Der Westen und der Islam: 

netzeitung.deDie Kirche, die Toleranz und die Philosophie

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Papst Benedikt XVI. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Papst Benedikt XVI.
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Die Regensburger Rede von Benedikt XVI. ist nicht nur von Muslimen kritisiert worden. Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch etwa bezweifelte die vom Papst behauptete Einheit von Vernunft und Christentum.

Als Benedikt XVI. mit seiner Regensburger Rede für Aufruhr sorgte, sah der emeritierte Philosophiehistoriker Kurt Flasch genau hin – und fand einen gravierenden Fehler: In der päpstlichen Rede war ein Kant-Zitat falsch wiedergegeben, sein Sinn entstellt worden.

Aber auch mit der historischen Korrektheit habe es der Papst, der das Christentum als im Kern tolerante Religion dargestellt hatte, nicht allzu genau genommen, urteilte Flasch. «Die christliche Welt des Westens hat von 400 bis 1800 die Toleranz nicht nur de facto nicht geübt; sie hat sie theoretisch verworfen.»

Auf Flaschs Mängelliste fand sich schließlich auch der wohl wichtigste Punkt in der Papstrede wieder. Benedikt hatte bekanntermaßen die Einheit von Vernunft und Glauben, Griechentum und Christentum behauptet. Eben diese Einheit mache den feinen Unterschied zum Islam aus. Flasch wies nun darauf hin, dass die vom Papst als vernunftfeindlich kritisierten Motive des Islam auch in der christlichen Welt vorkämen.

Der Historiker erinnerte unter anderem daran, dass im Jahr 1277 der Bischof von Paris 219 Thesen der Philosophen verurteilt und gefordert hatte, der Philosoph müsse seinen Intellekt in die Gefangenschaft des Glaubens geben: «Hat je ein Papst dies dementiert?»

Zwischen Bibel und Aristoteles
Das Verhältnis zwischen der wiederentdeckten griechischen Philosophie und den Lehren der Kirche war also schwierig. Kurt Flaschs jüngstes Buch «Meister Eckhart. Die Geburt der 'Deutschen Mystik' aus dem Geist der arabischen Philosophie» handelt von einem entscheidenden historischen Moment. Flasch analysiert dort, wie sich christliche Denker im 13. und frühen 14. Jahrhundert mit der griechischen Philosophie auseinandersetzten und an welche Grenzen sie dabei stießen.

Die Dominikaner Albert der Große, Dietrich von Freiberg und Meister Eckhart ließen sich von den arabischen Kommentatoren der aristotelischen Metaphysik inspirieren, allen voran von dem im 12. Jahrhundert in Andalusien und in Nordafrika wirkenden Averroes. Sie entwickelten auf der Grundlage der Texte der Araber originelle Antworten auf philosophische und theologische Probleme, die allerdings manches christliche Dogma ins Wanken zu bringen drohten.

Doch nach 1277 wurde es immer schwerer, Positionen zu vertreten, die der herrschenden Theologie und der allgemeinen Auffassung von ihr widersprachen. Ihr wichtigster Vertreter wurde Dominikaner Nummer vier, Thomas von Aquin, der 1323 heilig gesprochen wurde. Er versuchte, die Überlieferungen von Bibel und Aristoteles in Harmonie zu bringen.

Die Hilfskonstruktionen, die Thomas erdachte, um christlicher Tradition und den Dogmen der Kirche genüge zu tun, litten aber an einem grundsätzlichen Fehler, den schon seine Zeitgenossen kritisierten: Letztendlich entwarf Thomas ein verdinglichendes, vereinfachendes Menschenbild, glaubt Flasch. Dennoch siegten die wenig eleganten Konzepte des Thomas, der zum wichtigsten Kirchenlehrer wurde, über die philosophisch stichhaltigeren Argumente von Albert, Dietrich und Eckhart. Die Netzeitung sprach mit Kurt Flasch über die arabischen Fundamente der abendländischen Kultur.