Wir nennen es Arbeit:
Der Charme der digitalen Bohème
02.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Ihre «Riesenmaschine»-Kollegen Holm Friebe und Sascha Lobo beschreiben nun in ihrem Buch «Wir nennen es Arbeit» ein von ihnen «Digitale Bohème» genanntes Milieu selbständig und vernetzt arbeitender Kreativer. Sie versuchen sich zwischen Zukunftsoptimismus und Selbstausbeutung den Mechanismen der Festanstellung zu entziehen.
Netzeitung: Herr Lobo, Herr Friebe, Sie haben gerade eine Lesereise mit dem Buch hinter sich. Gab es dabei in verschiedenen Städten je nach Größe und Bohèmedichte unterschiedliche Fragen, die Ihnen gestellt wurden?
Sascha Lobo: Wir verwehren uns sehr stark gegen den Vorwurf des «Berlin-Buches», obwohl auch noch niemand diesen Vorwurf erhoben hat. Als herausragendes Gegenbeispiel Holm hat dort längere Zeit gewohnt, und ich bin auch häufiger zum Arbeiten dort können wir Zürich nennen, eine der teuersten Städte in Europa. Dort gibt es auch eine breite «Digitale Bohème», viele Leute sitzen mit ihren Laptops in Cafés. Das sind Freiberufler, die sich auf den verschiedensten Feldern selbstständig gemacht haben: Architektur, Theater, Medien, Kulturproduktion, Musik, bis hin zur Schmuckherstellung.
Es gibt da also einen Pol, der viel heller strahlt, als die 300.000 Leute, die dort wohnen, es eigentlich gestatten. Insofern sprechen wir von einem eher urbanen Phänomen, das nicht begrenzt ist auf Berlin. In Hamburg hatten wir die vollste Veranstaltung. In Trier eher mit Abstrichen.
Holm Friebe: Ich nutze hier mal die Gelegenheit, das zu sagen: Trier braucht einen besseren Bahnanschluss.
Lobo: Aber auch dort waren Leute, auf die die Bezeichnung «Digitale Bohème» zutrifft. In Berlin tritt das Phänomen aus bekannten Gründen zwar besonders deutlich zutage. Es funktioniert aber auch in anderen Städten und sogar in Nicht-Städten. Der Begriff der «Digitalen Bohème» franst zu den Seiten stark aus.
Ein Aspekt sind zum Beispiel die Powerseller. Leute, die Aschenbecher an Leute verkaufen, die Aschenbecher mögen. Auch wenn sich das in niederen Bereichen der Kreativität abspielt, gehört das für uns nicht nicht zur «Digitalen Bohème». Es spielt sich nur an deren Rand ab.
Netzeitung: Sie sagen, dass Sie mit «Wir nennen es Arbeit» ein Wirtschaftsbuch geschrieben haben. Im Inneren des Umschlagdeckels lässt sich dann der Satz lesen, «Etwas besseres als die Festanstellung finden wir allemal».
In den neunziger Jahren hieß es in Teilen der so genannten Neuen neuen Linken noch, «Etwas besseres als die Nation finden wir allemal». Würden Sie sagen, dass die «Digitale Bohème» einer liberal gewordenen Linken gleichkommt und es dort einen Rückzug aus der Analyse größerer Komplexe wie dem Staat hin zur Analyse der lediglich eigenen Prekarität, der eigenen Marktsituation gibt?
Friebe: Für uns hängt das zusammen, und das Stichwort der Nation passt hier sehr gut, weil es auf bestimmte Debattenphänomene reagiert. Eines davon war die neue Bürgerlichkeit, die in diesen unsicheren Zeiten den utopischen Rekurs auf Institutionen des bürgerlichen Nationalstaates sucht, der aus den drei Säulen Nation, Familie und Arbeit besteht und letzteres auf jeden Fall mit der Firma als lebenslanger, lebensbegleitender Institution. Davon gibt es nichts mehr: In Europa hat sich die Nation aufgelöst...
Lobo: ... oder ist hoffentlich dabei, dies zu tun.
Friebe: Die Familie hat sich in serielle Monogamie und dergleichen Patchworkverhältnisse aufgelöst. Nur im Bereich der Festanstellung scheint sich diese Art der kapitalistischen Arbeitsorganisation beharrlich zu zeigen - auch wenn die Eisscholle abschmilzt.
Aber da ist nicht zu reden über andere Formen der Arbeitsorganisation im Gegenteil: Im dem Moment, wo es knapper wird, drängen alle da hinein. Für uns hängt das absolut zusammen - und das deuten wir im Buch nur an -, wenn man damit diese Schimäre der neuen Bürgerlichkeit entlarvt.
Lobo: Wir gehen davon aus, dass im 20. Jahrhundert der Konsum und die Freizeit die treibenden Kräfte der Individualisierung waren die ich als Wert für eine positive Sache halte: das machen zu können, was nicht dem Kollektiv entgegensteht, sondern der Entwicklung der eigenen Person dient. Im 21. Jahrhundert haben wir es gerade mit einer beginnenden Entwicklung der Individualisierung der Arbeit zu tun.
Wir benutzen auch häufig Formulierungen wie die, dass die ganze Bewegung gerade von den Kinderschuhen in die Teenager-Sneaker schlüpft. Das heißt, wir sind noch am Anfang. Aber die Möglichkeiten nicht nur das zu konsumieren, was man möchte, um damit seine Individualität auszudrücken, sondern auch zu arbeiten, wie man möchte, werden in unseren Augen immer bedeutsamer.
Das war bisher nicht so gegeben: Ich konnte mir höchstens aussuchen, wo ich mich bewerbe und dann hatte ich in den allermeisten Branchen die Standards vor mir, von 9-18 Uhr, Montag bis Freitag, und 21 Tage Urlaub im Jahr. Das waren normale Definitionen, die auch für das Leben normativ waren, da sich das Leben um die Arbeit organisiert hat.
Insofern begreife ich mich selbst als liberalen Linken oder als linksliberal sozialdemokratisch: Wenn man nämlich den Begriff «liberal» nicht in einem ökonomischen Kontext sieht und mit dem Begriff «neoliberal» möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden , sondern in einem gesellschaftlichen Kontext. Wenn in den USA die Erzkonservativen über die schlimmen «liberals» schimpfen, dann weiß man ganz genau, was im Kern dieses Gesellschaftsliberalen steckt dass ich mir nämlich nicht sagen lasse, was ich zu tun und zu lassen habe und gleichzeitig andere Leute nicht damit belästige. Insofern ist die liberal gewordene Linke, wenn man das gesellschaftlich sieht und nicht nur ökonomisch, durchaus etwas Anzustrebendes.
Friebe: Gleichzeitig muss man zum Stichwort «Prekariat» ganz klar sagen, dass es ein paar Punkte gibt, wo ich zumindest eine ganz klassisch linke Position habe, die darum geht, wie man mit den Personen umgeht, die a) nicht mehr für die ökonomische Produktion gebraucht werden und b) nicht die eigenen Mittel für die ökonomische Produktion mitbringen aus welchen Gründen auch immer.
Wenn man sich «Ditsche» im Fernsehen anschaut, versteht man, wo die Limitationen von jemandem sind, der sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann. Es muss also Mittel und Wege geben, diese Menschen über staatliche Umverteilung und Angebote sinnvoll einzubinden.
Und in Bereichen der industriellen Produktion, die noch immer weit jenseits dessen liegen, was wir beschreiben, haben die Gewerkschaften durchaus ihr Recht. Und die Interessensvertretung derer, die sich alleine nicht wirksam durchsetzen können, die müssen sie in Kollektiven durchsetzen. Das ist alles nach wie vor richtig.
Nur gibt es mittlerweile eine Menge grauer Bereiche, in denen Gewerkschaften keine Rolle mehr spielen, in denen eine Art Manchester-Kapitalismus mit freundlichem Antlitz herrscht der gesamte Mediensektor gehört dazu , wo so getan wird, als hätten sich sämtliche Widersprüche der Arbeit aufgelöst. Entfremdeter kann Arbeit jedoch kaum sein. In dem Bereich setzt also unser Buch an, über Alternativen nachzudenken, über alternative Organisationsformen. Das ist ein Gebot der Stunde.
Netzeitung: Hierfür taucht der Begriff der «Klasse» jedoch erst am Schluss des Buches, und dann auch nur relativ kurz auf. Der Medientheoretiker McKenzie Wark hingegen hat vor wenigen Jahren in seinem «Hacker Manifest» in ähnlichem Zusammenhang wie dem der «Digitalen Bohème» den Klassenbegriff wieder stark gemacht.
Friebe: Soziologisch ist die «Digitale Bohème» keine Klasse. Klasse impliziert ja, dass es einen Klassenkampf gibt. «Schicht» impliziert, dass es so etwas wie eine hierarchische Gesellschaft gibt, in der klar ist, wo jeder hin will, in der man versucht, aufzusteigen. Auch das gibt es kaum noch.
Von daher ist die «Digitale Bohème» eher ein Milieu, das sich, mit dem, was es hat, arrangiert und keine Aufstiegsambitionen hat. Die «Digitalen Bohèmiens» beneiden kein anderes Milieu um seine Lebensform. Man könnte im Gegenteil sagen, dass sie eigentlich ganz gut zurecht kommen von ein paar politischen Voraussetzungen abgesehen, die besser geregelt sein könnten. Von daher ist Klasse der falsche Begriff und irreführend.
Netzeitung: Das Phänomen der Selbstausbeutung der «Digitalen Bohème» taucht in Ihrem Buch zwar auf, wird aber zukunftsoptimistisch gewendet.
Friebe: Man muss abklopfen, was Selbstausbeutung genau heißt: In dem Moment, in dem man Arbeit nicht mehr als schmerzhaftes Opfer empfindet, sondern sich identifiziert mit dem, was man tut, spielt der Aspekt der Selbstausbeutung keine große Rolle mehr. Man kann da auf viele Befragungen verweisen, die sagen: Ja, diese Leute haben materielle Probleme. Ja, sie arbeiten vielleicht zu viel und sie haben manchmal Stress, aber sie würden ihre Situation zum Großteil nicht gegen etwas anderes eintauschen wollen.
Und sie verzichten gerne auf gewisse Privilegien für das eine Privileg, der eigene Herr zu sein und sich die Zeit einzuteilen. An diesem Punkt wird es spannend.
Lobo: Das Wort «Selbstausbeutung» trifft in meinen Augen auch nicht ganz den Sachverhalt. Es gibt diesen Spruch, «Besser ich beute mich selbst aus, als dass es ein anderer tut». Das hat auch damit zu tun, dass das Prekariat vor allem deshalb Prekariat ist und nicht versucht, sich auf einem Weg weiterzuentwickeln, den wir beschreiben weil die Alternativlosigkeit in den Köpfen vorherrscht.
Es gibt einen Personalchef im Kopf, der sagt, du musst ein Praktikum nach dem anderen machen, bist du irgendwo hängen bleibst. Oder: wenn du keinen Job bekommst, bist du einfach nicht gut genug ausgebildet, da musst du noch einen MBA dranhängen, in Irland und Amerika gleichzeitig.
Dieses Denken wollen wir aufbrechen, denn es hindert viele Leute daran, auf eine Weise aktiv zu werden, wo das Schreiben einer Bewerbung nicht als einziger Weg zu einem Job erscheint. Diese Leute investieren Unsummen in Personalberater, die ihnen sagen: «Ihre Bewerbung wird noch besser, wenn das Foto oben links ist.» Das ist Quark, der erwiesenermaßen nicht funktioniert.
Wir beschreiben in unserem Buch das Beispiel eines Schweinfurter Professors, der Idealbewerbungen geschrieben hat. Nur vier von hundert wurden zum Gespräch eingeladen. Noch deutlicher kann man kaum sagen, dass der Mechanismus der Bewerbung nicht funktioniert. Entweder hat man dann die Beziehungen oder man macht Praktika: 2, 5, 8, oder man überlegt sich etwas anderes. Und genau diese Alternative wollen wir aufzeigen. Es ist eine Alternative, die insbesondere, aber nicht nur, das Prekariat viel angeht.
Friebe: Gleichzeitig ist das ein voraussetzungsvolles Programm. Es gibt Leute, die ihr Leben lang nur eine Sache gemacht haben, die im industriellen Organisationsmaßstab funktioniert, und die nicht einfach aus eigenen Stücken umswitchen können. Wir haben von Bourdieu das Optimistische weg geschnitten und das Kritische die Existenz der feinen Unterschiede und der verschiedenen Zugangsvoraussetzungen haben wir erst ins letzte Kapitel gepackt, weil wir erst «ja», sagen wollten, um dann «aber» sagen zu können.
Die schichtspezifischen Voraussetzungen im Bourdieuschen Sinne gibt es natürlich. Bildung ist ein absolutes Zugangskriterium, um das machen zu können, was wir beschreiben. Man muss irgendetwas Relevantes entwickeln können, das auch auf einem freien Markt funktioniert. Das sind ganz eindeutig die Grenzen unseres Ansatzes.
Netzeitung: Ist Ihr Buch ein Buch für die besser Investierenden im Gegensatz zu dem, was die besser Verdienenden genannt wird?
Lobo: Ja, das wäre ein guter Begriff. Man müsste ihn zwar noch besser abgrenzen vom FDP-Sprech, aber eher zu investieren in wie wir das beschreiben «Respektnetzwerke», als in den Respekt gegenüber dem virtuellen Personalchef im Kopf, kann ein richtiger Ansatz sein.
Friebe: Wir haben ja eine Art Rechtfertigungsbuch beschrieben, nicht, was uns persönlich betrifft, sondern als Hilfestellung für eine Generation, die das ganze nicht versteht. Daher benutzen wir auch, wie es im Western heißt, die «Sprache, die diese Banditen verstehen».
Selbst wenn es den Leuten, die investieren, gar nicht als ökonomisches Kalkül vorkommt, was sie da machen, kann man es doch so interpretieren, dass es nicht ein in den Tag Hineinleben ist, sondern dass es einer ökonomischen Rationalität folgt, die eher in Beziehungsnetzwerke und den Aufbau von Fähigkeiten, die sich in der Praxis beweisen, setzt, als auf karrierefördernde Anpassung und formale Qualifikationen, die man in den Lebenslauf schreibt. Es ist vielleicht auch ein Portfolio, aber es ist etwas breiter gefächert.
Netzeitung: Wird die Freiheit, von der Sie erzählen, nicht zum Beispiel dann durchbrochen, wenn man sich um ein Kind kümmert?
Friebe: Wir verweisen immer gerne auf unseren Grafiker, der eine Familie mit zwei Kindern hat und sie mittlerweile, nach Durststrecken, sehr viel besser ernähren kann, als wenn er bei einer Firma wäre. Noch einmal aber grundsätzlich: Nur weil wir so gegen die Festanstellung wettern, heißt das überhaupt nicht, dass wir dem Einzelkämpfertum das Wort reden.
Vielmehr versuchen wir etwas Drittes stark zu machen: Assoziierte, hierarchiefreie Gruppenstrukturen von Produzenten, die auf freier Auswahl basieren und weder über Blutsbande hergestellt werden, noch über die Entscheidungen eines Personalchefs.
Die große Frage dabei ist, inwieweit sich solche Gruppen zu kleinen Solidargemeinschaften in dem Sinn entwickeln können, dass man auch über die iTunes-Liste hinaus tatsächlich in der Gruppe umverteilt und im Pflegefall füreinander einsteht. Dies sind Punkte, wo die staatliche Absicherung eher ausgebaut werden muss als zurückgefahren, damit das Ganze funktionieren kann.
Netzeitung: Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Kultur des Erfolgs. Vor wenigen Jahren, nach dem Platzen der New Economy-Blase, war es noch gängig, die Vorzüge des Scheiterns als Modell hervorzuheben. Was passiert, wenn die von Ihnen beschriebenen Modelle scheitern?
Lobo: Es gibt kein Buch, das wir so weitflächig zitieren wie Ingo Niermanns «Minusvisionen», das sich ja ausschließlich mit dem Scheitern beschäftigt. Tatsächlich wollen wir aber gegenüber den negativ besetzten Begriffen «Unterschicht», «Prekariat» und «Generation Praktikum» einen positiven Gegenimpuls setzen.
Ich kenne mich mit dem Scheitern im Bereich Internet sehr gut aus ich habe während der New Economy selber eine Firma gehabt und gegen die Wand gefahren. Insofern ist es kein Punkt, den wir ausblenden. Und doch wollten wir auch ermutigende Entwicklungen aufzeigen. Wir wollen uns auch nicht in die Reihe der Klageführer stellen, die ja vom System Festanstellung aus gern gesehen wird.
Die Firmen freuen sich schließlich darüber, wenn draußen Leute kratzen und versuchen, in die Festung Festanstellung hineinzukommen. Das gibt den Festangestellten das Gefühl, die Festanstellung wäre erstrebenswert.
Friebe: Es gibt eine neue Qualität, die darin besteht, dass das Scheitern seinen Stachel verloren hat. Wir reden von einer Form von Projekten, die ohne großen Kapitaleinsatz passieren, die über Bürojobs querfinanziert werden, und oft ist das einzige, was man investiert, die eigene Arbeit.
In diesem Fall kann man nicht so scheitern, dass man für den Rest des Lebens überschuldet ist. Gleichzeitig finden sich Mittel und Wege der behutsamen Anpassung. Irgendwann wird irgendwas funktionieren. Diese positive Erfahrung ist empirisch und statistisch gut belegt.
Netzeitung: Ihr Buch wirkt, obwohl es ein Pamphlet gegen die Festanstellung ist, wie eine Empfehlung für eine Festanstellung. Ist Ihnen schon eine Professur für strategisches Marketing angeboten worden?
Lobo: Ich glaube, nach dem Buch traut sich das erst einmal niemand, aber Lehraufträge nehmen wir gerne an. Es gibt aber tatsächlich kleine Firmen, in denen Festanstellung kein Super-Horror ist. Das steht so auch im Buch. Wir würden jetzt keine Festanstellung annehmen wollen, aber es ist ja nicht so, dass wir die Festanstellung abschaffen wollen.
Mit Holm Friebe und Sascha Lobo sprach Martin Conrads.
Holm Friebe, Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit, Heyne 2006, 304 Seiten, 17,90 Euro.

