Politischer Islam:
Wir sind jetzt alle Benedikt
22. Nov 2006 07:12, ergänzt 16:58
 |  Ahmadinedschad spricht | Foto: dpa |
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Daniel Goldhagen hält den politischen Islam für die gefährlichste politische Bewegung seit den Nazis. In Berlin erklärte der Historiker, warum die «interkontinentale Intifada» nicht unterschätzt werden dürfe.
Von Ulrich GutmairWenn Imame fordern, dass dänische Cartoonisten geköpft werden sollen, dann hat das nichts mehr mit normaler Politik zu tun, sagt Daniel Jonah Goldhagen. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat den Historiker aus Boston eingeladen, um über Europa und den politischen Islam zu sprechen, und doch sind manche Zuhörer dem eigenen Bekunden nach gekommen, um zu sehen, wie sich dieser Goldhagen wohl präsentiert, der Deutschland einst mit seiner These von Hitlers willigen Helfern in Aufruhr versetzt hatte.
Nachher ist allerdings so mancher konsterniert, weil Goldhagen in erster Linie ein Plädoyer dafür abgegeben hat, nicht zu zögern, die iranischen Nuklearfabriken zu bombardieren, wenn es nötig werden sollte. Denn der politische Islam ist die bedrohlichste politische Bewegung seit den Nazis, glaubt Goldhagen. Diese These will begründet werden, und so lässt Goldhagen auf sein Berliner Publikum eine Kaskade von Zitaten regnen, die es in sich haben.
Das kosmische Böse
Goldhagen hat keine Mühe, Beispiele für eine Rhetorik zu finden, die sich die Vernichtung von Ungläubigen, Juden, Imperialisten und Zionisten herbeiwünscht und dabei auch vor drastischen Bildern nicht zurückschreckt. In der Videobotschaft eines Selbstmordattentäters der Hamas etwa sann der junge Mann vor dem Anschlag darüber nach, das Blut von Juden nicht nur zu vergießen, sondern sich in einem ultimativen Akt des Siegs ebendieses Blut einzuverleiben. Goldhaben spricht hier von «archaic bloodlust», und man mag nicht widersprechen.
 |  Daniel Goldhagen | Foto: dpa |
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Doch weitaus beängstigender sind die Statements, die politische Führer im Iran und anderswo gegen Israel und überhaupt den Westen ausstoßen. Die Charta der Hamas etwa empfiehlt Goldhagen jedem zur Lektüre, um sich über den «nazihaften» Charakter der Partei-Ideologie zu informieren. In dem Papier werden alle erdenklichen antisemitischen Stereotype aufgelistet, die Juden erscheinen schlechterdings als «cosmic evil», wie Goldhagen knapp zusammenfasst. Laut Hamas steckten die Juden nicht nur hinter der Französischen und der Oktoberrevolution, sondern auch hinter der Gründung der Vereinten Nationen und der Entfachung des Ersten Weltkriegs.Überhaupt, schreiben die Ideologen der Hamas, habe es keinen Krieg auf dem Planeten gegeben, der nicht die Handschrift der Juden trüge. Die bloße Existenz Israels fordere den Islam und jeden Muslim heraus. Dass radikale Islamisten in Palästina einen Gottesstaat errichten wollen, ist zwar kein Geheimnis. Doch diese Programmatik habe, wie überhaupt die Ideologie des politischen Islam, einen genozidalen Charakter, Selbstmordattentate bezeichnet Goldhagen als «proto-genozidale Gewalt.»
Die interkontinentale Intifada
Entscheidend ist für Goldhagen dabei aber, dass Israel nicht der eigentliche Gegner des politischen Islamismus ist, sondern von dessen Theoretikern in erster Linie als imperialistischer Vorposten des Westens betrachtet wird. Auch dafür lässt sich schnell ein Nachweis finden, nämlich in der Rede des als moderat geltenden ehemaligen iranischen Staatspräsidenten Haschemi Rafsandschani zum Al-Quds-Tag im Jahr 2001. Dort begreift er Israel als Gebilde, das an der Nabelschnur des westlichen Kolonialismus hänge. Der Westen wiederum firmiert in der politischen Rhetorik der Islamisten daher schlicht als «die Arroganz».
 |  Rafsandschani doziert | Foto: dpa |
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Der Karikaturenstreit und der Aufruhr wegen der polemischen Rede Papst Benedikts bestätigen laut Goldhagen die These, dass es der politische Islam selbst ist, der von einem blutigen Kampf der Kulturen halluziniert, den es zu gewinnen gilt. Radikale Imame auf der ganzen Welt forderten nicht nur den Tod der dänischen Karikaturisten. In Somalia wurde dazu aufgerufen, den Papst zu jagen, in Ostasien wurde der Tod des Papsts wegen dessen «blasphemischer Äußerungen» gefordert. In London trugen Demonstranten Schilder mit der Aufschrift: «Der Islam wird Rom erobern.» Das alles trage zur gezielten Einschüchterung des Westens bei, laut einer - allerdings minder wichtigen Stimme aus dem Libanon - habe der Krieg gegen den Westen längst begonnen. Daher seien wir jetzt alle Dänen, Juden, Benedikts, und somit erklärtes Ziel einer «interkontinentalen Intifada», glaubt Goldhagen.
Über die Bombe nachdenken
Die Drohungen und Parolen der Islamisten, wie sie ständig geäußert werden, dürften nicht als bloße megalomanische Fantasien missverstanden werden, sondern müssten ernst genommen werden. Denn Genozide fänden statt, wenn sich genozidale Absichten mit der Gelegenheit träfen, sie durchführen zu können. Das sei 1904 beim Völkermord an den Herero genauso gewesen wie 1939, als Hitler die «Ausrottung» des jüdischen Volks in Europa proklamierte. Das aber sei ein weiteres Merkmal von Genoziden: Sie würden in der Regel vorher angekündigt. An Ankündigungen aber mangele es leider nicht. Rafsandschani etwa dachte laut darüber nach, was passieren würde, wenn die islamische Welt einst über dieselben Waffen verfügen würde, die Israel jetzt besitze. Dann «wird die imperialistische Strategie zum Stillstand kommen, weil die Anwendung auch nur einer Atombombe Israel völlig zerstören würde. Der islamischen Welt jedoch würde sie nur begrenzte Schäden zufügen. Es ist nicht irrational, über eine solche Möglichkeit nachzudenken.» Wenn Iran über Atomwaffen verfüge, sagte Rafsandschani außerdem, würden diese im Hinblick auf Israel «nicht nur zur Abschreckung dienen».
Ahmadinedschads Ultimatum
Überhaupt müsse der Westen aufpassen, dass es nicht zu einer Konfrontation zwischen den «hingebungsvollen, nach dem Märtyrertod strebenden Kräften» und den «Zentren der arroganten Macht» in Form des Dritten Weltkriegs komme, raunte Rafsandschani.
 |  Militante Hamas-Parteigänger in Gaza | Foto: AP |
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Sein Nachfolger Mahmud Ahmadinedschad nahm vor kurzem ebenfalls einen Al-Quds-Tag zum Anlass, um Europa zu warnen: Europa müsse sich von der Terroristengruppe der israelischen Führung distanzieren. «Das ist ein Ultimatum. Beschwert Euch morgen nicht!» Wenn der Sturm beginne, bliebe er möglicherweise nicht auf Palästina beschränkt, sondern auch die Europäer könnten darunter leiden. Interessanterweise wurde das Ultimatum vom Oktober von vielen europäischen Medien nicht gemeldet.Angesichts einer möglichen nuklearen Bedrohung durch den Iran könnte sich die amerikanische Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit veranlasst sehen, mit militärischen Mitteln gegen das Atomprogramm vorzugehen, glaubt Goldhagen. Allerdings wird über die Frage, ob es ein solches Atomprogramm gibt, zwischen Pentagon und CIA derzeit heftig gestritten.
Özdemir fragt nach
Die wichtigste Frage stellt Cem Özdemir nach Goldhagens ausdauerndem Vortrag: Was denn nun die Konsequenz dieser Rede sei? Özdemir widerspricht Goldhagen außerdem in einem zentralen Punkt. Die wahre Intention des politischen Islams sei nicht der Kampf gegen den Westen, sondern der Kampf um die politische Vorherrschaft in den jeweiligen Ländern, in denen er aktiv sei. Goldhagens Begriff sei ohnehin unpräzise, insofern er die Gräben zwischen einzelnen Fraktionen und Organisationen des politischen Islam genauso ignoriere wie die Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten. In Bezug auf den Iran bemerkt Özdemir, dass diejenigen Teile der Bevölkerung, die sich für mehr Demokratie aussprächen auch diejenigen seien, die sich für die friedliche Nutzung der Kernenergie einsetzten. Die Bedrohung durch den politischen Islam sei allerdings real. Eine Möglichkeit bestünde darin, Israel in die Nato einzubinden, um ein klares Signal an den Iran zu senden. Man müsse aber vor allem Realpolitik treiben und alles daransetzen, die Muslime für sich zu gewinnen und den Block zu spalten. Goldhagen beantwortet Özdemirs zentrale Frage mit dem Geständnis, dass die Entwicklung nicht vorauszusehen sei: «It's hard to know how it's gonna play out.»