Papst Benedikt: 

netzeitung.deWas Vernunft ist, bestimme ich

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Papst Benedikt XVI. (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Papst Benedikt XVI.
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Problem an der Regensburger Vorlesung des Papstes ist nicht ein jahrhundertealtes Zitat. Bedenklich ist, dass er auf die Vernunft, die er anderen abspricht, ein Monopol beansprucht.

Von Christoph Fleischmann

Viele Moslems haben sich darüber aufgeregt, dass der Papst in seiner Regensburger Vorlesung die Vernunft für das Christentum reklamiert hat und den Islam unter den Generalverdacht gestellt hat, dass er einen unvernünftigen, willkürlichen Gott predige und deswegen zu Heiligen Kriegen neige.

Zumindest die intelligenteren der Moslems haben sich darüber echauffiert und nicht darüber, dass Papst Benedikt ein Zitat des byzantinischen Königs Manuel II. benutzt hat. Das anschließende Bedauern des Papstes galt allerdings nur dem falsch verstandenen Zitat und eben nicht der – möglicherweise richtig verstandenen – Frontstellung, die der Pontifex eröffnet hat.

Aufklärung ist griechische Metaphysik
In den deutschen Medien wurde dem Papst aber höchstens Ungeschicklichkeit attestiert, und den Moslems pawlowsche Reflexe. Ansonsten sollten es die Moslems doch bitte genauso wie der Papst mit der Vernunft halten. Was aber versteht der «Gelehrten-Papst» unter Vernunft und Aufklärung?

Um es vorweg zu sagen: Nicht dasselbe, was der common sense darunter versteht. Aufklärung ist für Benedikt in erster Linie die griechische Metaphysik. Das befindet jedenfalls der katholische Theologe Hermann Häring, der sich ausführlich mit der Theologie von Joseph Ratzinger beschäftigt hat.

Religion als Fortsetzung der Philosophie
Die griechische Philosophie, besonders der Mittel- und Neuplatonismus, war in den ersten Jahrhunderten nach Christus die vorherrschende Philosophie, und sie hatte durchaus auch eine mythenkritische Stoßrichtung gegen die religiösen Kulte der damaligen Zeit. In diesem Sinne war sie aufklärend.

Das junge Christentum, so Ratzingers These, habe sich nun nicht als eine weitere Religion verstanden, sondern als konsequente Fortsetzung der «Philosophie» und damit in eine aufklärerische Tradition gestellt. Ob das wirklich bei allen oder nur den wichtigsten Vertretern des jungen Christentums so nachzuweisen ist, ist allerdings fraglich.

Gotteslehre auf den Begriff gebracht
Unstrittig ist aber, dass die Ausformulierung der christlichen Glaubenslehren durch die kirchlichen Konzilien ab dem vierten Jahrhundert von der griechischen Philosophie maßgeblich beeinflusst ist: Das Eigentliche sind die jenseitigen Ideen, wobei der Rückschluss von der sichtbaren auf die unsichtbare Welt möglich ist.

In dieser Metaphysik fanden die Theologen der alten Kirche ein Instrumentarium, die Lehre von Gott und Christus auf den dogmatisch sicheren Begriff zu bringen – also etwa darauf, dass Gott drei Personen in einer vereint, und dass Christus eine menschliche und eine göttliche Natur hat.

Vielstimmige Bibel
Ratzingers These ist nun, dass dies keinesfalls nur ein zeitbedingter Ausdruck der christlichen Botschaft ist, vielmehr sei bei der Hochzeit von griechischer Philosophie und Glaubensbotschaft der Glaube erst auf den gültigen, und man darf wohl sagen end-gültigen, Begriff gekommen. Umgekehrt sei die Vernunft in den Dogmen der Kirche zu Ihrer Vollendung gelangt.

Das erklärt die dreifache Frontstellung von Benedikt in seiner Regensburger Vorlesung: Einerseits gegen den Protestantismus, denn der will die Hochzeit von griechischer Metaphysik und christlicher Botschaft nicht als endgültig hinnehmen. Für den Protestantismus ist nur die Bibel letzte Autorität, die ist aber wesentlich vielstimmiger und unpräziser und damit interpretationsoffener als die sicheren Begriffe der Konzilsbeschlüsse.

Moslems wollen nicht unvernünftig sein
Die zweite Front geht gegen die Aufklärung, wie wir sie kennen. Die wird von Benedikt zwar nicht in allen ihren Ergebnissen abgelehnt, wo sie aber dem Dogma entgegensteht, ist sie für ihn eben doch irregeleitete Vernunft. Besonders stößt er sich an Immanuel Kant, der den Glauben auf den Bereich der praktischen Vernunft, also der Ethik, beschränkt wissen will und ihn für das Erkennen der Welt als unsachgemäß ablehnt. Dies, sagt Benedikt, sei eine unzulässige «Selbstbeschränkung der Vernunft».

Und die dritte Front ist dem Papst nun nach seiner Vorlesung um die Ohren geflogen: Die Moslems wehren sich gegen die Zuschreibung, einem unvernünftig und willkürlich handelnden Gott zu huldigen, nur weil sie ihn nicht dogmatisch sichergestellt und auf den letztgültigen Begriff gebracht haben.

Glaube und Vernunft
Benedikt will die schiedlich-friedliche Trennung von Glaube und Vernunft nicht mitmachen: Hier das Reich des Glaubens, das mit Vernunft eben weder zu beweisen noch zu widerlegen ist; dort das wissenschaftliche Erkennen. Das erscheint ihm als Einfallstor des Relativismus, dann würde der Glaube der Subjektivität des Einzelnen anheim gestellt.

Man mag zugeben, dass es sicher kein Fortschritt ist, wenn Glaube und Vernunft sich überhaupt nicht mehr in Verbindung bringen lassen. Benedikt aber will Glaube und Vernunft auch nicht so zusammen bringen, dass die Dogmen immer wieder von der Vernunft gereinigt oder gar neu formuliert werden, auch wenn er von der Kritik durch die Vernunft spricht.

Wer hütet die Vernunft?
Seine Offenheit für vernünftige Kritik bleibt zumindest ambivalent, da er die christlichen Dogmen eben als Vollendung und höchsten Ausdruck der Vernunft darstellt. Damit wird, um das mindeste zu sagen, ein zeitbedingter Ausdruck der Vernunft dem Fortschritt des Denkens gegenüber isoliert. Weitergedacht heißt das: Letztlich weiß der Glaubenshüter am Besten, was vernünftig ist, schließlich hat sich in seinem Dogma die Vernunft vollendet.

Wer aber versuche, den katholischen Glauben als (allein) vernunftgemäß auszugeben, der neige zum Totalitarismus. Das ist der Vorwurf des Philosophen Paolo Flores d'Arcais, mit dem Benedikt, als er noch Kardinal Ratzinger war, lebhaft diskutierte. Wenn die Anhänger anderer Religionen also zugleich auch als die Unvernünftigeren gelten, haben sie schlechte Karten.
Anspruch aufs Vernunftmonopol
Schließlich müssen die Unvernünftigen um ihrer selbst und der anderen Willen per Gesetz zu einem Leben verpflichtet werden, das der Vernunft entspricht. So beansprucht die katholische Kirche für ihre moralischen Wertvorstellungen (z.B. bei Abtreibung und Gleichstellung von Homosexuellen) ein Vernunftmonopol und gesamtgesellschaftliche Gültigkeit. Flores d’Arcais fürchtet deswegen, «die Neigung, die eigenen Auffassungen aufzuzwingen, sobald sich die Möglichkeit dazu bietet».

Wenn dieses Thema mit auf die Tagesordnung käme, dann könnte der Dialog zwischen Muslimen und Christen, der ja die Gewaltfrage nicht ausklammern soll, wieder richtig spannend werden.