16. Nov 2006 07:14
Es gibt wenig Orte, an denen Schwule sich noch so verstecken müssen wie im Fußballstadion. Die Netzeitung sprach mit Oliver Lück vom Fußballmagazin «Rund» über die Angst und das Doppelleben homosexueller Profis.
Lück: Zunächst einmal wird er mit diesem Geheimnis weitgehend allein gelassen. Von den Mitspielern, von den Vereinen und vom DFB. Es gibt für dieses Thema einfach noch kein Bewusstsein. Wir haben ja versucht, mit all diesen Leuten zu sprechen. Dr. Theo Zwanziger, der Präsident des DFB, wollte sich zum Thema gegenüber «Rund» nicht äußern.Und von den 36 Vereinen, die wir angefragt haben, ob sie sich an Aktionen gegen die homophobe Stimmung in Stadien engagieren wollen, haben nur sieben positiv reagiert. Auch Nationalspieler, von denen bekannt ist, dass sie liberal denken und sich sozial engagieren, wollten zu diesem Thema nichts sagen. Insgesamt ergibt sich ein erschreckendes Bild der Ignoranz. Im Fußball wird Homosexualität weitgehend immer noch verdrängt.
Das führt dazu, dass schwule Spieler mitunter ein Doppelleben führen, wo nicht einmal die Ehefrau von einem festen männlichen Partner weiß. Das ist eine Art von Selbstbeschneidung, ein großer Teil der eigenen Identität wird kastriert. Wir wissen von drei Fußballprofis – zwei aus der ersten, und einem aus der zweiten Bundesliga. Einer dieser Spieler ist an uns herangetreten, auf die anderen Spieler sind wir selbst zugegangen.
Netzeitung: Deren Namen Sie natürlich nicht nennen wollen.
Lück: Nein, die Namen sind uns auch nicht wichtig, wir wollen das Thema publik machen. Außerdem müssen die Spieler geschützt werden. Zudem könnten und wollten wir es auch gar nicht verantworten, Namen zu nennen. Das hätten wir auch dann nicht gemacht, wenn uns einer der Spieler um ein Outing gebeten hätte. Es wäre nicht abzusehen, was im alltäglichen schwulenfeindlichen Stadionklima auf diesen Sportler zukommen würde.
Netzeitung: Wenn man davon ausgeht, dass zehn Prozent der männlichen Gesamtbevölkerung schwul sind, dann könnte man von dieser Rate doch eigentlich auch beim Fußball ausgehen.
Lück: Das ist schwer zu beziffern. Wenn es so wäre, wäre es einer von elf. Ein Spieler pro Mannschaft.
Netzeitung: Kommen denn von Spielern oder Vereinen gar keine Signale?
Lück: Wie gesagt, es waren gerade mal sieben Vereine, die sich aufgeschlossen gezeigt haben, etwas gegen Homophobie zu tun. Auch Michael Preetz, der Leiter der Lizenzspielerabteilung von Hertha BSC Berlin, hat sich uns gegenüber geäußert und sich gegen Schwulenfeindlichkeit gestellt. Das ist aber noch eine der großen Ausnahmen.
Netzeitung: Und wie ist die Rolle der schwulen Fanclubs?
Lück: Erst einmal ist es wichtig, dass es sie gibt. Und dass sie sich nicht mehr wie früher heimlich in die Kurve stellen müssen. Zurzeit sind es drei in der ersten und einer in der zweiten Bundesliga, die von den Vereinen aber auch ein bisschen als Alibi benutzt werden. Um zu zeigen: schaut her, wir haben diese Clubs, bei uns ist doch alles in Ordnung. Man kann auch nicht sagen, dass schwule Fanclubs im Aufwind wären. Teilweise ist es eher so, dass die Mitgliederzahlen stagnieren.
Netzeitung: Mit welchen Konsequenzen hätte ein schwuler Fußballer zu rechnen, wenn er sich zu einem Outing entschlösse? Zumindest nach dem Karriereende wäre mit einem Enthüllungsbuch doch bestimmt auch viel Geld zu verdienen.
Lück: Es müsste auf jeden Fall eine starke Persönlichkeit sein, die sich zu einem solchen Schritt entschließt. Ein Profi, der lange Zeit auf sehr hohem Niveau mitgespielt hat. Das wäre die Voraussetzung dafür, dem Druck, der dann sicher entstehen würde, standzuhalten. Ich sehe momentan niemanden, dem so etwas zuzutrauen wäre.
Netzeitung: Ist Schwulenfeindlichkeit nur im deutschen Fußball zu beobachten?
Lück: Wir haben auch in Frankreich, Italien, England und in Holland recherchiert. Es gibt überall die gleichen Probleme, wobei in den genannten Ländern längst erste Schritte gegen Schwulenfeindlichkeit unternommen wurden. Auf dem Gebiet des Rassismus hat zum Beispiel der britische Verband schon vor Jahren einen Maßnahmenkatalog mit entsprechenden Strafen erlassen. Dinge, die beim DFB erst jetzt langsam losgehen.
Zudem wurden in England homophobe Äußerungen in den Strafenkatalog aufgenommen und Fans aufgrund ihrer Beschimpfungen verhaftet und sogar zu Freiheitsstrafen verurteilt. Auf Vereinsebene ist Manchester City ein Vorreiter, wo Homosexuelle im Verein gleichgestellt werden.
Und selbst in Italien gehen mehrere Spieler viel offener mit dem Thema um als ihre deutschen Berufskollegen. Als der Nationalspieler Alberto Gilardino von der nationalen Schwulenvereinigung zur Ikone des Jahres gewählt worden ist, hat er gesagt, dass ihm das eine Ehre ist und er sich darüber freut, wenn auch Männer ihn attraktiv finden – auch wenn er selber heterosexuell ist.
Netzeitung: Im Frauen-Profisport scheint Homosexualität kein derart starkes Tabu zu sein. Ich denke an die Tennisspielerinnen Martina Navratilova oder Natalie Mauresmo, die sich offen zu ihrer Sexualität bekennen. Ist es so, dass weibliche Homosexualität im Sport weniger stark verteufelt wird? Wie stellt sich das im Frauenfußball dar?
Lück: Intern gibt es im Frauenfußball wenige Probleme mit Homosexualität. Wir haben auch mit lesbischen Bundesligaspielerinnen sprechen können, die ihre Freundinnen zur Weihnachtsfeier des Vereins mitbringen – und da sagt niemand etwas dagegen. Sich in der Öffentlichkeit zu outen, würden diese Spielerinnen allerdings auch nicht wagen, da sie dann über Jahre vermutlich als die Vorzeigelesbe herhalten müssten.
Netzeitung: Wenn Tore fallen, umarmen und küssen sich Spieler auf dem Rasen. Ähnliches passiert auf der Tribüne zwischen männlichen Fans. Rührt die Homophobie im Fußball daher, dass etwas verdrängt wird – dass es sich also um eine strukturell sowieso homophile Veranstaltung handelt?
Lück: Ein gängiges Klischee, das wir während unserer Recherche immer wieder zu hören bekommen haben, besagt, dass der Fußball angeblich zu hart für Schwule sei oder homosexuelle Spieler zu weich. Man braucht sich nur anzuhören, was so auf den Rängen passiert, wenn Sprüche wie «steh doch auf, du Mädchen» oder «schwule Sau» fallen – das ist schon ein extrem konservatives Macho-Gehabe.
Ich weiß allerdings nicht, wovor die Menschen, die im Stadion schwulenfeindliche Tiraden loslassen, Angst haben. Der Fußball scheint der einzige Kulturkreis zu sein, wo es nach wie vor kein Bewusstsein für dieses Thema gibt.
Netzeitung: Was müsste passieren, damit sich im öffentlichen Umgang mit diesem Thema grundlegend etwas ändert?
Lück: Ein Outing kann man in diesem Klima derzeit keinem Spieler empfehlen. Den ersten Schritt müssten die Vereine und vor allem der DFB machen.
Mit Oliver Lück sprach Ronald Düker.
Die Dezemberausgabe von «Rund» wird am 22. November erscheinen.