in einer «Every woman»-Reportage über Aids. Ob Infizierte «innocent» sind oder nicht, spiele dabei keine Rolle.

Kurz darauf behauptet Eve Ensler, die Autorin der «Vagina-Monologe», dass es auf Hebräisch wie Arabisch kein Wort für «Vagina» gebe, was für das Hebräische genauso wenig stimmt wie für das Arabische.

Das Wetter in Neuseeland
Die «stereotypes of Arabs» und Vorurteile gegen arabisch-stämmige Einwanderer beschäftigen Riz Khan, einen von CNN International gekommenen Star des Senders. Solche Probleme hätten zunächst alle Einwanderer in den USA, sagt ihm der schwarze Hollywood-Star Laurence Fishburne im Interview.

Am Ende seiner Sendung zitiert Khan Zuschauerstimmen aus aller Welt. «Mr President, please tell your people to learn from history», lautet eine SMS aus Algerien, dann ist wieder von «Israel's aggressive Actions» die Rede, dann folgt das Wetter in Neuseeland. Im Vergleich mit CNN scheint nur weniges fehlen: Newscrawls etwa, und Börsenkurse.

Al Dschasira ist weder ein kommerzielles Programm wie die US-Nachrichtensender, noch ein öffentlich-rechtliches, wie es BBC International und das neu gestartete France 24 bedingt sind, sondern etwas diffuses Drittes. Die auf eine Milliarde Dollar geschätzten Kosten für den Sender-Aufbau stammen vom katarischen Herrscher, der sich eine weitere Aufwertung seines Scheichtums zu erhoffen scheint. Das hat bei dem arabischsprachigen Sender prächtig funktioniert.

Spannend
Wer Al Dschasira länger schaut, wird einiges finden, das er nicht unterschreiben würde, und einiges, das überrascht. Natürlich lässt die Liberalität des englischsprachigen Programms wenig Rückschlüsse auf das arabischsprachige Programm zu - so wie auch CNN International nicht allzu viel über das amerikanische CNN aussagt. Jedenfalls ist die Fusion von britisch geprägtem Qualitätsjournalismus, amerikanischen Produktionsstandards und islamischen Meinungen spannend anzuschauen.

Al Dschasira ist ein Indiz dafür, dass die mediale Bedeutung des so genannten Westens und die Art und Weise, mit der er die Welt wahrnimmt, kleiner wird. Deutschland übrigens ist, von Leverkusen abgesehen, in den News des englischsprachigen Al Dschasira in den letzten Tagen kaum vorgekommen.