Herman & Co.: 

netzeitung.deRabenmütter gibt es nur in Deutschland

 Herausgeber: netzeitung.de

Eva Herman will zurück zur Natur (Foto: ARD/NDR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Eva Herman will zurück zur Natur
Foto: ARD/NDR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wie falsch die rückwärtsgewandten Thesen Eva Hermans sind, zeigen neue Studien. Überall, wo die Emanzipation tatsächlich stattgefunden hat, bekommen Frauen mehr Kinder als in Deutschland.

Von Sabine Pamperrien

Fast genau ein Jahr ist es her, dass die «Zeit»-Redakteurin Susanne Gaschke mit dem flott geschriebenen Buch «Die Emanzipationsfalle» die umstrittene These in die Welt setzte, die Emanzipation der Frauen sei der Grund für das Sinken der Geburtenziffern in Deutschland: Die Emanzipation habe den Drang in Ausbildung und Beruf gefördert. Und je besser ausgebildet und erfolgreicher im Beruf die deutsche Frau sei, umso fortpflanzungsunwilliger werde sie.

Gaschkes Buch wurde in allen großen Feuilletons besprochen und in seiner Bestandsaufnahme deutschen Frauenlebens zu Beginn des 21. Jahrhunderts als überaus treffend gelobt. Allerdings hielt bis hin zur «FAZ» niemand die Begründungen und die daraus hergeleiteten Vorschläge zur Bewältigung des Bevölkerungsrückgangs für realistisch. Eva Herman hat sich nun für ihr «Eva-Prinzip» eine weitere Zuspitzung der Gaschke-Thesen ausgedacht. Die fundierte Feminismus-Kritik der «Zeit»-Autorin verkürzte die Nachrichtensprecherin auf die simple These, der Platz der Frau sei im Haus.

«Bestenfalls Kaffeesatzleserei»
Schon Frank Schirrmachers «Methusalem-Komplott» ließ die Nation angesichts ihres baldigen Aussterbens wohlig erschauern. Die vereinzelten Stellungnahmen von Experten, die besagten, dass sich die Sache mit dem Bevölkerungsschwund aus fachlicher Sicht doch etwas anders verhält, verhallten im Off. Wer hört schon gern, dass die Geburtenstatistik für Deutschland schon dann gar nicht mehr so dramatisch ist, wenn man die richtige Kennzahl zum Vergleich heran zieht.

Die deutsche Geburtenrate ist tatsächlich die niedrigste der Welt. Sie gibt die Zahl der Kinder je 1000 Einwohner an und geht mit dem Altern der Bevölkerung naturgemäß zurück. Bei der tatsächlich für die Bevölkerungsstatistik relevanten Geburtenziffer, die die Anzahl der Kinder je Frau angibt, sieht das etwas anders aus.

Sowohl Spanien, Italien, Griechenland, als auch fast alle neuen EU-Mitgliedsstaaten liegen hinter der deutschen Geburtenziffer. Prognosen, die vom Aussterben der Deutschen im Jahr 2100 sprechen, bezeichnet der Statistiker Professor Gerd Bosbach daher als «bestenfalls Kaffeesatzleserei, im schlimmsten Fall schlichten Unsinn».

Gut ausgebildet
Bosbach wies im Interview mit der Netzeitung auch auf den Umstand hin, dass die Überalterung der deutschen Bevölkerung bereits seit 50 Jahren bekannt sei und ihr drastischster Anstieg schon weit zurück liege. Trotz Kenntnis der Sachlage seien die Sozialsysteme aber immer weiter aus- und nicht abgebaut worden. Erst die andauernd hohe Arbeitslosigkeit habe zu einer geänderten Wahrnehmung geführt. Bosbach wagt die These, dass die Diskussion um die demografische Entwicklung der Politik lediglich dazu diene, von ihrer Hilflosigkeit gegenüber der Massenarbeitslosigkeit abzulenken.

Vor diesem Hintergrund wird dann besonders interessant, dass Journalisten wie Herman nun für eine allenfalls dem Spekulativen zuzuordnende Bedrohung die Schuldigen suchen. Plötzlich sind es die Frauen selbst, die das bevorstehende Aussterben der Deutschen zu verantworten haben, insbesondere jene, die gut ausgebildet in guten Berufen arbeiten.

«Opfer des Emanzipationswahns»
Gaschke etwa riet den Frauen, erwachsenere Beziehungen zum Zwecke der Familiengründung einzugehen und beanspruchte außerdem die Deutungshoheit darüber, welche gesellschaftlichen Schichten bevorzugt zur Fortpflanzung animiert werden müssten.

Herman wiederum verlangt rigoros die Rückkehr zur «eigentlichen Natur» des Weiblichen. Längst vergessene Thesen des Radikalfeminismus der frühen siebziger Jahre werden von ihr bemüht, um mittels eines uralten Feindbildes die real erreichte Chancengleichheit von Mann und Frau erneut zu einem Geschlechterkampf umzudefinieren. Dass dieser sich aber schon in den Siebzigern fast ausschließlich in den Medien zutrug, bleibt selbstverständlich unerwähnt.

Staunend kann man bei Herman lesen, dass arbeitende Frauen hormonell vermännlichten. Parallel dazu verweiblichten verschreckte Männer und liefen den herrischen Frauen scharenweise davon. Haben diese entweiblichten Frauen – «ihr wahres Selbst verleugnende Opfer des Emanzipationswahns», so Herman – aber wider Erwarten Kinder, ist es auch nicht recht: Herman bastelt sich nämlich aus allerlei verhaltensbiologischen Beobachtungen die These zurecht, Kinder solcher Rabenmütter wüchsen zu beziehungsunfähigen Erwachsenen heran.

Nur scheinbar modern
All dieses Geplapper wäre nicht der Rede wert, müsste nicht auf einen wesentlichen Umstand hingewiesen werden: Hermans Unsinn ist in gewisser Hinsicht repräsentativ für die Mentalität in der Bundesrepublik. Wir leben nur scheinbar in einem modernen Land: Tatsächlich zählt die deutsche Gesellschaft zu den rückständigsten innerhalb der EU, wie eine neue Studie zeigt.

Interessant wird es, wenn es gilt, daraus die richtigen Schlüsse auch für die demografische Entwicklung zu ziehen. Denn zwischen Emanzipation und Demografie besteht in den Industrieländern tatsächlich ein Zusammenhang.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat im Jahr 2005 eine europaweite Studie zum Phänomen des so genannten ökonomisch-demografischen Paradoxons vorgelegt: Warum sinken in den westlichen Industrienationen die Geburtenzahlen, obwohl die Menschen sich bei steigendem Wohlstand mehr Kinder leisten könnten? Da die Geburtenziffern in den europäischen Ländern stark differieren, wurde in der Studie eine differenzierende Analyse erarbeitet. Insbesondere wurde hinterfragt, ob die Emanzipation der Frauen eine besondere Rolle spielt.

Verharren im Traditionalismus
Die Gleichstellung von Männern und Frauen erwies sich sogar als der bedeutendste Faktor bei den Voraussetzungen für das Realisieren des Kinderwunschs. Der daraus zu ziehende Schluss fällt allerdings gänzlich anders aus, als Gaschke und Herman es darstellen. Es werden nämlich dort die meisten Kinder geboren, wo die Emanzipation am weitesten fortgeschritten ist. In den Ländern, in denen die Erwerbsbeteiligung von Frauen am höchsten ist und in denen Frauen auch nach der Geburt ihrer Kinder am seltensten ihre Erwerbstätigkeit aufgeben, sind die Geburtenziffern am höchsten.

Das Fazit der Studie besagt, dass die Geburtenraten dort am meisten zurückgehen, wo Frauen zwar weitgehend emanzipiert sind, der Rest der Gesellschaft aber noch auf einem vergleichsweise traditionellen Entwicklungsstand verharrt. In Gesellschaften, in denen die neue Rolle der Frau anerkannt und unterstützt wird, werden hingegen die meisten Kinder geboren. Nach Spanien, Italien und Griechenland ist Deutschland das frauenunfreundlichste und deshalb kinderärmste Land Europas.

Ein weiteres Argument für den Rückgang der Kinderzahlen wird in der Studie entkräftet: Stabile Ehen sind durchaus nicht Voraussetzung für reichen Kindersegen. Denn auch die Scheidungshäufigkeit ist ein Indikator für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Wo Frauen die Möglichkeit haben, im Fall einer Trennung finanziell unabhängig von ihrem männlichen Partner zu existieren, muss der Kinderwunsch nicht unterdrückt werden. In Ländern mit einem höheren Anteil außerehelicher Geburten kommen daher sogar generell mehr Kinder zur Welt.

Nicht wirklich modern
Wie es sich im Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts das Leben als beruflich erfolgreiche Mutter anfühlt, haben die beiden «Spiegel»-Redakteurinnen Anke Dürr und Claudia Voigt in dem im März erschienenen Sammelband «Die Unmöglichen. Mütter die Karriere machen» dokumentiert. Vierzig Jahre nach den lautstarken Interventionen des Radikalfeminismus wird von ihnen der Umstand als Hoffnungsschimmer verstanden, dass die wenigen Frauen in Deutschland, die Karriere machen und zugleich Kinder aufziehen, nicht mehr grundsätzlich als Rabenmütter diffamiert werden.

Und trotzdem zeigt jedes der Portraits, dass in Deutschland die Uhren noch anders ticken als in den wirklich modernen westlichen Ländern, deren Bewohner gern Kinder in die Welt setzen. Professor Constance Scharff etwa musste nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nach Jahren in den USA und Frankreich erst einmal lernen, dass es hierzulande noch längst keine Selbstverständlichkeit ist, was in den anderen Ländern nicht einmal mehr problematisiert wird: die arbeitende Mutter.

Woanders hilft der Staat
Evelyn Roll hat in ihrem Beitrag zu dem Sammelband über diesen neuerlichen deutschen Sonderweg ein paar wütende Notizen gemacht. Eigentlich hat eine junge Frau aus Deutschland auch heute nur wenig Chancen, eine große Karriere zu machen und eine glückliche Familie mit Kindern zu haben. Am besten ergeht es ihr, wenn sie ins Ausland geht. «Anderswo gibt es weder das pseudo-wissenschaftlich-entwicklungspsychologische noch das gesellschaftlich-repressive Argumentationsfutter für das angeblich so große Mutter-Kind-Karriere-Dilemma. In anderen Ländern hilft der Staat dabei, dass gerade die sehr gut ausgebildeten Mütter nicht dem Arbeitsmarkt verloren gehen.»

In anderen Sprachen gibt es nicht einmal ein Wort für den deutschen Terminus «Rabenmutter». Auf deutschen Spielplätzen hingegen müssen sich berufstätige Mütter noch immer vor deutschen Hausfrauen für ihren «Egoismus» rechtfertigen. Und nun werden sie auch noch von einer «Tagesschau»-Sprecherin diszipliniert. Das Resultat dürfte im schlimmsten Fall ganz gegen die Intention von besorgten Müttern wie Herman ausfallen: noch mehr Frustration, noch weniger Kinder.