Der Westen und der Islam:
Die Kirche, die Toleranz und die Philosophie
Auf Flaschs Mängelliste fand sich schließlich auch der wohl wichtigste Punkt in der Papstrede wieder. Benedikt hatte bekanntermaßen die Einheit von Vernunft und Glauben, Griechentum und Christentum behauptet. Eben diese Einheit mache den feinen Unterschied zum Islam aus. Flasch wies nun darauf hin, dass die vom Papst als vernunftfeindlich kritisierten Motive des Islam auch in der christlichen Welt vorkämen.
Der Historiker erinnerte unter anderem daran, dass im Jahr 1277 der Bischof von Paris 219 Thesen der Philosophen verurteilt und gefordert hatte, der Philosoph müsse seinen Intellekt in die Gefangenschaft des Glaubens geben: «Hat je ein Papst dies dementiert?»
Doch nach 1277 wurde es immer schwerer, Positionen zu vertreten, die der herrschenden Theologie und der allgemeinen Auffassung von ihr widersprachen. Ihr wichtigster Vertreter wurde Dominikaner Nummer vier, Thomas von Aquin, der 1323 heilig gesprochen wurde. Er versuchte, die Überlieferungen von Bibel und Aristoteles in Harmonie zu bringen.
Die Hilfskonstruktionen, die Thomas erdachte, um christlicher Tradition und den Dogmen der Kirche genüge zu tun, litten aber an einem grundsätzlichen Fehler, den schon seine Zeitgenossen kritisierten: Letztendlich entwarf Thomas ein verdinglichendes, vereinfachendes Menschenbild, glaubt Flasch. Dennoch siegten die wenig eleganten Konzepte des Thomas, der zum wichtigsten Kirchenlehrer wurde, über die philosophisch stichhaltigeren Argumente von Albert, Dietrich und Eckhart. Die Netzeitung sprach mit Kurt Flasch über die arabischen Fundamente der abendländischen Kultur.

