Honorarstreit: 

netzeitung.de«Böse große Verlage, arme kleine Übersetzer»

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Kaufmännischer Geschäftsführer der Ullstein Buchverlage: Hartmut Jedicke (Foto: Ullstein<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kaufmännischer Geschäftsführer der Ullstein Buchverlage: Hartmut Jedicke
Foto: Ullstein
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Seit Jahren schwelt zwischen Übersetzern und Verlagen der Streit um Honorare. Die Netzeitung hat den Geschäftsführer der Ullstein Buchverlage, Hartmut Jedicke, nach den Hintergründen befragt.

Hinter verschlossenen Türen wird seit einiger Zeit im Vergütungsstreit zwischen Verlagen und Übersetzern verhandelt. Inzwischen lassen sich die Übersetzer, die eine Verdreifachung des Seitenhonorars und eine Gewinnbeteiligung fordern, von Verdi vertreten, was zu einer Verhärtung der Fronten geführt hat. Dennoch gibt es laut Campus-Verleger Thomas C. Schwoerer, Vorsitzender der Verlage im Schlichtungskommitee, seit einiger Zeit «konstruktive Gespräche», wie er der Netzeitung sagte.

Neben dem Campus Verlag beteiligen sich auch Vertreter vom Fischer Verlag, Random House, der Bonnier Holding, Kinder- und Jugendbuch Verlage, Kunstmann, Aufbau und weitere an den Verhandlungen.

Auslöser der Auseinandersetzungen ist laut Schwoerer eine unterschiedliche Auslegung der Urheberrechtsklausel, welche eine «angemessene Vergütung» vorschreibt: «Die Umschreibung ist höchst interpretationsfähig und dadurch gibt es sehr verschiedene Auffassungen davon, was als angemessen zu verstehen ist. Und wir als Verlage haben das Marktübliche als angemessen verstanden und Verdi eine substantielle Erhöhung der Vergütung der Übersetzer. Wir haben mehrere Verhandlungsrunden gehabt, die aus Verlegersicht an den überhöhten Forderungen von Verdi gescheitert sind.»

Die Netzeitung sprach mit Hartmut Jedicke auf der Buchmesse über die Hintergründe des Streits. Als kaufmännischer Geschäftsführer des Piper Verlags in München erlebte Jedicke, wie der Verlag aufgrund von Forderungen nach einer Gewinnbeteiligung einer Übersetzerin ins Kreuzfeuer geriet. Heute ist Jedicke kaufmännischer Geschäftsführer der Ullstein Buchverlage in Berlin.

Netzeitung: Herr Jedicke, wie kam es zu dem sogenannten Übersetzerstreit – ging es tatsächlich nur um das Seitenhonorar?

Hartmut Jedicke: Kernpunkt des Problems ist, dass sich die Übersetzer – zu recht – als eine intellektuell hoch ausgebildete Gruppe definieren, die in Deutschland ziemlich schlecht bezahlt ist. Dies gilt ganz besonders für die literarischen Übersetzer.

Man hatte sich damals vorgenommen, politischen Druck über öffentliche Diskussionen auszuüben. Im Nachhinein glaube ich, dass Piper ein richtiges Vorzeigeopfer war, wobei wir mit Wagenbach und Suhrkamp ja in guter Gesellschaft waren. Wir haben damals festgestellt, dass die Öffentlichkeit keinem vernünftigen Argument zugänglich war, das Ganze war sehr emotional geprägt.

Netzeitung: Sie meinen damit die Darstellung in den Medien?

Jedicke: Viele Journalisten sind selbst Übersetzer, und viele verstehen die Hintergründe nicht, um sie angemessen sachlich darstellen zu können – das ist bis heute noch niemandem in irgendeiner Weise öffentlich gelungen. Sondern es wird da mit Schlagworten gearbeitet, die die Verlage immer schlecht aussehen lassen – die großen bösen Verlage gegen die kleinen armen Übersetzer, das ist die Überschrift, unter der alles steht.

Das Ganze hat sich dann auch politisch entsprechend weiter entwickelt, die Politiker ließen sich durch Nachrichten und Artikel überzeugen, die Gewerkschaft hat glaubhaft mehrfach versichert, dass ein Übersetzer durchschnittlich 1000 Euro im Monat verdient. Inzwischen ist mehrfach gerichtlich festgestellt worden, dass Übersetzer so bezahlt sind wie Lektoren, wenn sie denn mit Aufträgen einigermaßen gut ausgelastet sind.

Es ist auch klar, dass Übersetzer durchschnittlich besser bezahlt sind als Autoren, trotzdem ist es gelungen, der Politik diesen Floh ins Ohr zu setzen, dass man Übersetzer ganz pauschal besser bezahlen muss. Und Piper war einer der Fälle, der ganz gezielt aus diesen Gründen hochgespielt wurde.

Netzeitung: Damals ging es um die Übersetzung von Alessandro Bariccos Roman «Seide».

Jedicke: Frau Krieger, die Übersetzerin von «Seide», ein kleines Buch von 99 Manuskriptseiten, das sich ganz gut verkauft hat, hat über einen Anwalt, der inzwischen viele Übersetzer vertritt, Forderungen an den Piper Verlag gestellt, die völlig unangemessen waren. Und das auf eine Weise, die für Piper sehr hohen Druck entfaltete, nach dem Motto: Entweder ihr zahlt, oder wir machen einen Muster-Prozess. Piper hat eingelenkt und inzwischen riesige Summen, von denen man sich gut eine Eigentumswohnung leisten kann, an Frau Krieger für diese 99 Seiten bezahlt, die in wenigen Tagen übersetzt waren.

Netzeitung: Welche Konsequenz haben Sie daraus gezogen?

Jedicke: Da es sich um ein Absatzhonorar handelte, die Übersetzerin also mit jedem verkauften Buch beteiligt werden musste, hat Piper sich entschlossen, das Buch neu übersetzen zu lassen und künftig mit einer anderen Übersetzerin zu arbeiten. Auch darauf wurde sehr emotional reagiert und mit Urheberrechten, dem Töten von Kindern und der Bewahrung von Kultur argumentiert – nicht sachlich und öffentlich sehr hochgespielt.

Zwischenzeitlich ist es Verdi mit politischem und öffentlichem Druck von Übersetzerseite gelungen, ein Gesetzesänderung im Urheberrecht durchzusetzen, mit der sich viele Verlage nicht anfreunden können: Darin wird die augenblickliche Praxis aller deutschen Verlage pauschal als unredlich bezeichnet. Künftig sollen die Verlage ihre Übersetzer gefälligst redlich bezahlen, wenn nicht, kann der Übersetzer gegen den Verlag klagen – was auch immer das Wort redlich bedeutet.

Netzeitung: Ohne gegebene Rechtssicherheit – da kommt in den Gerichten keine Langeweile auf.

Jedicke: Nun müssen dementsprechend viele arme Richter, die von der Sache wenig verstehen, Recht sprechen und tun sich ziemlich schwer damit. Viele erste Instanzen sind durch und sehen auch entsprechend unterschiedlich aus, die zweiten stehen bevor und irgendwann wird der BGH entscheiden, aber das kann viele Jahre dauern. Das heißt, wir haben vermutlich erst in vier bis fünf Jahren Rechtssicherheit für Verlage und Übersetzer.

Netzeitung: Gibt es Alternativen zu dieser juristischen Entwicklung?

Jedicke: Die Alternative, die dieses Gesetz vorsieht, besteht darin, Übersetzer und Verlage an einen Tisch zu zwingen, um Vergütungsregeln aufzustellen, im Grunde eine Art Tarifvertrag. Diese Vergütungsregeln wären dann als Untergrenze verbindlich und wer sich daran hält, hat Rechtssicherheit. Über diese Frage finden seit zwei bis drei Jahren Gespräche statt, die aber nicht richtig von der Stelle kommen, weil die Übersetzer, ermutigt von der Bundesregierung, eine Verdreifachung ihrer Honorare fordern.

Das ist von den Verlagen nicht verkraftbar und führt dazu, dass es weniger Übersetzungen geben wird. Letztendlich schaden sich die Übersetzer also selbst. Die Entwicklung finde ich für die Branche und die Vielfalt der Bücher bedenklich.

Netzeitung: Gibt es keinerlei Annäherung zwischen den Parteien?

Jedicke: Seit einiger Zeit finden relativ konstruktive Gespräche statt, allerdings mit offenem Ergebnis.

Netzeitung: Was würde eine Alternative zur Seitenpauschale für Übersetzer bedeuten?

Jedicke: Die Übersetzer erhalten traditionell ein Seitenhonorar. Darüber hinaus gab es schon immer einen Besteller-Paragraphen, der für alle Urheberrechtsinhaber (also auch Autoren) gilt. Wenn ein Buch unerwartet zu einem Bestseller wird – das Ganze gilt meines Erachtens auf ein Disney-Urteil zurück, weil der Mickey Mouse-Erfinder mit nur wenigen Dollars abgespeist wurde und aufgrund dieser Figur ein ganzer Konzern entstanden ist – dann ist der Urheber in einer «angemessenen Weise» – ein ähnlich undefiniertes Wort wie «redlich» – am Erfolg zu beteiligen.

Jetzt fordern die Übersetzer, dass sich das Honorar künftig aus einem Pauschalhonorar, dem traditionellen Seitenhonorar und einem Absatzhonorar für jedes verkaufte Exemplar zusammensetzt.

Netzeitung: Das klingt durchaus logisch.

Jedicke: Man muss sich aber die Konsequenz dessen überlegen. Man stelle sich vor, Sie halten das neue Manuskript eines sicheren Bestsellers in der Hand und sollen nun die Übersetzung vergeben. Es gibt in Deutschland Hunderte von Übersetzern, die z.B. einen neuen Dan Brown übersetzen können, das ist nicht besonders schwierig – ähnliches gilt für weitere Titel auf der Bestsellerliste. Das Gesetz regelt, dass Sie diesem Übersetzer ein – in Relation zum Zeitaufwand und zum Schwierigkeitsgrad – völlig unangemessen hohes Honorar zahlen müssen.

Um einen langfristig befriedigenden Kompromiß in dieser Angelegenheit zu finden, sind meines Erachtens zwei schwierige Themenkreise zu lösen. Erstens: Die Struktur der künftigen Übersetzerhonorare ist von entscheidender Bedeutung. Die vom Gesetzgeber verlangte Erfolgsbeteiligung kommt nur einigen wenigen Übersetzern zugute, die sich überwiegend der Unterhaltungsliteratur widmen. Die literarischen Übersetzer haben nichts davon.

Denn man weiß doch, dass die Übersetzung hochliterarischer Texte aus dem Ausland sehr viel schwieriger, aufwändiger und zeitfressender ist als ein einfacher englischer Unterhaltungstext. Und man hat überhaupt keine Chance, damit in die Bestsellerlisten und damit zu einem «Erfolgshonorar» zu kommen. Diese Übersetzer, die diese wichtige Kulturarbeit leisten, haben von der Neuregelung überhaupt nichts, sondern nur die Übersetzer für den Mainstream und Massenmarkt.

Deshalb sind die literarischen Übersetzer, für die dieses Gesetz ursprünglich gedacht war, mit einer solchen Regelung unzufrieden. Von ihnen kommt daher der Druck, die Seitenhonorare zu vervielfachen. Wenn jetzt, wie gefordert, das Seitenhonorar aller Titel für die Übersetzer verdreifacht würde, dann würden immer mehr literarische Titel, die sich fast immer schwierig kalkulieren lassen, rausfallen, weil sie sich nicht mehr rechnen lassen.

Deshalb gibt es einen Vorschlag von der Verlegerseite, eine Erfolgsbeteiligung der Übersetzer zumindest ab einer bestimmten Stelle von der Einzelperson abzukoppeln und in einen Fonds einzuzahlen, der insbesondere den literarischen Übersetzern zugute kommen soll.

Zweitens: In Summe müssen die zu vereinbarenden Übersetzerhonorare für die Verlage tragbar bleiben, sonst wird es weniger Übersetzungen geben, oder weniger Verlage.

Aber wie gesagt – wir sind in konstruktiven Gesprächen. Wie es weiter geht, wissen wir noch nicht. Aber es ist von allen Seiten ein konstruktiver Wille da.

Mit Hartmut Jedicke sprach Julia Niemann.