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Li Datong: 

«Chinas Zensur wird fallen wie Berliner Mauer»

06. Nov 2006 07:57
Li Datong
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Li Datong veröffentlichte Reportagen über das wahre Leben in China, bis er entlassen wurde. Der einstige Chefredakteur des einflussreichen Magazins «Gefrierpunkt» prophezeit nun die Demokratisierung des Landes.

Li Datong wurde vor kurzem in Berlin für sein Buch «The Story of 'Freezing Point'» gefeiert. Der chinesische Journalist und Redakteur war als einer der sieben Finalisten des Lettre Ulysses Preises 2006 angereist, der für herausragende Reportagen vergeben wird.

Der heute 54-Jährige wagte es als erster Chefredakteur in China, sich mit der regierenden Kommunistischen Partei öffentlich in Hinblick auf das Thema Pressefreiheit anzulegen. In seinem Buch beschreibt er die brisanten Recherchen der von ihm geleiteten Zeitschrift «Bingdian», zu Deutsch «Gefrierpunkt», die im Januar 2006 von der Regierung eingestellt wurde. Später durfte die Wochenendbeilage des Zentralorgans der kommunistischen Jugendliga, die in einer Auflage von 400.000 Exemplaren erscheint, wieder publiziert werden, aber unter einem anderen Chefredakteur.

Nach dem Tienanmen-Massaker 1989 erhielt Li ein Berufsverbot für fünf Jahre, weil er eine Unterschriftenaktion gegen die Propagandabehörden der Partei organisiert hatte. 1995 wurde er in einer Zeit der Liberalisierung Redakteur des Magazins. Im zweitwichtigsten Parteiorgan der KP ließ er einfache Chinesen über ihr Alltagsleben berichten und mutige Reportagen drucken, in denen die Gesetzlosigkeit, Korruption, Ausbeutung der Bauern sowie die Propaganda kontrollierter Massenmedien zum Ausdruck kamen.

«Gefrierpunkt» wurde immer beliebter und für die Regierung unbequemer. Nach seiner Entlassung schrieb Li einen beißenden offenen Brief, den er ins Internet stellte. 20 Minuten später wurde dieser von der Zensur aus dem Netz entfernt. Die Netzeitung sprach mit Li Datong über die Macht der Partei und das kommende Ende der Zensur.


Netzeitung: Was war das Besondere an den Reportagen von «Gefrierpunkt», von denen Sie in Ihrem Buch erzählen?

Li Datong: Das Wichtigste für mich war es, regelmäßig wahre Geschichten ganz gewöhnlicher Chinesen zu veröffentlichen. Die offiziellen Führer waren nicht mehr die Helden unserer Berichterstattung, sondern der Mann auf der Straße.

Netzeitung: Der unmittelbare Anlass der Schließung des Magazins war ein kritischer Essay, in dem ein Historiker scharfe Kritik an chinesischen Schulbüchern übte, die den Boxer-Aufstand 1900 nicht historisch korrekt behandelten, als es die Kommunistische Partei in China noch gar nicht gab. Verstehen Sie die Aufregung der KP-Führung?

Li: Die Partei hat das Monopol über das offizielle Geschichtsbild in China. Die Partei fürchtet sich vor Modifikationen vor allem der jüngsten Geschichte. Denn das könnte auch zu einer Neubewertung der Kommunistischen Partei führen. Dadurch wird die Legitimation sowohl der Partei als auch der Regierung hinterfragt. Außerdem drangen unsere Berichte immer tiefer in die chinesische Realität ein und gefährdeten die Machthaber.

Netzeitung: Wie erfolgreich war Ihr Buch in China?

Li: Innerhalb von nur zwei Monaten erschienen in China drei Auflagen, und 20.000 Exemplare wurden verkauft. Die heikelsten Geschichten wurden aber leider nicht gedruckt. Ich kannte die Grenzen der Toleranz und habe mich daher selbst zensiert. Diese zensierten Geschichten erschienen jedoch in einem anderen Buch, das in Hong Kong veröffentlicht wurde. Exemplare davon werden aber immer wieder durch Tagestouristen zum Festland geschmuggelt.

Netzeitung: Welche Geschichten mussten Sie weglassen?

Li: Zum Beispiel die Geschichte eines taiwanesischen Autors über die Entwicklung der Demokratie in Taiwan. Das ist viel zu heikel, ebenso wie die Geschichte über die Lügen, die chinesische Schulbücher enthalten.

Netzeitung: Offizielle Behörden und Parteizeitungen in China informieren inzwischen über die Korruption innerhalb der Partei und die eklatanten Einkommensunterschiede. Stimmt der Eindruck, dass es im Kampf zwischen Autoren und Zensoren lediglich um die Frage geht, wer was sagen darf und nicht um den Inhalt der unautorisierten Texte?

Li: Die Regierung will die Verbreitung aller Nachrichten kontrollieren. Jeder, der es wagt, eigenhändig Nachrichten zu verbreiten, wird daher bestraft. Das ist die einfache Methode. Bei der Kontrolle wird übrigens kein Unterschied gemacht zwischen Zeitungen der kommunistischen Partei und anderen Publikationen. Aber während KP-Organe Propaganda für die Partei betreiben, sind andere Zeitungen marktorientiert. Private Massenmedien sind in China jedoch strikt verboten.

Netzeitung: Stellen Blogs inzwischen eine größere Gefahr für das Meinungsmonopol des chinesischen Regimes dar? Immerhin suchen rund 50.000 Internet-Polizisten das Netz nach heiklen Stichworten ab, wie zum Beispiel Tibet, Taiwan und Tiananmen.

Li: Die meisten der 36 Millionen Blogs in China handeln nicht von Politik oder Ideologie. Wenn nur 50.000 von ihnen seriös wären, wäre das sehr gut. Manche Blogs haben tatsächlich Zehntausende von Lesern.

Netzeitung: Über 30 chinesische Journalisten sind zurzeit hinter Gittern. Ein Mitarbeiter der «New York Times», Zhao Yan, wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng gar zu vier Jahren. Ein kritischer Journalist wie Sie darf aber weiterhin Interviews geben. Haben Sie Fürsprecher in der Parteispitze?

Li: Ich wurde zwar nicht inhaftiert, aber dadurch verfolgt, dass ich meine Tätigkeit als Redakteur und Journalist nicht mehr ausüben darf. Ich habe aber keine Freunde in oberen Stellen. Der Grund, dass ich im System überlebe, ist, dass ich die gleiche Logik wie die Partei einsetze, um mich mit den Parteifunktionären auseinander zu setzen. Zum Beispiel weise ich darauf hin, dass die Meinungsfreiheit in der Verfassung verankert ist. Warum denn nicht damit argumentieren?

Netzeitung: Nachdem Ihre Zeitung eingestellt wurde, reichten Sie eine Klage bei der Kontrollkommission der kommunistischen Partei gegen die Schließung ein. Nie zuvor hat sich ein chinesischer Journalist so offen der Zensur widersetzt. Hat Ihr Protest etwas bewirkt?

Li: Natürlich ist das Wiedererscheinen des Magazins ein Ergebnis meiner Proteste. Führende Parteiführer stellten fest, dass die Schließung eines so mächtigen und einflussreichen Magazins mehr Nachteile als Vorteile bringt. Auf meine Klage jedoch habe ich bisher keine offizielle Antwort der Partei erhalten.

Netzeitung: Wie haben die Leser auf Ihre Entlassung reagiert?

Li: Es gab keine unmittelbare Reaktion, weil die Medien über die Schließung von «Gefrierpunkt» nicht berichten durften. Die bekannte chinesische Suchmaschine Baidu findet zu meinem Namensschriftzeichen nur zehn alte Eintragungen. Im amerikanischen Pendant Google, das in China gefiltert ist, fand ich dagegen 118.000 Eintragungen, fast alle aus den Wochen nach der Entlassung.

Netzeitung: Sie haben nach der Schließung gesagt, dass die Verschärfung der Zensur eine Reaktion auf die komplizierte Lage der KP sei. Was meinten Sie damit?

Li: Um den chinesischen Journalismus zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass vor vielen Jahren noch nach ideologischen Gesichtspunkten zensiert wurde. Heute spielt die Ideologie keine Rolle mehr. Das Einzige, was zählt, ist, ob ein Bericht die Herrschaft der Partei gefährdet. Das ist ein großer Unterschied.

Die enge Kontrolle über die Medien wird eines Tages zusammenbrechen wie einst die Berliner Mauer. China hat keine andere Wahl, als in die zivilisierte Welt zu gelangen. Es kann zwar noch eine Weile dauern, aber nicht allzu lange. Die Demokratie wird in China spätestens bis Mitte dieses Jahrhunderts eingeführt werden.

Netzeitung: Was gibt Ihnen die Kraft für den langjährigen Kampf um Demokratie in China?

Li: Ich habe sehr viel von meinem Vater gelernt, der während der Kulturrevolution zu 12 Jahren Hausarrest verurteilt wurde. Zum Beispiel, wie man kämpft und gleichzeitig überlebt. Daher habe ich keinen Moment Angst. Ich wünschte manchmal, dass sie mich inhaftieren. Dann könnte ich ein noch besseres Buch schreiben.

Mit Li Datong sprach Igal Avidan in Berlin.

 
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