17.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Ausschnitt aus Shu Lea Cheangs 'Milk'
Foto: Post Porn Politics
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wenn die Mittelklasse auf die Unterschicht blickt, ist das manchmal auch Pornographie. Um das komplizierte Verhältnis von Porno und Politik drehte sich ein Kongress an der Berliner Volksbühne.
Von Martin ConradsAls die amerikanische Sexarbeiterin und Performerin Annie Sprinkle zum Ende ihres Vortrags mit dem Titel «My life and work as a post porn modernist for 30 years» ihre gelockte Langhaarperrücke ablegte, gab es Standing Ovations im vollbesetzten Großen Saal. Denn ihre Geste zeugte nicht nur vom Kampf gegen den Brustkrebs, den Sprinkle vor wenigen Jahren trotzig (oder wie sie sagt: durch Kunst) besiegt hatte. Vor einer Operation und der zusätzlich angesetzten Chemotherapie hatte sie sich erstmals die Haare abrasiert, um der Wirkung der Medikamente zuvorzukommen.
Mit dieser Geste war gleichsam auch ein Bild für das Thema der Veranstaltung in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gefunden: Sprinkle hat einst in Pornofilmen unterschiedlichster Machart und Härte mitgewirkt, die teils in der Volksbühne gezeigt wurden. Inzwischen hat sie nicht nur eine neue Berufung zur Sexaufklärerin erfahren, sondern auch lesbische Sexualität als Lebensmodell und Kunstprojekt entdeckt.
Mit der stolzen Präsentation ihres nackten Kopfes durchkreuzte sie auch hier jegliche Illusion des ungestörten Genießens, die vor allem dem Genre des heterosexuellen Porno eigen ist, durch eine gezielte Störung. Andererseits ermöglichte es Sprinkles parodistische Performance dem Publikum auch, eben diese Störung wiederum zu genießen. Ihre Geste stellt tatsächlich einen Akt dar, der «nach der Pornographie» kommt.
Das zweitägige Symposium «Post Porn Politics» mit abendlichen Konzerten und Performances war von dem jungen Autor und Künstler Tim Stüttgen in Zusammenarbeit mit dem in dieser Woche ebenfalls in Berlin stattfindenden ersten «Porn Filmfestival Berlin» organisiert worden.
Die Gebärmutter kehrt zurückSprinkle selbst war es, die den Begriff des «Post Porn» in den 80er Jahren zuerst für ihre Performances prägte. Ihre künstlerische Methode besteht in der Feier hyperrealer und gleichzeitig transparenter sexueller Praktiken und Akte, die auch für Posthumanisten gerade noch vorstellbar sind: Der öffentliche Blick in ihren Gebärmutterhals etwa, der Sprinkle einst berühmt machte, wurde nach eigenem Bekunden zum ersten Mal seit 15 Jahren in der Volksbühne wieder dem drängelnden Saalpublikum geboten.
Die Gebärmutterhals- Performance und das ebenso bekannte «Tittenballett» zur Musik von Johann Strauss gehörten dabei eher zu den kunsthistorischen Klassikern eines in der Volksbühne nun als «Post Porn» verallgemeinerten, recht polymorphen Genres. Die künstlerischen Aktionen, die Sprinkle in den letzten Jahren gemeinsam mit ihrer ebenfalls anwesenden Partnerin Elizabeth Stephens auf Fotos und in Büchern dokumentiert, werden von ihr als «Post Porn Love» vermarktet.
Biographie pornographischBei Sprinkle ist dabei das Zurschaustellen des eigenen Überlebens zu einer Feier des Lebens geworden, in der die Biographie pornographisch und die Pornographie biographisch dargestellt wird: Den Brustkrebs und die darauf folgende Chemotherapie definierte Sprinkle als künstlerische Performance, die in verschiedenen Fotoserien dokumentiert wurde. Hier lachen Sprinkle, ihre Partnerin Stephens und der behandelnde Arzt in diversen fetischistisch-clownesken Verkleidungen dem Krebs ins Gesicht. «Chemo-Mode», die zur Therapie getragen werden kann, wird vorgeführt, und auch der grün verfärbte Tumor wird nach gelungener Operation abgelichtet.
Sprinkle, von Veranstalter Stüttgen mal als Mutter, mal als Großmutter des Post Porn bezeichnet, konnte als populäres Highlight des Wochenendes ein großes Publikum anziehen. Das lag wohl an ihrem Status als Grand Dame einer gleichsam affirmativ-lustvollen wie feministisch-subversiven Pornographietradition, die ihre Warenhaftigkeit nie leugnet, sondern vielmehr konsequent ausschöpft und vorzeigt. Aber auch Vorträge zur Bedeutung des Anus in den Werken Jean Genets oder Überlegungen zu Hegel als queerem Theoretiker avant la lettre waren oft mehr als gut besucht, was auf ein vehementes Interesse an einer Neubestimmung von Produktion und Rezeption pornographischer Kultur hindeutet.
Aufschwung des PornographischenDass das Thema Pornographie derzeit wieder einen Aufschwung erlebt, zeigt sich nicht nur an Filmen («Baise-Moi» etc.), populären künstlerischen Fotografien (Thomas Ruff) oder Songtiteln («Downloading Porn With Davo» der Moldy Peaches) der letzten Jahre. Dafür, dass das Thema auch jenseits der Kulturproduktion eine wachsende Breitenwirkung haben muss, spricht auch die E-Mail-Ankündigung des eigenen Coiffeurs für eine «Hairporn Fashion Show», die nach Besuch des Symposiums in der Mailbox vorzufinden war.
Doch inwieweit diese Konjunktur politisch zu lesen ist, wie der Titel suggerierte, blieb offen, hierzu bot die Veranstaltung so viele Fragen wie Antworten. Dies mag manchem Besucher als Manko erschienen sein. Doch angesichts der hier tatsächlich verhandelten Vielfältigkeit möglicher Beschreibungen von (hier oft künstlerischer) Pornographie, die konkrete identitätspolitische Anknüpfungsmöglichkeiten hat, blieb sich die Veranstaltung jedoch darin treu, mit keinem simplen Resümee falsche Eindeutigkeit herstellen zu wollen.
«Queer», im ursprünglichen Wortsinn «schräg» und «kauzig», wird heute als übergreifende Bezeichnung für schwule und lesbische Sexualitäten und Lebensentwürfe genutzt. Was die Vorzüge queerer Aneignung von Pornographie sind und weshalb dies in der Bezeichnung des Genres als «Post Porn» münden kann, wurde während des Symposiums verschieden umschrieben: Ein Vortragender meinte, der Begriff reflektiere die nicht zuletzt durch das Internet stärker denn je repräsentierte sexuelle Diversität. Elizabeth Stephens wiederum wies darauf hin, dass «Post Porn» als Begriff für aufklärerischen Umgang mit Sexualität dann eine konkret politische Bedeutung zugeschrieben werden kann, wenn wie in den USA die finanziellen Mittel für Sexualkundeunterricht gekürzt werden.
Gern Objekt seinAnnie Sprinkle hingegen dürfte für die Produktionen von vielen der anwesenden Künstlerinnen und Künstler gesprochen haben, als sie sagte, ihre Arbeit sei «too arty for the porn industry» und «too pornographic for the art world». Damit lieferte sie die für den Rahmen der Veranstaltung wohl am besten funktionierende Erläuterung zum Begriff des «Post Porn».
Deutlich wurde, dass das derzeit vor allem in den USA erprobte akademische Feld der «Porn Studies» ein Sprechen über Pornographie begünstigt, das weit wegführt von Verdachtsmomenten vergangener Jahrzehnte: «I liked to be objectified then» - «Ich mochte es, als Objekt definiert zu werden», sagt die 51-jährige Feministin Sprinkle im Verlauf des Symposiums und lacht dabei ganz selbstverständlich. Man kann sich allerdings das Entsetzen vorstellen, das derlei Aussagen Ende der 70er, Anfang der 80er ausgelöst haben dürften, als Sprinkle ihre Karriere begann. Damals hatten feministische Autorinnen wie Andrea Dworkin mit Büchern wie «PorNOgraphy-Men possessing women» die Debatte um Pornographie entscheidend bestimmt. In Alice Schwarzers Kampagne in Deutschland blieb von diesem Buchtitel nur das «PorNO» übrig.
Kritik am GlamourIn der Frage, wie man den Begriff des «Post Porn» für die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse nutzbar machen könnte, überzeugten vor allem der aus New York stammende und in Japan lebende Transgender-Künstler, Musiker und Theoretiker Terre Thaemlitz und der französische Theoretiker Maxime Cervulle. Thaemlitz trug ein vielschichtiges Essay über die Vermarktbarkeit von Glamour als medialer Sexpraktik vor.
Thaemlitz sprach dabei vor allem über Transgender, das im allgemeinen alle Formen des Geschlechtlichen meint, die die gewohnten Eindeutigkeiten unterlaufen, und das also sowohl Transvestiten wie Transsexuelle und oft auch Intersexuelle umfasst, die mit den biologischen Merkmalen zweier Geschlechter ausgestattet sind.
Thaemlitz stellte eingangs die Frage, ob sich eine Kritik an Trangender-Glamour, etwa dargestellt durch Drag-Queens wie RuPaul, die unter anderem im Zuge von Madonnas «Vogue»-Platte popularisiert wurden, als generelle Kritik am Mainstream-Glamour eigne. Auch wollte der Künstler geklärt wissen, ob sich aus dieser Ableitung ein Zugriff auf die Analyse kapitalistischer wie sexpolitischer Verhältnisse ergebe.
Die Macht des BlicksMaxime Cervulle lieferte darauf gewissermaßen eine Antwort. Er zeigte Ausschnitte aus Pornoproduktionen, die über die Website «Citebeur» vertrieben werden und vor allem auf schwule mittelständische Franzosen europäischer Abstammung als Klientel zielen. In den Filmen sind Männer nordafrikanischer arabischer Herkunft zu sehen. Diese als heterosexuell vorgestellten arabischen Männer sind dabei zu beobachten, wie sie zu im Film selbst nicht sichtbaren Pornos heterosexueller Machart onanieren.
Cervulle sieht in dieser komplexen pornographischen Blickkonstruktion einen «Metadiskurs über Sex», dessen direkte Anknüpfung zum Politischen in der Machtdimension dieses Blicks liegt: Die Repräsentation des «Beurs», also des medial meist in Banlieus verorteten Nachfahren maghrebinischer Einwanderer, verortet Cervulle nämlich innerhalb eines Regimes von Klassenfantasien.
Eat the porn and have itDer Regisseur der Filme verbinde dabei die Figur des fremden «Beur» mit der Figur des Unterschichtzugehörigen, um Fantasien von Dominanz seitens der Betrachter zu ermöglichen, so Cervulle. Dieser «Klassentourismus» bediene die Imagination einer gefährlichen, da gleichsam erotischen wie exotischen Unterschicht. Dass dabei der schwulen Zielgruppe die Möglichkeit gegeben werde, den per Blick dominierten «Beur» als heterosexuell zu identifizieren, verfestige die Stabilität einer auch auf Klassenverhältnissen beruhenden sexuellen Konstruktion von Gesellschaft: Der «Beur» ist immer hetero, angeblich, weil ihm seine Religion alles andere verbiete.
Terre Thaemlitz versuchte schließlich, mindestens zwei Formen öffentlich vorgetragener Kritik an herrschenden sexuellen Regimes für die Zukunft des «Post Porn» zu bestimmen: Während er selbst mit seinen künstlerisch-theoretischen Arbeiten eine Kritik der Kunstindustrie unternehme, lebten andere «A Life of Art». Beides müsse als postpornographisch gelten können. Thaemlitz brachte damit auf den Punkt, was das Begehren an einer Veranstaltung zu diesem Thema wohl ausmachte: To eat the porn and have it.