Mädchen, Machos und Moneten:
Kein Witz: Sexfilme aus der Schweiz
23.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Benedikt Eppenberger: Der größte Teil stammt vom Grafiker, der sie hergestellt hat. Das war mühsam, denn er ist, wie so viele, mit Erwin C. Dietrich zerstritten. Manches haben Daniel Stapfer, mein Co-Autor, und ich auch auf dem internationalen Markt gekauft. Über Ebay, bei Sammlern. Wir haben eine gewisse Obsession entwickelt, die Plakate zu bekommen.
Netzeitung: Es gibt also Sammler?
Netzeitung: Eine schöne Setaufnahme mit Klaus Kinski ist im Buch zu sehen...
Netzeitung:Die Plakate waren glaube ich, sehr wichtig für den Erfolg eines Sexfilms.
Eppenberger: Das war die Methode Corman. Roger Corman, der amerikanische Trashfilmer. Man macht ein Plakat, bevor es den Film gibt. Dazu bringt man einen Trailer, der aus Versatzstücken zusammenschnippelt wird, in die einschlägigen Kinos. Mit anderen Worten, auf den Plakaten werden Darsteller und Motive gezeigt, die im Film selbst gar nicht vorkommen. Die Frauen waren Plakatfrauen.
Netzeitung: Zu Erwin C. Dietrich: Vor ein paar Tagen feierte er seinen 76. Geburtstag. Wie geht es ihm?
Eppenberger: Nach einigen kleineren Schlaganfällen ist er körperlich etwas angeschlagen. Er bewegt sich langsam. Das Schreiben fällt schwer. All das hindert ihn aber nicht daran, fast jeden Tag in seinem Büro aufzutauchen und im Hintergrund noch immer in der Firmenpolitik mitzumischen. Eben hat man ein DVD-Werk in Deutschland gekauft. Geistig ist der Mann topfit, und wenn einmal angeworfen, dann läuft die Erinnerungsmaschine wie geölt. Auch hat das plötzliche Interesse an seiner Person und seinen Filmen Dietrich ziemlich Auftrieb gegeben.
Netzeitung: Was hat Sie an Dietrich fasziniert?
Eppenberger: Ich wusste nicht viel über ihn. Ich kannte ein paar Filme auf VHS-Editionen. Trash aus den 70er und 80er Jahren. Irgendwann einmal haben Daniel Stapfer und ich beschlossen, den Mann genauer anzuschauen. Wir entdeckten eine interessante Figur, die viele Widersprüche in sich vereinigte. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Ein Mann, der sich ein Leben lang angestrengt hat, ein guter Schweizer zu sein, Mainstream produzieren wollte, und trotzdem immer im Underground hängen geblieben ist. Eine Umkehrung der heutigen Situation, wo jeder Underground sein will, und doch nur Mainstream herauskommt. Gleichzeitig ist er ein Mann, der unendlich viele Filme produziert hat, ohne einen Funken ästhetische oder künstlerische Inspiration zu haben.
Netzeitung: Er war Unternehmer durch und durch. Schon als Junge fängt er an, Badezusatz mit Fichtennadelaroma zu verkaufen.
Eppenberger: Ja. Man kann mit allem Geld machen. Das ist sein Credo.
Netzeitung: Und es ist immer halbseiden, was er macht.
Eppenberger: Ursprünglich wollte er Schrotthändler werden. Er hoffte, damit reich zu werden. Und dann ist er eben mit anderem Schrott reich geworden. Ihm war immer egal, was auf die Leinwand kommt. Es durfte ihn nur nicht allzu stark in Schwierigkeiten bringen.
Netzeitung: Um 1980 versucht Dietrich dann, vom Sexfilm wegzukommen. Weil es ihn für andere Projekte - er wollte Kinobetreiber werden - schädigt.
Eppenberger: Genau. In den 80er Jahren gab es diesen Bruch. Das Sexkinobusiness verlagerte sich vom Kino in den Homebereich. Der Markt verlangte nach immer härteren Sachen. Mit seinen Sexploitation-Streifen war kein Geld mehr zu verdienen. Und dort hatte er seine Schranken, er wollte keine Pornos und keine Brutalos machen.
Netzeitung: Er fand Pornos ekelhaft. Es gibt allerdings Feministinnen, die sagen, dass Sexfilme viel ekelhafter sind als Pornos, die sind ehrlicher.
Eppenberger: Gut, man muss es aus der Zeit heraus verstehen. Dietrich hat bestimmt nie eine Analyse gemacht, die Pornografie von Sexfilmen trennt. Ihm ging einfach auf die Nerven, dass er die ganze Zeit vor Gericht musste. Witzig ist dann wieder zu schauen, welche Strategien man entwickelte, um an der Zensur vorbeizukommen.
Netzeitung: Er hat auch literarische Vorlagen benutzt und leicht abgeändert.
Eppenberger: Das war die Sache mit dem legendären US-Sexfilmer David F. Friedman. Friedman hat sich querbeet durch die Weltliteratur gelesen und daraus Sexfilme gemacht. Dietrich hat diese Filme eingekauft, und zum Teil Szenen nachgedreht, weil er fand, das sieht nicht nach Ritterburg aus, was der Amerikaner liefert. Heraus kamen teilweise groteske Resultate. Das hat Popqualitäten.
Netzeitung: Besonders interessant scheinen die «Women in Prison»-Filme zu sein, die WIP-Filme. Die einzige Form des Sexfilms, die auch Frauen ansprechen konnte.
Eppenberger: Genau. Wir sagen einfach, man kann diese Filme so lesen. Es schwingt mit. Man sieht nicht nur Frauen, die ausgebeutet und zur Schau gestellt werden. Es entwickeln sich darin Geschichten, in denen Frauen Strategien entwickeln, um sich zu befreien.
Netzeitung: Eine strukturelle Lesart, die wohl keine soziologische ist. Meint: Es haben sie halt doch nur Männer geschaut.
Eppenberger: Damals vermutlich schon.
Netzeitung: Damals gab es in der Schweiz ja eine unglaubliche Dichte von Sexkinos. Das kam über Edi Stöckli, der seine Film-Library vor Jahren an Beate Uhse verkauft hat. Existieren diese Kinos eigentlich noch?
Eppenberger: Es gibt noch relativ viele. Heute sind darin aber Videokabinen. Keine Leinwände mehr. Zelluloid ist einfach teurer im Unterhalt. Man wird kaum mehr ein Sexkino finden, das echte Sexfilme zeigt.
Netzeitung: Das ganze Genre, mit dem Dietrich groß wurde, ist also auch an eine bestimmte Form von Suböffentlichkeit gebunden, an die Bahnhofkinos.
Eppenberger: Oder lange auch Landkinos. Kasernenstädte, Autobahnraststätten, große Ausfahrten wie Kölliken: da gab es relativ lange noch diese Sexploitationkinos, aber es gibt sie definitiv nicht mehr. Mit dem Ende dieser Kinos ist eine Generation von mittleren Kino-Unternehmern, die Produktion und Vertrieb in Eigenregie besorgt hatten, untergegangen. Und Dietrichs Tätigkeitsbereich hat sich verlagert.
Netzeitung: In Ihrem Buch finden sich viele interessante Statements von Männern wie Jess Franco, dem legendären Regisseur, Autor, Musiker, Cutter, Produzent, Darsteller, aber nicht von Frauen. Haben Sie nicht versucht, an Frauen heranzukommen?
Eppenberger: Hier liegt tatsächlich eine Schwäche des Buchs, ja. Gut, man kann sagen, dass es ein absolut männlich dominiertes Business war. Die Frauen liefen mehr oder weniger als Prostituierte mit.
Netzeitung: Aber Rosemarie Heinickel zum Beispiel hat ja dann etwas aus sich gemacht. Sie wäre doch ansprechbar gewesen.
Eppenberger: Diesen konkreten Fall weiß ich nicht. Wir haben mit einigen Frauen versucht, Kontakt aufzunehmen. Die einzige, die wir wirklich bekommen haben, ist Lina Romay, die immer noch mit Jess Franco zusammen ist. Und das war nicht wahnsinnig erhellend. Nach der zehnten Absage haben wir uns halt gesagt: wir haben genügend Material von den Typen. Man wird uns das vorwerfen. Andererseits: wenn man sich die Geschichte der Steeger anschaut...
Netzeitung: Ingrid Steeger hat den Sprung ins seriöse Business nicht geschafft, heute ist sie eine gebrochene Figur.
Eppenberger: Am Anfang war sie bei Dietrich relativ enthusiastisch dabei, weil sie gespürt hat, das ist der Take-Off, ich kann eventuell tatsächlich ins seriöse Fach wechseln. Sie war dann aber so sehr typ-gecastet, dass es eben nicht mehr möglich war.
Netzeitung: Es blieb nur das Fernsehen.
Eppenberger: Die Klimbim-Sachen, ja. Aber dort hat man auch auf das Image angespielt, das aus den Filmen bekannt war. Sie hat dann eine Theaterkarriere versucht.
Netzeitung: Mit Schlingensief, wenn ich mich recht erinnere.
Eppenberger: Na ja, das war diese dämlichen TV-Show, als er sie vorgeführt hat, völlig von Sinnen.
Netzeitung: Zurück zu Dietrich.
Eppenberger: Dietrich sagt, die Steeger sei eben auch über ihn hergezogen, weil sie ihn als Ursache für ihr Scheitern gesehen hat. Sicher nicht ganz zu Unrecht. Aber sie kam dann eben doch immer wieder, wenn sie Geld brauchte. Allerdings hat er meistens nichts mehr mit ihr gedreht, er nahm altes Material, hat es ein bisschen umgeschnippelt und brachte so einen neuen Film ins Kino. Und hat ihr dafür ein Betrag bezahlt. Das war typisch. Dietrich diente in vielen Fällen als Sündenbock für gescheiterte Karrieren. Kein Wunder, er verdiente mit ihnen viel Geld. Gleichzeitig gab er vielen Leuten aber ein Auskommen in seiner Factory, viele überwinterten in den Krisenjahren des Kinos, in der 70ern, bei ihm.
Netzeitung: Sie sprechen von Dietrichs «Factory». Da assoziiert man Andy Warhols Factory. Wobei Warhol ja immer mit den massenindustriellen Produktionsweisen gespielt hat. Dietrich braucht sie einfach.
Eppenberger: Genau.
Netzeitung: Und Sexploitation war sehr globalisiert.
Eppenberger: Eine eindeutige Form von freiem Personenverkehr, kann man sagen. Das vereinigte Europa hat da schon sehr früh funktioniert. Aber das war nicht nur im Sexfilm so. Denken Sie an die Winnetou-Filme. Es gab Handwerker, die von Gerne zu Genre, von Set zu Set, von Regisseur zu Regisseur, von Produzent zu Produzent getingelt sind. Die Namen sind heute in Vergessenheit geraten. Im Gegensatz zu den Autorenfilmern, die national waren. Dagegen war das verpönte Kino der Väter international. Auch thematisch. Mit Ausnahme des Heimatfilms.
Netzeitung: Den Dietrich in seinen Anfängen ja auch produziert hat. Einer, der ihm treu geblieben ist, ist die Schweizer Legende Walter Roderer. Er bildet praktisch die Klammer seines Schaffens. Einer breiten Öffentlichkeit ist Roderer nicht als Schmuddelmann ein Begriff, im Gegenteil.
Eppenberger: Als Dietrich versucht hat, mit «seriösen Filmen» Geld zu machen, mit den erwähnten Heimatfilmen, dann mit den Wallace-Krimis, gab es die Roderer-Komödien, von denen zumindest «Der Herr mit der schwarzen Melone» als Schweizerfilm-Klassiker gilt. Dann hatten auch sie sich zerstritten. Dietrich ist aber auf Roderer zurückgekommen, als er wieder halbwegs in seiner seriösen Phase war. Er hatte die «Wildgänse»-Filme gemacht. Nun sah er den Erfolg, den Emil in Deutschland hatte, und dachte sich: Ich kann mit Roderer das selbe tun.
Netzeitung: Es entstand «Ein Schweizer Namens Nötzli». Und dann das Sequel «Der doppelte Nötzli». Der letzte Film, den Dietrich überhaupt produziert hat, nimmt ja ironischerweise mit einer Bordellgeschichte wieder ein Motiv der Sexfilme auf.
Eppenberger: Ja, aber das geschah, weil sich die Bünzligkeit des Schweizer Nötzlis mit dem Element Sex sehr gut darstellen konnte. Sie müssen den Film gesehen haben, er ist wirklich öde. Allerdings spielt er im Nachwende-Berlin, mit wirklich gespenstischen Aufnahmen, es wurde ja in Ostberlin gedreht. Stichwort: Otto-Nuschke-Straße.
Netzeitung: Stichwort Berlin: Wie war sein Verhältnis zum Kollegen Atze Brauner?
Eppenberger: Sie hatten wenig miteinander zu tun. In Deutschland war Dietrichs Mann eher Wolf C. Hartwig, der mit dem «Schulmädchenreport» sehr reich geworden ist. An ihm richtete Dietrich seine Karriere aus. Brauner hat viel mit Jess Franco zusammengearbeitet, der ja dann auch bei Dietrich gelandet ist. Aber Brauner hatte viel stärker eine moralische Mission. Neben seinem Exploitation-Business, neben seinen Krimis, Kriegsfilmen, und auch ein paar Sexfilmen hat er Fassbinder produziert.
Netzeitung: Interessant beim «Doppelten Nötzli» ist auch die weibliche Hauptdarstellerin Lolita Morena.
Eppenberger: Die mit Lothar Matthäus ein Verhältnis hatte. Just während der Dreharbeiten zum «Doppelten Nötzli». Das erzählte der Allrounder der Dietrich-Factory, George Morf, ein Feierabend-Kickerkumpel von Günther Netzer. Lolita sei jeden Abend ausgebüchst und erst am Morgen wieder zurück gekommen. Angeblich waren sie die einzigen, die wussten, dass sie zu Loddar ging. Na ja.
Benedikt Eppenberger (geb. 1964) ist Historiker und Comiczeichner und lebt in Zürich. Mit ihm sprach Michael Angele.
Benedikt Eppenberger, Daniel Stapfer: Mädchen, Machos und Moneten. Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich, Verlag Scharfe Stiefel, 200 Seiten, 35 Euro.

