Punk in der Schweiz:
Als die Welt noch schwarzweiß war
04.12.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Er stand in der Mitte der Menge. Er sah aus wie Captain Sensible zu seinen besten Zeiten. Unter seinem langen Mohairmantel schwitzte er bestimmt wie blöd, aber er hörte nicht auf, den Pogo zu tanzen. Rauf und runter, rauf und runter. Wie ein Gummiball. Er war prima in Form. Vermutlich hat er 30 Jahre lang einfach geschlafen. Keiner kannte ihn.
No Fun!
Gemeint ist ein Gast bei der Buchpremiere von «Hot Love. Swiss Punk&Wave 1976-1980» vor ein paar Wochen im Club Mascotte in Zürich. Die meisten haben natürlich nicht geschlafen all die Jahre. Die Sängerin von Mother's Ruin zum Beispiel arbeitet heute als Kinderpsychologin. Und von den beiden Machern des bekanntesten Schweizer Fanzines - «No Fun» - verkauft der eine seit Jahren Snowboards in den Alpen, der andere produziert in Zürich Pornofilme.
Manche haben eine Familie gegründet, einige haben ihre Kinder ins Mascotte mitgenommen. Die nehmen nun mit ihren Digicams und Handys die Mother's Ruin auf, die für einen Song nochmals auf die Bühne gekommen sind, und eine All-Star-Swisspunkband, die alte Songs von Rudolph Dietrich spielte. Wie «Hot Love», der dem Buch den Titel gab.
Im Erpresserbriefstil
Die Digicams gab es natürlich noch nicht, als dieser Song entstand. Damals gab es die «Zerox-Machine», die Adam Ant 1979 in einem Song verewigte. Mit diesen Geräten kopierte man sein Fanzine. Heute sind diese Heftchen wichtige Dokumente jener Zeit. In «Hot Love» sind viele abgebildet, typographisch dominiert die Collage, der Erpresserbriefstil. Und siehe da, auf Seite 141 finde ich es: The Gigolo. Nummer 3. Mit Berichten über Discharge, Hermanns Orgie, die Revolts «pay no more than 1 Franc». Wir ich und mein Kompagnon Samuel Urben waren 16 Jahre alt, als wir dieses Heftchen machten.
Heute Abend ist ein Konzert/Für einmal ist die Langeweile weg, sagen Sperma in ihrer Hymne an die «Züri Punx». Ohne die Langweile ist der Punk nicht zu verstehen. Es gab sie in einem Ausmaß, das uns fremd geworden ist. Natürlich langweilten wir uns nicht zuletzt, weil es weniger an Medien zu konsumieren gab auch wenn das Wort vom «Konsumterror» sogar (oder gerade) in der reichen Schweiz die Runde machte.
No Future
Das Buch «Hot Love» ist chronologisch aufgebaut. 1976 fängt es an. Das war für uns damals schon Geschichte. Wir, das ist die dritte oder gar «vierte Generation», die 1980 auf den Plan trat, dem letzten Jahr des Punks, das im Buch dokumentiert ist.
Wir waren zu spät gekommen und wir wussten es. Andererseits verstand sich Punk von Anfang als eine Verfallsgeschichte. Verrat, Ausverkauf, No Future: waren das nicht einfach mehr oder weniger treffende Umschreibungen für das barocke Vergänglichkeits-Gefühl, das ihn beherrschte?
Das macht die Lektüre des Buches noch nostalgischer. Es ist eine Reise in die Vorgeschichte unserer Mediengesellschaft. Mir kommt vor, als sei die Welt damals noch eine Folge von Schwarzweißfotografien gewesen.
YouTube
Andererseits sieht man auch die Linien deutlicher, die sich weiter zogen. Da, 1978, taucht Dieter Meier auf, der dann mit Yello eine Weltkarriere hingelegt hat. Dieter Meier ist eine Ausnahme. Die Schweiz hatte eine lebendige Punkszene, aber sie ist ein kleines Land. Fast alles, das es besser verdiente hätte, blieb eine kaum beachtete Episode.
Der Powerpop und Postpunk aus Genf zum Beispiel, mit so tollen Bands wie den Zero Heroes, die nun immerhin in diesem Buch posthum gewürdigt werden. Und zum Glück gibt es das Web und darin so wunderbare Dinge wie YouTube, das ja irgendwo, ganz, ganz entfernt, auch etwas mit Punk zu tun hat. Denn siehe da, es hat doch tatsächlich irgendein Freak ein Video der Zero Heroes ausgegraben und reingestellt.
Lurker Grand u.a.: HOT LOVE - SWISS PUNK & WAVE 1976-1980, Edition Patrick Frey, 324 Seiten, 44 Euro.

